Eröffnung des Lucerne Festivals

,

Aus dem Schatten Abbados

Der Auftakt beim zweiten großen mitteleuropäischen Musikfestival: Luzern

Von Derek Weber

(Luzern, 12. und 13. August 2017) Nicht nur Salzburg hat seine feinen Festspiele. Kurz vor Mitte August beginnt auch das nicht weniger prominente Lucerne Festival. Beide haben einiges gemeinsam. Auch wenn die Mottos durchaus unterschiedlich sind – in Salzburg geht es um „Macht“, in Luzern um „Identitität“ –, ergeben sich doch so manche Berührungspunkte und Überschneidungen, vor allem bei den mitwirkenden Künstlern. Die vielleicht überraschendste Verbindung: im Luzerner Festival-Orchester spielen prominente Salzburger mit: mit Angelika und Clemens Hagen zwei Mitglieder des Hagen Quartetts – die jüngst mit einem Konzert in Salzburg allergrößten Eindruck machten; mit von der Partie ist auch der Konzertmeister der Camerata Salzburg.

Der große Unterschied liegt nach wie vor darin, dass Luzern auf dem konzertanten Bereich beschränkt ist, während bei den Salzburger Festspielen die Oper die prominente Rolle spielt.

Die hoch greifenden Pläne des Luzerner Intendanten Michael Haefliger, mit der Salle Modulable einen Ort zu schaffen, an dem – gemeinsam mit dem Luzerner Theater – auch szenische Produktionen gezeigt werden können, sind zumindest auf absehbare Zeit an politischen Widerständen gescheitert. Und die auf Claudio Abbado und Pierre Boulez zurückgehenden Pläne sind durch das Ableben der beiden Künstler zumindest stark beeinträchtigt. Für Abbado kam Riccardo Chailly als neuer Leiter des Luzerner Festival-Orchesters, und in der Festival Academy wird unter Wolfgang Rihm und Matthias Pintscher die moderne und gegenwärtige Musik weiter gepflegt.

Riccardo Chailly fühlt sich dem Erbe Claudio Abbados stark verpflichtet und sucht gleichzeitig nach neuen Programmwegen. Hat er im letzten Jahr mit der von Abbado beiseite gelegten „Symphonie der Tausend“ den Mahler-Zyklus zu Ende gebracht, so hat er heuer begonnen, Bausteine für die Zukunft zusammenzutragen. Zur Eröffnung des diesjährigen Festivals hat Chailly sich Richard Strauss zugewandt. In weiteren Konzerten werden Felix Mendelssohn und Igor Strawinsky präsentiert.

Was aber auch auffällt, sind gewisse Parallelitäten im programmatischen und künstlerischen Bereich. An beiden Orten wird der halbszenische Monteverdi-Zyklus von John Eliot Gardiner gezeigt. Dirigenten wie Bernard Haitink und Daniel Barenboim treten – wenn auch mit unterschiedlichen Programmen – bei beiden Festivals in Erscheinung und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist sowohl in Salzburg als auch in Luzern prominent vertreten, in Salzburg zusammen mit Teodor Currentzis mit Alban Bergs Violinkonzert, und in Luzern – gemeinsam mit dem amerikanischen Cellisten Jay Campbell – als „artiste étoile“.

Man kann es auch anders ausdrücken: Das Gedränge um die Spitzenkünstler wird größer. Damit nimmt gleichzeitig die Konkurrenz unter den Festivals notwendigerweise zu. Das hat auch banale ökonomische Gründe: Je wichtiger es für die Festivals wird, die Einnahmen zu steigern und abzusichern, desto größer ist der Druck, stets ausverkaufte Veranstaltungen anzubieten. Wobei Luzern einen nicht zu unterschätzenden Vorteil hat: Das Festival verfügt seit Abbado wieder über ein eigenes Festival-Orchester, das auch unter Riccardo Chailly sehr erfolgreich agiert.

Beide Festivals haben phantasiebegabte Intendanten und beide sprechen ein kaufkräftiges Publikum an. Auch dabei hat Luzern (noch) die Nase vorn. Moderne Musik und Sponsoren, die sie fördern, haben hier dank Michael Haefliger Tradition. Und die Sponsoren bringen auch ihre Geschäftspartner näher an die Moderne heran. Salzburg setzt in diesem Jahr eher aufs Drumherum, auf Ausstellungen, bei denen Werke von bildenden Künstlern zu sehen sind, die mit den gezeigten Opernproduktionen zu tun haben.

Das Eröffnungskonzert des Lucerne Festival war dem Andenken Arturo Toscaninis gewidmet, der vor 150 Jahren geboren wurde und 1938 zu den Gründern der Luzerner Musikfestwochen zählte. „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss stand am Beginn. Da gibt es klarerweise in der Erinnerung strahlendere Konkurrenz. Auch „Tod und Verklärung“ war noch nicht bis zur letzten Feinheit gediehen, doch bei „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ fühlte sich das Festivalorchester mit einem Mal ganz zu Hause und spielte geradezu übermütig auf. Als Zugabe gab’s den Tanz der sieben Schleier aus „Salome“.

Für die nächsten Konzerte Chaillys sind in diesem Sommer Werke von Mendelssohn und  Strawinsky vorgesehen. Die Nach-Abbado-Ära fängt also schon an.

Im zweiten Konzert des diesjährigen Festivals trat mit Bernard Haitink eine der festen Stützen der Luzerner Planung ans Pult. Auch er zählt ja mit seinen 88 Jahren nicht mehr zur ganz jungen Generation. Aber er ist einer der wichtigsten lebenden Bruckner- und Mahler-Dirigenten. In Luzern leitete er das Chamber Orchestra of Europe. Sein Mozart – gespielt wurde die Linzer Symphonie – ist verglichen mit den neuen Spielweisen der period instruments-Schule natürlich traditionell. Was er aber zu Gustav Mahlers Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“ zu sagen hat, zählt zum Feinsten. Fast fragil nehmen sich die einzelnen Lieder aus. So leise werden sie vorgetragen. Das hat mit den beiden Gesangssolisten zu tun: Christian Gerhaher hat ja in seiner gesamten Liedinterpretation zu einem ganz eigenen, am Deklamieren orientierten Stil gefunden, was Bernard Haitink die Gelegenheit gab, über lange Strecken im leisesten Pianissimo zu begleiten. Den dazu passenden weiblichen Part sang alternierend mit ihm Anna Lucia Richter, mit mädchenhafter, kecker Stimme.

In „Revelge“ und im „Tambourg’sell“ ließ Gerhaher sein dramatisches Sänger-Ich aufblitzen. Auch der Schluss der Liederauswahl blieb mit dem aus der 2. Symphonie Mahlers bekannten „Urlicht“ ihm überlassen. Eine interessante Erfahrung, dieses Lied einmal von einem Bariton gesungen zu hören.

Werbung

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.