Eugen Onegin in München

Polonaise der Cowboys

Im Wartesaal der Liebe: Michael Volle, Olga Guryakova, Iris Vermillion und Elena Maximova Foto: Wilfried Hösl


Neuinszenierung von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ an der Bayerischen Staatsoper
(München, 31. 10. 2007) Noch immer gilt der polnische Theaterregisseur Krzysztof Warlikowski mit seinen 45 Jahren als enfant terrible, zuletzt sogar in der Oper mit „Don Carlos“ (2000), „Ubu Rex“ (2003) und „Wozzeck“ (2006) in Warschau, aber auch mit „Iphigénie en Tauride“ vor einem Jahr in Paris. In den 90er Jahren hat er nahezu alle gängigen Shakespeare-Stücke inszeniert, aber auch mehrfach Bernard-Marie Koltés. Sein Deutschland-Debüt 1999 mit einer extrem verschwulten und viel Nacktheit zeigenden „Was ihr wollt“-Inszenierung am Stuttgarter Staatstheater wurde ein begeistert gefeierter Publikumsrenner. Und seine Warschauer Inszenierung von Tony Kushners episch breitem, ebenso prominent verfilmten wie vertonten Aids- und Homosexuellen-Drama „Angels in America“ machte soeben in Breslau in einer politisch brisanten Version Furore.
Aber es war zu erwarten, dass die Münchner da anderer Meinung sind und nach der exzessiven Polonaise halbnackter, muskulöser Cowboys à la „Brokeback Mountain“ nach dem Duell zwischen Lenski und Eugen Onegin empört und lautstark buhen würden: Denn Warlikowski hatte hier Onegins Angstvision vor seinen unterdrückten schwulen Neigungen inszeniert, wie er später Drag-Queens auftreten ließ und überhaupt den zweiten Teil unter Aussparung aller – aus dem Off gesungenen – Chorszenen auf die Hauptfiguren konzentrierte. Er erlaubte sich sogar die Freiheit, den Sekundanten Onegins vom hier sehr attraktiven und jungen Sänger des Fürsten Gremin (Günther Groissböck) darstellen zu lassen!
Alles begann ebenso ungewöhnlich wie schlüssig: Zwei Mädels produzierten sich mit Mikros singend und leger tanzend vor der Menge in einem riesigen Wintergarten inmitten einer durch die Rundum-Verglasung nur erahnbaren amerikanischen (?!?) Landschaft „in the middle of nowhere“ (Bühne und Kostüme: Malgorzata Szczesniak). Die eine, Tatjana, tat das gezwungenermaßen, die andere, Olga, mit Lust. Später wird die Introvertierte in ihrer berühmten „Briefszene“ nur anfangs schreiben, dann aber zum Cassettenrekorder greifen und alles aufnehmen – was mit der Musik erstaunlich konform geht. Bei den Larins geriert sich Onegin als übler Macho, bläst rüde die Kerzen von Tatjanas Geburtstagstorte aus und greift sich die Jubilarin vor aller Augen zum (falschen Braut-)Walzer, bevor er zum Spaß ihre Schwester Olga, die Geliebte seines Freundes, auffordert und plötzlich – nach einem unerwarteten Zusammenstoß – die beiden Männer und die beiden Frauen zusammen tanzen. Bei letzteren ist das gesellschaftlich akzeptiert, bei ersteren ein Skandalon. Doch es bleibt schleierhaft, warum Onegin sich das traut, und er später, um den Eifersüchtigen zu besänftigen, sogar Lenski scheu auf den Mund küsst.

Cowboys and kisses: Michael Volle (Onegin) und Christoph Strehl (Lenski) Foto: Wilfried Hösl

Leider ist Warlikowski nicht konsequent genug und lässt offen, warum Onegin den ohne Waffe wehrlosen Lenski erschießt, nur weil der sich gerade sein Hemd vom Leib gerissen hat und dabei war, die Hose zu öffnen. Dabei ereignet sich dies auf einem spießigen Doppelbett mit Nachttischlämpchen, in dem die beiden zu Beginn des zweiten Teils (den an der Rampe lungernde Cowboys eröffnen) liegen, als hätten sie gerade miteinander geschlafen – der eine verzweifelt (Onegin), der andere (Lenski) scheinbar entspannt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und ebenso lässig überkreuzten Beinen! Später ist dieses Bett das von Tatjana und ihres Fürsten Gremin, der der müden Gattin die Füße massiert, bevor sich hier nahtlos die finale Auseinandersetzung der Gremina mit ihrer Jugendliebe ereignet.
All dies hätte eine aufregende Deutung der eigenwilligen Puschkin-Vertonung des seine schwulen Neigungen nur heimlich auslebenden Tschaikowsky werden können, wenn Warlikowski präziser im Detail gedacht und inszeniert und nicht an vielen intensiven Momenten der Partitur szenische Leerstellen gelassen hätte: so bei der Duellforderung Lenskis an Onegin, auf zwei Stühlen absolviert, beim Geständnis Onegins an Tatjana, sie nicht zu lieben, an der Rampe oder auch ganz am Ende.
Leider trifft da Kent Nagano eine beträchtliche Mitschuld, denn er vermochte es mit dem Staatsorchester nur selten, der Musik Spannung oder lyrische Emphase zu verleihen, am Ende bremste er seine Sänger geradezu aus, anstatt sie zu animieren und auf Händen zu tragen. Die behaupteten sich nach Kräften: Allen voran die charismatische, ebenso zierliche wie stimmlich glühende Tatjana der Olga Guryakova. Aber auch Michael Volle gibt einen aggressiven, intensiven Onegin, Elena Maximova eine dunkel leuchtende Olga. Elena Zilio bringt das Kunststück fertig, in jeder Szene als Amme Filipjewna eine neue Figur zu kreieren. Leider bleibt Christoph Strehl als Lenski allzu feinsinnig farblos.
Klaus Kalchschmid

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