Heroische Weltsicht 2

Via attrapia in Berlin

Auffallend zurückhaltend ist der Autor Sebastian Werr beim Einfluss von Wagners Antisemitismus auf Hitler. Hier eine direkte Verbindung zu sehen, so weit mag der Autor nicht gehen, womit er sich in die Reihe der Musikwissenschaftler mit Beißhemmung einreiht, wenn es darum geht, Wagners Verantwortung für Hitlers Antisemitismus zu benennen. Hier gibt es offenbar noch immer zwei divergierende Lager. Die Bedeutung Wagners für den Nationalsozialismus meint Werr auch dadurch abschwächen zu können, dass er zahlreiche Beispiele für Wagner-Gegnerschaft innerhalb der Nazioberen und demonstratives Desinteresse anführt. Da könnte man kontern und sagen, dass es selbst einem Hitler nicht möglich war, aus den Deutschen ein Volk von Opernliebhabern zu machen. Die verheerende Wirkung von Wagners schändlichem Antisemitismus, der freilich erst nach seinem Tod seine volle Wirkung entfalten sollte, können solche Argumentationen kaum entschärfen. Allein der Versuch scheint doch recht merkwürdig.

Leider ist das Buch etwas weitschweifig geraten, und Werr verliert das eigentliche Thema angesichts der Fülle des historischen Materials mitunter aus dem Auge. So wird die titelgebende „heroische Weltsicht“, die Hitler aus der Oper abgeleitet habe und die ihm zur „Leitkategorie“ geworden sei, seltsamerweise erst gegen Ende des Buchs und dort auch eher beiläufig thematisiert.

Nichtsdestotrotz gelingt Werr eine insgesamt interessante Dokumentation der Theatralität Hitlers und des Dritten Reichs – eine Theatralität, die nicht zufällig Charlie Chaplin zu seiner grandiosen Parodie der aufgeblasenen Selbstinszenierungen Hitlers in „Der große Diktator“ animiert hat.

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