Henzes Prinz von Homburg in Stuttgart

Prinz im Schmuddelbad

Erstmals in Stuttgart: Henzes „Der Prinz von Homburg“ nach Kleist/Bachmann

Von Klaus Kalchschmid

(Stuttgart, 17. März 2019) So geht es, wenn man nachts schlafwandelt, beim Aufwachen den Handschuh der Geliebten in Händen hält und später bei der Befehlsausgabe für die Schlacht nur daran denken kann, wie man ihr den Handschuh zurückgeben kann; wenn man dann zwar siegt, aber ob der Missachtung der Order per Kriegsrecht zum Tod verurteilt wird – was am Ende schließlich in letzter Sekunde aufgehoben wird. So steht es in Heinrich von Kleists „Der Prinz von Homburg“, so hat es Ingeborg Bachmann in ihrem verknappten und um viel Militaristisches entschärftes Libretto für Hans Werner Henzes Oper 1960 übernommen.

Bei Stephan Kimmig ist der Handschuh der Prinzessin Natalie von Oranien zwar zuerst edle Designer-Ware in Purpur-Rot wie des Prinzen von Homburg Trainingsanzug, aber was dieser später in Händen hält, ist ein Boxhandschuh mit Metall-Applikationen wie bei den Fingern der Rüstung eines mittelalterlichen Ritters! Solche Boxhandschuhe trägt später die Prinzessin an beiden Fäusten, was heftig kontrastiert zu ihrem ansonsten existentialistisch schwarzen Outfit samt Bubikopf oder doch auch passt zu einer emanzipierten, kämpferischen Frau. Denn Vera-Lotte Böcker ist das weibliche Zentrum dieser Stuttgarter Erstaufführung von Henzes Oper und ihre Intensität wie singschauspielerische Bühnenpräsenz, gepaart mit glasklarer und doch ungemein sinnlicher Linienführung in der Stimme toppt noch die des Prinzen alias Robin Adams. Dieser intensive Bariton mit großer Bühnenpräsenz ist schon von seiner Physis her alles andere als ein Träumer: ob er halbnackt blutverschmiert aus der Schlacht zurückkehrt und die Fahnen schwenkt, oder mit schwarzer Augenbinde, barfuß ganz in Weiß (aufs T-Shirt FREIHEIT gedruckt) am Ende seine vermeintliche Hinrichtung erwartet. Eher verkörpert er einen hyperaktiven, nie still Stehenden oder Sitzenden. Zusammen mit seinem Freund und Vertrauten, dem Grafen Hohenzollern in Gestalt des famosen, kaum 30-jährigen lyrischen Tenors Moritz Kallenberg führt er eine eigentümliche Symbiose in Singen und Bewegung vor, die ihnen Regisseur Stephan Kimming verordnet hat. Doch je länger der zweistündige Abend dauert, desto weniger stört man sich an dieser Spielastik, die vielleicht inspiriert ist von Kleists berühmtem Text „Über das Marionettentheater“ und auch als Kritik am Soldaten-Drill gedeutet werden kann.

Weniger gewöhnt man sich an die Tatsache, dass die Männer allesamt nie die Zeit zum Ankleiden finden. Selbst als die Offiziere (Michael Ebbecke, Friedemann Röhling, Mingjie Lei, Paweł Konik und Michael Nagl) sich zur Schlacht penibel mit Kunstblut imprägnieren, geschieht das auf weißen Unterhemden. Manchmal fehlt unterm Sakko die Beinbekleidung oder sie besteht nur aus Boxershorts, mal reicht ein Schlafrock, mal ein Bademantel. Da achten die drei Hofdamen schon mehr auf Etikette, aber sie turnen ja auch nicht in einem abgerissenen, weißgekachelten Gemeinschaftsbad (oder auch –Toilette) herum, in dem alle Armaturen abgeschraubt sind und ehemals aus Löchern rinnendes Wasser rostige Flecken hinterlassen hat. Dafür vollführen Catriona Smith, Anna Werle und Stine Marie Fischer Übungen an der Stange, als seien sie Ballett-Tänzerinnen (Bühne: Katja Haß). Die Kurfürstin (voller Noblesse wie auch schon mal mit beißender Ironie: Helene Schneiderman) den Homburg empfängt, um sich über eine mögliche Begnadigung zu beraten, pflegt sie ausgiebig ihre Beine mit Nivea-Creme. Und selbst ihr Mann, der Kurfürst, zeigt sich vor seinen Soldaten in seinem ganzen, gebrechlichen, faltigen Alter. Stefan Margita verkörpert diesen Kurfürst freilich mit einer Ehrfurcht gebietenden Mischung aus schneidender, tenoraler Kälte und warmer Anteilnahme.

Sängerisch ist die Aufführung also ein flammendes Plädoyer für Henzes avancierte, oftmals ebenso zwölftönige wie kammermusikalische Partitur in der instrumental entschlackten „Münchner Neufassung“ von 1991, die unter Wolfgang Sawallisch am Cuvilliés-Theater seinerzeit facettenreich erstaufgeführt wurde. Man würde sich nur wünschen, dass das Staatsorchester Stuttgart unter Cornelius Meister manchmal gerade auch in den ausdifferenzierten Zwischenspielen subtiler agieren würde.

Am Ende, wenn der Prinz begnadigt ist, reihen sich alle an der Rampe auf und recken friedensbewegt schöne Schals dem Publikum entgegen, auf denen Emphatie, Neugierde, Sensitivität, Mitgefühl oder Phantasie steht, während sie singen: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“

Die Vorstellung am Freitag, den 22. März wird ab 19.20 Uhr via www.staatsoper-stuttgart.de/service/live im Internet übertragen.

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