Hoffmanns Erzählungen Muc

Dauerbenebelt

Diana Damrau (Olympia), Rolando Villazón (Hoffmann) Foto: W. Hösl

Rolando Villazon singt in München Offenbachs Hoffmann, Diana Damrau dessen drei Frauen. Am Pult steht Constantinos Carydis, Richard Jones übernahm die Regie

(München, 31. Oktober 2011) Nicht nur Hoffmann verliebte sich spontan in die Puppe Olympia, auch das Münchner Publikum ließ sich bei der Premiere von Jacques Offenbachs Oper "Les Contes d’Hoffmann" ("Hoffmanns Erzählungen") am vergangenen Montag im Nationaltheater von der Automaten-Schönheit im Barbie-Look bezirzen. Diana Damrau sitzen – auch nach der Babypause – die Koloraturen so locker in der Kehle wie eh und je, und ihre Spielfreude wirkt ungebremst. Kein Wunder also, dass der Welt-Star aus Günzburg gleich nach allen Frauen Hoffmanns griff, die gefeierte, stumme Sängerin Stella der Rahmenhandlung verkörperte und sich – mit ihren Stimm-Mitteln wuchernd – von der mechanischen Puppe in die todgeweihte Antonia und dann auch noch in die venezianische Kurtisane verwandelte. Ob sie den Dichter umgurrt wie Letztere, ihm mit großer Inbrunst ihre Liebe gesteht oder mit abgehackten, halsbrecherischen Tongirlanden die Sinne verwirrt – Diana Damrau meistert die Herausforderung stimmlich souverän.

Darstellerisch stellt ihre Barbie-Olympia die Nachfolgerinnen eindeutig in den Schatten: Virtuos singend und herrlich komisch agierend lässt sie den Puppenkörper rucken und stocken, ausrasten und sich wieder einklinken in den von Meister Spalanzani (Ulrich Reß) erfundenen Mechanismus. Und die Barbie-Plastik-Beine schwingen im Takt dazu – dafür sorgt ein eigens engagierter Puppenspieler: Robert Rebele.

Keine Frage, zu Olympia und ihrem Drumherum hat sich Regisseur Richard Jones etwas einfallen lassen. Giles Cadles Einheitsraum – zuvor Spitzweg-Stube des armen Poeten, dann Sauf-Keller bei Luther und Wegener – verwandelt sich mit Licht und Farbe in ein kunterbuntes Kinderzimmer. Hier steckt Kostümbildnerin Buki Schiff die Chor-Damen in Rüschenkleidchen und die Herren in Matrosenanzüge – ein Kindergeburtstag, den auch der Titelheld noch in kurzen Hosen absolviert.

Hoffmann in Wonderland – diese Assoziation taucht auf und auch ein bisschen Struwwelpeter-Stimmung, wenn Antonia an Paulinchen erinnert und der Dichter mit Nicklausse und seinen drei, permanent als staunenden Zuschauern eingebundenen Freunden – Nathanael (Dean Power lässt aufhorchen), Hermann (Tim Kuypers) und Wilhelm (Andrew Owens) – Pfeife rauchend vor dem Zwischenvorhang aufmarschiert. Die aufsteigenden Rauchkringel formen jeweils die Namen der Damen (Olympia, Antonia, Giulietta), die der trunkene Hoffmann in seinen Phantasien heraufbeschwört. Gab es sie wirklich oder spuken sie nur durch sein dauerbenebeltes Hirn? Kumpel Nicklausse, im Gewand des jungen Poeten auch Alter Ego und Muse zugleich, durchschaut es: "Drei Dramen in einem… Olympia, Antonia, Giulietta – sind ein einziges Weib: Stella."

Sie wendet sich am Schluss enttäuscht ab vom zwischen Rausch und Wahn delirierenden Dichter, dessen glaubwürdigster Part der des Kleinzack ist. Rolando Villazon ist als Offenbachs Hoffmann auf die Bühne des Nationaltheaters zurückgekehrt und genießt es sichtlich, dem Gnom mit dem dicken Bauch und den schlackernden Beinen komödiantisches Leben einzuhauchen: Klick klack, voilà, voilà Kleinzack.
Dabei singt der Tenor den dauerpräsenten Titelhelden so offen, so ungeschützt wie vor der Krise, aber leider angestrengter und ohne den Höhenglanz von einst. Wo sich der Zuhörer früher genießend zurücklehnte, bangt er heute. Dennoch mobilisierte Villazon alle Kräfte und enttäuschte das Publikum nicht.

Es begeisterte sich auch für Jones‘ Regie, die allerdings nach flottem Start und betörendem Olympia-Akt ihren Höhenflug nicht fortsetzte. Die – natürlich dramaturgisch nicht üble – Idee des Einheitsbildes, das sich – wie gesagt – nur durch Licht und Farben und ein paar verrückte oder mutierte Möbel unterscheidet, erschöpfte sich doch rasch. Da hellten nette Gags kurzfristig die Stimmung auf: Die Stimme von Antonias Mutter tönte als "Her Mother’s Voice" aus dem üppigen Schalltrichter des Grammophons. Und im Venedig-Bild war der Kosmetik-Spiegel vom Waschbecken der Dichter-Klause zum mannshohen Instrument gewachsen, mit dem Giulietta – hier keine Nobel-Nutte, eher eine Schlampe – den Freiern ihr Spiegelbild abluchste. Effektvoll und überraschend.

Obwohl, was szenische Überraschung und Dichte angeht, die Akte drei und vier irgendwie lahmten, sorgte der Staatsopern-Debütant im Graben immer wieder für packende Momente. Constantinos Carydis und das Staatsorchester lieferten mit Offenbachs in ihrer Vielgestaltigkeit immer wieder faszinierenden Musik die belebende Injektion. Gruselig und gespenstisch klangen die Terzette des surreal-verfinsterten Antonia-Aktes, in dem der Dirigent mit Steigerungen und Verzögerungen gekonnt für Spannung sorgte.
Dem Venedig-Akt fehlte jede plüschige Schwüle, jeder Barcarolen-Kitsch. Dies versagte auch Carydis sich, den Sängern und den Musikern. Trotzdem setzte er der coolen Szene Stimmungen entgegen: Nicklausse durfte im sanft wiegenden Sechsachtel-Takt die schöne Liebesnacht wie eine unerfüllte Sehnsucht besingen. Die junge Angela Brower wuchs spürbar mit jedem Bild in ihre Rolle hinein und bezauberte mit Charme und aufblühendem Mezzoklang.

Auch in der Diamant-Arie des Dapertutto sorgten Carydis und das den kompletten Abend über sehnig gestrafft und genau konturiert musizierende Orchester für ein samtiges Futteral. John Relyea besang den Klunker, den er aus dem Safe hinterm Venedig-Bild fischte, zwar ohne verführerischen Schmelz, aber mit einer Bariton-Finsternis, die zu den übrigen Bösewichtern – Hoffmanns Widersachern Lindorf, Coppélius und Miracle – bestens passte. Auch Kevin Conners überzeugte als dreifach geforderter Helfer, besonders im hübschen Frantz-Couplet.

Ein weiteres Plus dieser Neuinszenierung: Nicht nur der frankophilen Diana Damrau sprudelte das französische Original leicht über die Lippen. Auch Constantinos Carydis traf den trockenen Ton dieser Opéra Comique, die in München nun in einer Misch-Fassung nach den Ausgaben von Michael Kayne und Jean-Christophe Keck gespielt wurde, vorzüglich. Am Schluss einhelliger Applaus für Sänger, Chor, Dirigent und Orchester. Ein paar verhaltene Buhs fürs Regieteam gingen im allgemeinen Jubel rasch unter. 
                                                               
Gabriele Luster  

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.