Dudamel mit Mahlers Vierter in Köln

Seismographisch

Mahler Chamber Orchestra unter Gustavo Dudamel zu Gast in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 11. und 12. September 2018) Nach der vierten Sinfonie von Gustav Mahler herrschte in der Kölner Philharmonie eine gefühlte halbe Minute lang totale Stille, ohne den mindesten Huster o.ä. unterbrochen. Kein gestisches Signal von Gustavo Dudamel hatte die Zuhörer dazu aufgefordert. Es war ganz einfach tiefste Ergriffenheit, welche diese Reaktion ausdrückte. Danach freilich tosender Beifall.

Die „Vierte“ von Mahler ist die letzte seiner sogenannten „Wunderhorn“-Sinfonien. Die gleichnamige Liedersammlung besteht aus emotional heterogenen Texten, „ein halb Mal lustig, ein halb Mal traurig“, um es in Worten der „Rosenkavalier“-Marschallin auszudrücken. Diese Formulierung wird von Mahler noch verstärkt: „Es ist die Heiterkeit einer höheren, fremden Welt, die für uns etwas Schauerlich-Grauenvolles hat.“ Nach dem Fortissimo-Ausbruch des Orchesters am Ende des dritten Satzes steht gänzlich ungetrübte Idylle ja auch kaum zu erwarten. Die glockenhelle Stimme der südafrikanischen Sopranistin Golda Schultz ließ dennoch vokale Paradiese aufblühen.

Es war die Kunst des venezolanischen Dirigenten, die Stimmung von Mahlers Musik mit reichen dynamischen und agogischen Finessen nachgerade körperlich fühlbar zu machen. Von der tänzerischen Leichtfüßigkeit des Beginns, der sich in der Folge aufs immer Neue einstellte, bis hin zu den atemverschlagenden Momenten von Unhörbarkeit, wurde man im Auditorium förmlich narkotisiert. Das Mahler Chamber Orchestra reagierte und agierte freilich auch seismographisch auf die Weisungen ihres Maestros. Konzertmeister Raphael Christ becircte mit seinen Soli, die Oboistin Mizuho Yoshii-Smith mit den ihren. Zu einem besonderen Höhepunkt geriet der dritte Satz, dessen Charakterisierung „Ruhevoll“ idyllisch ausgekostet wurde, wobei die samtenen Pianissimo-Pizzicati der Kontrabässe beim Zuhörer regelrecht Gänsehaut erzeugten.

Am folgenden Abend setzte sich der „Dudamel-Stil“ bei der vierten Sinfonie von Johannes Brahms fort: breiter, klangvoller Streicher-Sound, hier fortestrahlend, dort mit Piano-Diskretion. Nicht zuletzt bestachen die Farben von Melancholie. Spannungsvoll und funkelnd geriet das Allegro giocoso, wobei Dudamel hier seine Dirigierbewegungen intensivierte. Von der etwas hypertrophen Gestik vergangener Jahre scheint er aber in Gänze Abstand genommen zu haben. Die nunmehr gesetzt wirkende Attitüde korrespondiert ein wenig mit der adretten Lockenfrisur, in welcher inzwischen einige Grautöne schimmern. Dabei ist Dudamel erst 37. Solistisch taten sich bei der Brahms-Sinfonie die Hörner mit ihrer lupenreinen Intonation und ihrem enormen Weichklang hervor, die Flötistin Chiara Tonelli blies ihre Solopassagen überirdisch schön.

Die bei Brahms aufgebotenen fünf Kontrabässe waren bereits bei Franz Schuberts fünfter Sinfonie im Einsatz. Bemerkenswertes Baßfundament für die eigentlich so leichtfüßige Musik, welche sich nur gelegentlich in ein Furioso steigert. Eine stärker kammermusikalische Interpretation wäre also denkbar und auch triftig. Doch die dramatische Intensivierung tat Schubert nicht nur keinen Zwang an, gab seiner Musik sogar eine überraschend plausible Grandeur mit. In der Lesart von Dudamel hörte man das Werk mitunter fast wie neu. Die Geschmeidigkeit des Ausdrucks kam im übrigen nicht zu kurz.

Nicht ganz so intensiv empfand man die Romantik-Schwere am Abend zuvor bei der dritten Schubert-Sinfonie. Doch wirkte auch diese Aufführung ungewöhnlich stark geerdet. Besonders brillant gaben sich die vom Komponisten ungemein fantasievoll eingesetzten Holzbläser.

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