Herrin des Hügels – Das Leben der Cosima Wagner

Wagner als Ersatzreligion

„Herrin des Hügels – Das Leben der Cosima Wagner“ von Oliver Hilmes. Siedler Verlag, 478 Seiten, 24,95 Euro

46 Jahre war Cosima Wagner, geborene Liszt, geschiedene Bülow alt, als ihr zweiter Mann Richard Wagner am 13. Februar 1883 in Venedig starb. Nicht nur mit den fünf Kindern auch mit den Festspielen musste sie von nun an selbst klarkommen. Und das zu einer Zeit als das Unternehmen Bayreuther Festspiele noch alles andere als finanziell gesichert war. Mit ebensoviel Geschick wie Starrsinn stellte sie sich der Aufgabe, das Unternehmen Bayreuther Richard Wagner Festspiele als Marke von internationaler Reputation zu etablieren.

Oliver Hilmes zeichnet in seiner Cosima Wagner Biographie anschaulich und gut lesbar das Porträt einer höchsterfolgreichen aber auch hochproblematischen Persönlichkeit. Als Kind des Salonlöwen Franz Liszt und der französischen Gräfin D’Agoult vernachlässigt und von gehassten Gouvernanten erzogen, flüchtet die junge Cosima in die Ehe mit dem hochbegabten Dirigenten Hans von Bülow, die ihr aber auch zum Gefängnis wird. Schliesslich die Affäre mit Richard Wagner, dem um 24 Jahre älteren Idol. Zunächst versuchen Cosima und Richard ihre Affäre geheim zuhalten. Gegen verleumderische Artikel in der Presse wird sogar eine Erklärung König Ludwigs II. zur Treue von Cosima und Bülow eingeholt. Schließlich wird die Trennung von Hans von Bülow doch unvermeidlich. Cosima stürzt dieser Schritt in tiefe, lebenslängliche Schuldkomplexe, was dazu führt, dass sie Wagner zum „Übermenschen“ stilisiert: „So schuf Cosima mit der Entscheidung vom November 1868 ihre eigene Religion, und diese hieß fortan Richard Wagner.“
Nach dem Tod Wagners agiert Cosima sehr geschickt, um die Führung der Festspiele an sich zu ziehen.

Testamentarisch hatte Wagner nichts verfügt. Cosima behält die Fäden in den Händen, es gelingt ihr, wichtige Personen aus Politik und Gesellschaft des Deutschen Reichs für die Bayreuther Sache zu gewinnen. Und sie ist es auch, die für die deutsch-nationale, antisemitische Ausrichtung des sogenannten Bayreuther Kreises die Weichen stellt. Ein Aspekt, der bislang viel zu wenig Beachtung gefunden hat und den Hilmes mit der nötigen Klarheit herausarbeitet : „Cosimas Aura als ‚Meisterin‘ und legitime ‚Gralshüterin‘, ihr organisatorisches Geschick sowie ihre ideologische Hartnäckigkeit setzten die politische Wirkungsgeschichte Bayreuths erst richtig in Gang.“
Machtpolitik wird aber auch im engsten Familienkreis betrieben, und wer sich dem Willen der grauen Eminenz Cosima nicht beugt, oder auch nur anderer Meinung ist, kann erhebliche Schwierigkeiten bekommen, wie Cosimas Tochter Isolde, die von ihrer Mutter regelrecht verstossen wird, weil ihr Mann, der Dirigent Franz Beidler die nötige Demut dem Hause Wahnfried gegenüber vermissen liess. Hilmes schildert diese Auseinandersetzung mit großer Ausführlichkeit und unter Heranziehung unveröffentlichter Briefe. Die Begebenheit wirft ein grausames Licht auf die Wagner-Familie der Vorkriegszeit, bishin zum Prozess um die Anerkennung bzw. Nichtanerkennung Isoldes als rechtmäßige Tochter Richard Wagners. Isolde verliert den Prozess, das Gericht entscheidet, dass Isolde, die während der Ehe Cosimas mit Hans von Bülow geboren wurde, nicht die Tochter Wagners, sondern die Tochter Bülows ist. Damit hat die uneheliche Tochter Richard Wagners ihre Rechte am Wagnerschen Erbe verwirkt. Nach schwerer Krankheit ist sie mit nur 54 Jahren gestorben.

Robert Jungwirth

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