DVD der Woche

Schönberg: Moses und Aron. BelAir BAC136 (DVD)

Von Klaus Kalchschmid

Nur wenige DVDs von Arnold Schönbergs opus magnum „Moses und Aron“ gibt es, angefangen mit der kongenialen Verfilmung von Straub/Huillet in einer kleinen antiken Arena in den Abruzzen (1974) über Aufzeichnungen aus der Wiener Staatsoper (2006) und bei den Ruhrfestspielen in spektakulärer Raumlösung (Bochum 2009). Als ästhetisches Rätsel- und modernes Mysterienspiel in Regie und Ausstattung von Romeo Castelluccio wurde Schönbergs radikale 12-Ton-Oper jetzt in Paris aufgezeichnet.

Mit Realismus ist „Moses und Aron“ auf der Bühne schwer beizukommen, der Konzept- und Theaterkünstler Romeo Castelluccio wäre auch der Letzte, der so etwas versuchen würde. Davon zeugt seine erste Opern-Inszenierung („Parsifal“ 2011), das macht seinen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper so verstörend und unbefriedigend. Für das Fragment eines Zwitters zwischen Oper und Oratorium, das mit gewichtigen Worten des Moses endet („O Wort, das mir fehlt!“) und als Ideendrama den Konflikt zwischen abstraktem Denker und sinnlichem Vermittler thematisiert, passt Castelluccios Radikalität und Egozentrik. Fast der gesamte Erste Akt ist eine Orgie in Weiß hinter Gaze mit einem statuarisch geführten Chor. Aus der Masse leuchten nur manchmal der grüblerische Moses (Thomas Johannes Mayer) im Sprechgesang oder Aron hervor. Ihn singt John Graham-Hall leider mit wenig verführerischem Tenor und muss in der Höhe immer wieder ins Falsett ausweichen.

Der zweite Akt dunkelt sich immer mehr ein, sei es durch ein Ritualbad, das die von Schönberg minutiös und sinnlich auskomponierte Orgie ersetzt und das man weiß betritt und schwarz herauskommt; sei es pechschwarze Farbe, die nacheinander über alle, auch Aron ausgegossen wird. Das goldene Kalb tritt hier in Form eines echten gewaltigen Stiers schon im ersten Teil auf, später wird er mit schwarzer Farbe übergossen. Auch eine nackte Jungfrau ist– noch weit vor ihrem eigentlichen Auftritt – wie eine schöne Skulptur präsent. Am Höhepunkt der symbolisch als Ritual inzenierten Orgie erscheint plötzlich eine Voodoo-Puppe; an ihrem Ende senkt sich die Fototapete eines gewaltigen, schneebedeckten Bergs vom Schnürboden. Das ist das krasse Gegenteil zur Wüste, in der das Geschehen eigentlich spielt und stellt noch einmal den Antagonismus schwarz/weiß für abstraktes Denken versus abgründige Sinnlichkeit dar.

Für konkrete Requisiten findet Castelluccio ebenfalls Gegenständliches: Die Stimmen aus dem brennenden Dornbusch singen aus einem in der Mitte der Bühne leuchtenden Tonbandgerät, dessen Magnetband gleich zu Beginn Moses wie eine göttliche Gabe auffängt – und das später Aron wie eine riesige Perücke umgibt. Wenn Aron seinen Stab in eine Schlange verwandelt, bestimmt plötzlich ein rotierendes Metallungeheuer den Raum. Philippe Jordan verführt Orchester und Chor (Einstudierung: José Luis Basso) der Opèra national de Paris zu ebenso großer Präzision wie subtilem Ausdruck, nicht zuletzt in den kammermusikalischen Passagen. Ihm gelingt außerdem eine Sinnlichkeit, die Schönberg trotz aller 12-Ton-Herbheit immer wieder komponierte, die es aber aus der hochkomplexen Partitur herauszukitzeln gilt.


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