Gaffigan

Sensationeller Einspringer

James Gaffigan Foto: IMG Artists

Der junge amerikanische Dirigent James Gaffigan sprang bei den Münchner Philharmoniker ein und verblüffte seine Zuhörer
(München, 17. Juni 2009) Breitbeinig und mit gespanntem Oberkörper, so gibt James Gaffigan den ersten Einsatz des Abends, zu Hector Berlioz‘ selten gespielter Konzertouvertüre „Le Corsaire“. Von Nervosität keine Spur. Immerhin gibt der 29jährige New Yorker, den noch kaum jemand kennt, als Einspringer für den erkrankten James Conlon gerade seinen Einstand bei einem der renommiertesten und besten Orchester Deutschlands. Doch der ehemalige Assistenz von Franz Welser-Möst beim Cleveland Orchestra und Sieger beim Georg Solti Dirigentenwettbewerb 2004 beherrscht sein Handwerk und dessen ist er sich auch bewußt.
An Selbstbewusstsein mangelt es Gaffigan jedenfalls nicht. Mit präziser Gestik und punktgenauem Metrum steuert er das Orchester durch die heterogenen Klanglandschaften von Berlioz‘ Musik, die mit romantischer Zerrissenheit auf Lord Byrons gleichnamige Verserzählung anspielt. Gaffigan lässt das ohne alle Schwülstigkeit romantisch klingen, eher vorwärtsdrängend als sich ausbreitend. Der Jungdynamiker von Big Apple trifft damit ganz unprätentiös den erforderlichen Berlioz-Ton, an dem so manche Dirigenten scheitern. Nur der Schlussteil gerät ihm ein wenig zu zirkushaft, zackig, ruckig, rockig.
Vollends verblüffte der Amerikaner jedoch mit Prokofjew fünfter Symphonie, diesem grandiosen Alterswerk, das wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Moskau vom Komponisten uraufgeführt wurde und das dieser als „Siegsfeier des menschlichen Geistes“ bezeichnete.
Die Steigerung des großartigen und pathetischen Hauptthemas verbunden mit der schneidenden Dramatik und existentiellen Tiefe in diesem Satz waren phantastisch herausgearbeitet – und vom Orchester brillant gespielt. Das Scherzo hatte tänzelnde Eleganz und Esprit, wobei Gaffigan das Groteske, Bizarre, kurios Überdrehte genauso sorgfältig heraus stellte.
Für das Adagio legte er den Taktstock beiseite und gestaltete diesen Satz als tiefempfundenen Trauergesang, während er im Schlußsatz noch mal so richtig „Gas“ gab und das Orchester zu einem aberwitzigen Schlußtaumel anfeuerte. Eine phantastische Leistung, die ganz offensichtlich auch vom Orchester so empfunden wurde. Man darf hoffen, dass dieser Einspringer bald wieder – dann als regulärer Dirigent – bei den Philharmonikern zu erleben ist.
Dagegen fiel der Auftritt Hélène Grimauds in Ravels G-Dur-Klavierkonzert weit weniger spektakulär aus. Hier ging es mehr um Routine, denn um das Ausloten von Seinstiefen der Musik – leider, denn das Adagio klang in dieser „entromantisierten“ Version einfach bloß hölzern und unsinnlich. Da half es auch nicht viel, dass die Ecksätze durchaus mit rhythmischer Dringlichkeit und melodischer Pointiertheit versehen waren. Der Star des Abends hieß James Gaffigan
Robert Jungwirth
Das Konzert wird nochmal am Samstag, 20. Juni, zu hören sein. Beginn ist 19 Uhr.

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