European Jazztival

Berliner Freiheit(en)

Wenn es sein muss, kommt auch die Blockflöte zum Einsatz: Nicolai Thärichen und Michael Schiefel Foto: R. Dombrowski

Das 13. European Jazztival auf Schloss Elmau widmete sich der Jazz-Szene von Berlin
(Elmau, 13.-17. November 2012) Lange Zeit war der Begriff Melting Pot ein Synonym für New York, für die brodelnd-vielfältige Kunstszene dieser Stadt. Im Zeitalter der Globalisierung ist der Melting Pot aber längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr für New York, vielmehr gibt es eine ganze Reihe solcher Pötte, die vielleicht nicht immer den Glamour New Yorks versprühen, aber doch den Nährboden für eine spannende Kunstszene bilden. Berlin ist fraglos eine dieser Städte. Und es sind nicht nur die günstigen Mieten, die die Spree-Metropole für Künstler aller Genres so anziehend macht (derzeit überlegt die Stadtverwaltung sogar mit einer Touristensteuer die heimischen Künstler unterstützen zu wollen, weil sie mittlerweile ein zentraler Wirtschaftsfaktor sind!). Es ist vor allem das freiheitliche anything-goes-Gefühl, das anregend und motiverend wirkt. Auch das Nischenpflänzchen Jazz findet hier gute Wachstumsbedingungen. Eine zunehmende Zahl von Jazzmusikern lebt in Berlin, es gibt jede Menge Clubs, die Szene zeigt sich enorm vielfältig. Und dann findet dort ja auch noch das wichtigste deutsche Jazzfestival statt, das Berliner Jazzfest.
Gründe genug, beim traditionell europäisch ausgerichteten "European Jazztival" auf Schloss Elmau den Fokus mal auf Berlin zu richten. Auch wenn man wohl nicht von einer typisch berlinerischen Richtung im Jazz sprechen kann – dafür sind die musikalischen Charaktere und Stilrichtungen einfach zu unterschiedlich – gibt es doch zumindest mit Thärichens Tentett eine Formation, die einfach nur aus dieser Stadt kommen kann. Der aus Berlin stammende, hochoriginelle Pianist und Arrangeur Nicolai Thärichen, dessen Vater schon bei den Berliner Philharmonikern spielte, verbindet in seinen Arrangements den Bigband-Sound der 50er Jahre mit allen möglichen anderen Errungenschaften des Jazz und noch dem Songstil Kurt Weills auf ebenso virtuose wie kuriose Art. Seine Fantasie entzündet sich gerne an Texten – von Shakespeare bis Dada. Dass dabei jede Menge Ironie, Hintersinn und mindestens Doppeldeutigkeiten durchblitzen, dafür sorgt auch und insbesondere der Sänger des Ensembles, Michael Schiefel, eine Art Countertenor des Jazzgesangs. Sprechgesang, Chanson, virtuoser Scat, das alles fließt bei ihm in sekündlichem Wechsel ineinander. In einer skurrilen Kantaten-Bearbeitung des großen Johann-Sebastian schwingt Schiefel sich sogar zum Knabensopran auf. Das ist wunderbar schräg und komisch – musikalisch exquisit begleitet von den fantastischen Musikern dieser kleinen, feinen Bigband, deren Mitglieder auch noch in anderen Formationen anzutreffen sind. Wie der Altsaxophonist Jan von Klewitz und der E-Gitarrist Kai Brückner, die zusammen ein melodiös groovendes Duo des kammermusikalischen Jazz bilden. Wobei Klewitz‘ Spielweise hörbar Anleihen beim Ostküsten-Nobeljazzer Paul Desmond nimmt.

Michael Wollny und Heinz Sauer Foto: R. Dombrowski

Zwei weitere Duos zeigten sich auf Schloss Elmau nicht minder aufeinander eingeschworen: Der ungarische Gitarrist Ferenc Snetberger und der deutsche Saxophonist Peter Weniger sowie das hochgelobte Duo des Saxophonisten Heinz Sauer und des Pianisten Michael Wollny. Snetberger und Weniger leben und arbeiten beide in Berlin, Weniger leitet dort das Jazz-Institut. Sein runder, kraftvoller Tenorsax-Ton ist flexibel und agil, in Verbindung mit der akustischen Gitarre Snetbergers entfaltet er ein wunderbar anschmiegsames, aber doch konturenreiches Spiel.
Eine ungemeine Freude ist es, Heinz Sauer und Michael Wollny beim Spielen nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzusehen. Denn die beiden sind in den Passagen von (nahezu) freier Improvisationen ein so sensibel und intuitiv aufeinander reagierendes Team, dass man völlig gebannt ist von den kreativen Impulsen, die sie sich gegenseitig zuwerfen und die sich auch unmittelbar in der Mimik der beiden äußern. Schlichtweg begeisternd, wie Sauer und Wollny Rock- und Popelemente mit experimentellen Klangerkundungen kombinieren. Auch nach der dritten gemeinsamen CD zeigen die beiden nicht die geringsten Abnützungserscheinungen, im Gegenteil.

Tobias Meinhart und Rocky Knauer Foto: R. Dombrowski

Dem eigentlichen Programm stellte Festivalkoordinator Ralf Dombrowski in diesem Jahr erstmals ein Newcomer-Programm voran. Überaus verheißungsvoll geriet der Auftritt des Quartetts um den Exil-Bayern Tobias Meinhart. Der am Sound der 60er Jahre orientierte Saxophonist ist eine enorme Begabung, sein Spiel schon jetzt ein absoluter Hinhörer. Zusammen mit dem kreativen Potential der ebenfalls noch jungen Mitstreiter, dem Pianisten Lorenz Kellhuber und dem Schlagzeuger Gabriel Hahn – dazu noch mit perfekt austarierten Baßklängen unterstützt von Altmeister Rocky Knauer, entfaltet diese Formation einen mitreißenden energetisch-vorwärtstreibenden Post-Bop, der es in sich hat. Zwar wirken Meinharts Eigenkompositionen (noch) ein wenig unbestimmt, dafür ist sein spielerisches Potential umso größer. Und dann sieht er auch noch ein wenig aus wie der junge Chet Baker…
Robert Jungwirth

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.