Dresdner Philharmonie

Musik muss man nicht sehen

Nobuyuki Tsujii Foto: Agentur

Der blinde japanische Pianist Nobuyuki Tsujii und die Dresdner Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Michael Sanderling zu Gast in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 3. März 2016) Dies war das erste Solistenkonzert mit Orchester in der Kölner Philharmonie seit dem ominösen 28. Februar, als das Publikum (mit dominierendem Senioren-Anteil) gegen den Cembalisten Maham Esfahani und die von ihm gebotene Steve-Reich-Komposition „Piano Phase“ opponierte. Jetzt, beim Gastspiel der Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling und mit dem blinden Pianisten Nobuyuki Tsujii, war die philharmonische Welt in Ordnung. Es gab nur widerspruchsfreie Musik zu hören (Antonin Dvorak, Sergej Rachmaninow), und das Publikum betrug sich gesittet (bis auf eine während Dvoraks Karneval-Ouvertüre kamerablitzende Dame). Zum Schluss euphorische Reaktionen vor allem bezüglich des 28jährigen Pianisten, welcher vom Dirigenten vorsichtig aufs Podium geleitet wurde, sich aber merklich erst am Flügel sicher fühlte.
Zugegeben: es machte schon ein wenig die Augen feucht zu sehen, wie ein junger Künstler körperliche Handicaps im Wortsinn „spielend“ überwindet. Nobu, wie man den japanischen Pianisten liebevoll verkürzend zu nennen pflegt, wirkt indes mit seinem Schicksal versöhnt, scheint in seine ungewöhnliche und ungewöhnlich erfolgreiche Karriere ohne übermäßige Beschwernisse hinein gewachsen zu sein. Und er spielt nicht nur, sondern komponiert auch noch, ähnlich wie sein Kollege Kit Armstrong.
Wie lernt Nobu ein neues Werk? Er tastet mit einer Hand die Notenschrift in Braille ab und übersetzt sie mit der anderen sofort in die Klaviertasten. Wie er sich auf ihnen, zumal bei stark virtuos geprägten Werken wie jetzt Rachmaninows drittem Klavierkonzert, fehlerlos zurecht findet, ist fraglos ein Prozess von starker Disziplin sowie unermüdlichem Fleiß. Nobus Hände liegen eng auf der Klaviatur, tasten sie vor einem Einsatz nur kurz ab, um sich auf ihnen dann – selbst bei heiklen Passagen – souverän zu bewegen. Was die schwingenden Körperbewegungen, die seitwärts gerichteten „toten“ Blicke an möglicher Hilfe bedeuten, ist schwer zu sagen.
Nobus Interpretation des Rachmaninow-Konzertes demonstrierte vollkommene manuelle Sicherheit und musikalisches Feuerwerk, durchsetzt mit filigranen Anschlagsfinessen und lyrischen Leuchtspuren. In einem Interview hat er einmal zu Protokoll gegeben, dass er „spüre, wie der Dirigent atmet“. Michael Sanderling konnte sich also ohne visuelle Rückversicherung ganz seinem Orchester widmen. Die choralartigen Intonationen des Blechs in Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ waren dennoch nicht ganz im Gleis. Aber bei Rachmaninow stimmten Präzision wie auch der Wohl- und Pathos-Klang der Musik zur Gänze.
Dvoraks herrliche Karneval-Ouvertüre, auf deren Titel man die Musik freilich nicht verengend festlegen sollte, spielten die Dresdner mit Temperament und Aplomb. Die „Neue Welt“ kennt man durch und durch und staunt doch immer wieder neu über die vielen himmlischen Eingebungen, womit nicht nur das berühmte Englischhorn-Solo im Largo-Satz gemeint ist.
Michael Sanderling bot mit seinem (durchaus nicht immer vollkommenen) Orchester eine virile, aber auch feinsinnige Widergabe, lotete die Musik agogisch und dynamisch spannungsreich aus. Mit einem Slawischen Tanz reagierte er auf die Ovationen des Publikums. Nobuyuki Tsujii hatte sich zuvor mit einem Rachmaninow-Prelude bedankt.

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