Festival Memoires Lyon

Begehbare Mark-Rothko-Bilder und der Blick in die Zukunft

Foto: Opera de Lyon/Stofleth

Das Festival "Memoires" in Lyon bietet die Wiederbegegnung mit Operninszenierungen legendärer Regisseure: Heiner Müllers "Tristan", Ruth Berghaus‘ "Elektra" und Grübers "Poppea"
Von Robert Jungwirth
(Lyon, 16.-18. März 2017) Oper ist die Retro-Kunst schlechthin. Denn was heute in den Opernhäusern gespielt wird, stammt zu annähernd 100% aus vergangenen Jahrhunderten. Ein Opernfestival unter den Titel Retro zu stellen, ist also eigentlich hölzernes Holz. Doch verbindet der Intendant der Oper Lyon, Serge Dorny, mit diesem dreitägigen Festival, das aus den Spielplänen längst verschwundene Produktionen der Regisseure Klaus Michael Grüber, Heiner Müller und Ruth Berghaus aus den 80er und 90er Jahren zeigt, mehr als nur den Blick zurück. Dorny hält diese Produktionen für stilbildend, sie stellten "zeitlose" Kunstwerke dar, die sich lohnen, erneut besichtigt zu werden, weil sie die Musiktheaterregie geprägt und verändert haben. So entstand der Plan, eine Retrospektive für Inszenierungen der Vergangenheit zu veranstalten und sie nach ihrer Lebendigkeit fürs uns heute zu befragen.
Und tatsächlich haben die magischen Lichträume von Heiner Müllers und Erich Wonders legendärer Bayreuther Inszenierung von „Tristan und Isolde“ auch in der reaktivierten Inszenierung durch Müllers ehemaligem Mitarbeiter Stephan Suschke an der Oper Lyon nichts von ihrer Suggestionskraft verloren. Im Gegenteil: Auf der etwas kleineren Bühne wird man sogar noch mehr in den Farbensog hineingezogen, der wie überdimensionierte, begehbare Bilder von Mark-Rothko erscheint. Ernüchternd kühl das Blau des zweiten Aufzugs mit der Liebesnacht der Titelfiguren in der Waffenkammer König Markes (jenes Herrschers, dem Isolde eigentlich versprochen war). Glutvolles kommt hier zwischen Tristan und Isolde selbstverständlich nicht auf. Händchenhalten ist schon der Gipfelpunkt der Ekstase. Auch die Originalkostüme von Yohji Yamamoto mit den martialisch-kühlen Metallgestellen um die Schultern sind selbstverständlich zu sehen.

Ann Petersen als Isolde (vorne) Foto: Stofleth

100 shades of grey dann im trostlosen dritten Akt, in dem Tristan verwundet seinem Ende entgegendämmert – mit einem eindringlichen und bis zum Schluss klug mit seinen stimmlichen Kräften haushaltenden Daniel Kirch, der mit dieser Partie debütierte. Ann Petersen, die das schwere Erbe von Waltraud Maiers unvergessener Bayreuther Isolde antrat, war indisponiert, hat aber doch gesungen – und zwar vor allem laut, das Timbre leicht scharf und wenig geschmeidig. Die Brangäne von Eve-Maud Hubeaux hatte wenig musikdramatische Ausdruckskraft, dafür eine gleichförmige und vor allem gänzlich undeklamatorische Lautstärke – das ist dann doch zu wenig für diese herausragende Partie, die in manchen Aufführungen schon die Isolde in den Schatten stellte. Ansprechende Leistungen boten Christof Fischesser als Marke und Alejandro Marco-Buhrmester als Kurwenal (obwohl auch als indisponiert angekündigt).
Hartmut Haenchen am Pult hatte am Vortag bereits die „Elektra“ dirigiert. Er überzeugte aber auch beim „Tristan“ mit einer klugen Disposition der musikalischen Exaltiertheiten und hohem musikdramatischen Sinn. Auch die Musiker des Opernorchesters spielten sich mehr und mehr in einen wahren Wagnerrausch hinein – ohne dabei aber je übers Ziel hinaus zu schießen. Da stand der präzise und konzise Dirigent vor.
Weniger gelungen war allerdings die Wiederbelebung von Klaus Michael Grübers Inszenierung von Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ aus dem Jahr 1999, die unter der musikalischen Leitung von Sebastien d’Herin zumindest musikalisch recht ansprechend geriet. Die einstmals starke atmosphärische Wirkung der Freiluftaufführung im Sommer in Aix-en-Provence blieb in diesem Remake weitgehend außen vor –  die antikisierende Szenerie und die körperengen hautfarbenen Kostüme wirkten einfach nur altmodisch, die stilisierten Bewegungen wenig inspiriert. Die Sängerinnen und Sänger des Opernstudios mühten sich zwar redlich, allen voran Josefine Göhmann und Laura Zigmantaite – schienen letztlich aber auch ein wenig überfordert von dieser Regie aus zweiter Hand. Ellen Hammer, die als Dramaturgin für Grüber tätig gewesen war, leitete diese Einstudierung. Gerade junge Sänger bedürfen eigentlich umso mehr einer kundigen Führung aus erster Hand…
Ganz anders der Eindruck der „Elektra“ in der rekonstruierten Inszenierung von Ruth Berghaus aus den 80er Jahren aus Dresden. Die Handlung spielt auf einem Sprungturm, wie man ihn aus Schwimmbädern kennt, der auch als Aussichtsplattform dient. Elektra – phänomenal gesungen von Elena Pankratova – blickt in die Ferne, in die Zukunft. Berghaus lieferte in dieser eigentümlichen Szenerie und durch die Personenregie pointierte Chiffren für eine überkommene Herrscherkaste, deren Ende nah ist – die politische Deutung war damals natürlich für jedermann evident. Zu den eigentümlichen und bedrohlichen Peitschengeräuschen aus dem Orchester, die Strauss für die martialische Betriebsamkeit am Hof Klytaemnestras gewählt hat, laufen nicht minder bedrohlich aussehende Wächterinnen in Lederkostümen umher und schwingen dabei seltsame Peitschen.
Erstaunlich, wie prägnant und wirkungsvoll der damalige Bühnenbildner und Hans Dieter Schaal und die Kostümbildnerin Marie-Luise Strandt die Regie von Ruth Berghaus zu neuem Leben erweckten; vom damaligen Originaldirigenten Hartmut Haenchen nun wiederum auch musikalisch mit enormen Spannungshöhepunkten aufgeladen. Lioba Braun debütierte als Klytaemnestra mit noch ein wenig ausbaufähiger stimmlicher Abgründigkeit, Katrin Kapplusch war eine auch darstellerisch sehr überzeugende Chrysothemis und wiederum Christof Fischesser gab einen tat- und stimmkräftigen Orest. Zweifellos das Highlight unter den drei Retro-Opern dieses Festivals in Lyon.
Die Opern sind von bis Anfang April zu sehen:



Münchner Philharmoniker