Gaffigan Mü. Philharmoniker

Mut und Lücken

James Gaffigan Foto: Met Hennek

Der 33-jährige Dirigent James Gaffigan traut sich in München bei den Philharmonikern an Bruckner heran, der noch jüngere Geiger Sergey Khachatryan an Berg
(München, 17. Dezember 2012) Es ist zweifellos mutig, wenn ein etwas über 30-jähriger Dirigent aus New York bei seinem Gastauftritt bei den Münchner Philharmonikern ausgerechnet Bruckner aufs Programm setzt. Natürlich weiß James Gaffigan von den herausragenden Bruckner-Interpretationen der gewesenen Chefdirigenten des Orchesters Sergiu Celibidache oder Christian Thielemann. Vielleicht hat er auch davon gelesen, dass in München der damalige Leiter der Oper Hermann Levi Bruckner zum Durchbruch verholfen hat, dass Bruckner-Schüler wie Ferdinand Löwe oder Franz Schalk ihrerseits eine bedeutende Aufführungstradition begründeten. Bei einem anderen ehemaligen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, James Levine, dürfte der junge Gaffigan vermutlich seine ersten Opern an der Met gehört haben. Und gleich daneben im Lincoln Centre leitete ja auch mal der derzeit amtierende Chefdirigent Lorin Maazel die New Yorker Philharmoniker. 
Besonders beeindruckt von dieser schier erdrückenden Tradition und – ja man kann es schon sagen – auch Bedeutung des Orchesters wirkte Gaffigan zumindest nach außen nicht. Mit geschmeidigem jugendlichen Elan, sportiv und äußerst selbstbewusst bewegte er sich auf dem Podium,  machte eine bella figura. Auch das ist – zumal bei Konzertdirigenten – ja eine gewisse Qualifikation.
Doch natürlich geht es nicht in erster Linie um Äußerlichkeiten bei der Frage, ob jemand gut dirigiert oder nicht. Gaffigan beherrscht sein Handwerk zweifellos, 2004 hat er den Solti-Dirigentenwettbewerb gewonnen und ist seitdem weltweit im Einsatz, u.a. auch an der Wiener Staatsoper oder der Dresdner Staatskapelle. Auch bei den Münchner Philharmonikern war er schon zu Gast und hinterließ einen durchaus positiven Eindruck (siehe Kritik auf KlassikInfo). Leider bestätigte er ihn jetzt mit Bruckners Sechster nicht so ganz.
Gaffigans Bruckner-Auffassung unterscheidet sich natürlich von der eines Celi oder Thielemann. Und das ist auch gut so. Doch was „sein“ Bruckner an Schwung und Frische gewinnt, büßt er an Tiefgang und Ausdruck ein. Die Übergänge gestaltet Gaffigan so zügig, beziehungsweise gar nicht, dass man allzu oft den Eindruck des Beiläufigen erhält. Dabei sind gerade an diesen Stellen bei Bruckner – und besonders in der vielgestaltigen Sechsten – neuralgische Spannungspunkte, die es zu formen gilt. Auch Gaffigans Umgang mit dem Fortissimo ist etwas zu großzügig. Wie z.B. im vierten Satz, der schon so laut beginnt, dass kaum noch Steigerungsmöglichkeiten bestehen. Das ist einfach nicht besonders klug. Wenn er im Mezzoforte schon derart mit den Armen rudert, als dirigiere er den Schluss des "Rheingolds", ist das nicht eben zielführend. Hier merkt man aller äußeren Eleganz zum Trotz doch noch gewisse Defizite. Das tänzerisch-brillant gespielte Scherzo wirkte noch am überzeugendsten oder auch der langsame Satz, in dem die Geigen noch immer etwas von der Celi-Intensität verströmten – so als könnten sie gar nicht anders. War es also mutig, Bruckner nach München zu tragen – oder doch eher etwas überambitioniert oder gar naiv?
Auch in Bergs Violinkonzert ließ Gaffigan mitunter schlicht zu laut musizieren, nahm damit dem Solisten Sergey Khachatryan deutlich an Gestaltungsspielraum. Zumal Gaffigan Berg manchmal mehr nach Schostakowitsch klingen ließ. Der 1985 in Eriwan, Armenien geborene Khachatryan, der 2005 den Reine Elisabeth gewann, begann Bergs komplexes Konzert zart und duftig, dann mit markanter expressiver Geste. Aber auch bei ihm vermisste man in diesem sehr schwer zu interpretierenden Werk etwas die Reife und Gedankentiefe, die dafür doch nötig zu sein scheint. Die Stilsicherheit für die Gestaltung derart herausragende Werke des Repertoires – sie stellt sich nicht automatisch mit der Nachfrage von Orchestern ein. Sie erhält man eher wenn man sich einmal zurücknimmt und dem äußerlichen Getriebensein des Musikbetriebs auch mal Widerstand leistet.
Robert Jungwirth

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