Dohnányi 2

Wir murksen unsere Kultur ein bisschen ab.

KlassikInfo: Nach der Hamburger Zeit fing Ihre USA-Zeit so richtig an. Sie haben es eben erwähnt, Ihre Zeit beim Cleveland Orchestra ist eine ganz wichtige Epoche gewesen. War das eine besondere Liebe zum Cleveland, eines der „Big Five“, die Sie dort hin geführt hat, oder hatte das noch andere Gründe?

Christoph von Dohnányi: Dirigenten, die in der Oper geschult sind, werden die Oper irgendwann verlassen. Weil der Struktur der Oper etwas immanent ist, was man das eine Weile mögen kann, dann aber weniger. Da sind so viele Imponderabilien, so viele Dinge, die man als junger Mensch reizvoll findet, die aber später für die Vollendung der Musik als Struktur nicht mehr geeignet erscheinen. Ich habe da mit vielen Dingen in der Oper Probleme gehabt. Späte Umbesetzungen, Krankheitsfälle, eine Frau, die sechs Wochen mit der Regie probiert hat und plötzlich krank wurde. Ich habe schon erlebt, dass ich keine einzige Probe mit der hatte, die dann die Elektra sang am Abend. Aber sie hat toll gesungen! War prima, aber das sind so Reize, die man gern hat, weil es lustig ist, da passiert was, das ist lebendig. Die Oper ist ein ganz lebendiger Improvisationsberuf, das muss man trainieren, und ich liebe das sehr. Es gibt ja auch herrliche Partituren, auch wunderbare Sänger und Darsteller inzwischen. Aber alle haben irgendwann gesagt, jetzt mache ich meine klare Musik mit einem festen Orchester. Da habe ich Glück gehabt, dass ich eines der besten Orchester der Welt hatte.

KlassikInfo: Das war der Schritt weg vom Improvisationszirkus hin zur musikalischen Perfektion!

Christoph von Dohnányi: Die Vorstellung, in der Lage zu sein, alles umzusetzen – in der Oper haben wir uns immer darum bemüht. Aber es ist ja nicht möglich, auch im orchestralen nicht. Sie haben immer wieder andere Leute, die spielen, Aushilfen zum Beispiel. Das erleben Sie im Konzertleben außerhalb von Europa kaum. In Cleveland haben wir keine Aushilfen gehabt. Das war ein Ensemble, das zusammen gehört hat. Das wäre ungefähr so, als ob einer vom FC Bayern in Leverkusen anruft und sagt, „Ich spiel‘ so gerne bei Euch. Einer kommt rauf, einer kommt runter, wir laden euch auch gerne ein.“ So ein Blödsinn, das geht ja gar nicht!

KlassikInfo: Sind Sie ein Fußballfan? Muss ich ja gleich fragen…

Christoph von Dohnányi: Ich liebe das! Wenn gut gespielt wird, ist es toll.

KlassikInfo: Dann müssen Sie aber auch jetzt verraten, welche Ihre Lieblingsmannschaft ist!

Christoph von Dohnányi: Es war wirklich lange Zeit Barcelona! Die Spanier waren gut. Muss aber jetzt auch sagen: Hut ab vor den Bayern! Das ist ziemlich vollendet, was die machen.

KlassikInfo: Die sind ja kaum zu schlagen, in keiner Liga. Deutsche Power! Jetzt habe ich noch zwei Fragen. Mein Mann und ich haben uns einmal gestritten, weil er in Hamburg eine Rede Ihres Bruders miterlebt hat, und er hat von „Donani“ gesprochen, und ich sagte, nein, der heißt von „Dochnani“. Ich kannte die Klavierübungen Ihres Großvaters als die von „Dochnani“, die ich natürlich auch gespielt habe in meiner musikalischen Karriere…

Christoph von Dohnányi: Sehr gute Übungen! Und weil er so faul war und nicht gerne geübt hat, sind die auch sehr effizient. (lacht)

KlassikInfo: Dann habe ich die ADB, unsere berühmte Aussprache-Datenbank, zu Rate gezogen, und die sagt tatsächlich, es gibt zwei Aussprachen. Wie kommt es, dass zwei Brüder sich unterschiedlich nennen?

Christoph von Dohnányi: Ich habe mich als Junge auch „Donani“ genannt, wie mein Vater. Der nannte sich „Donani“, weil in Deutschland „Dochnani“ eigentlich ungünstig ist, weil die Menschen das nicht kennen. Was ist das für ein Name? Ich habe aber sehr viel in Wien dirigiert, das Tonkünstlerorchester, dann waren es die Sinfoniker, später die Philharmoniker. Jeder Musiker in Wien spricht den Namen richtig aus, nämlich ungarisch. Wenn ich sage Christoph von „Donani“, dann sagen die, „Wie meinen Sie?“ In Wien wird das automatisch richtig ausgesprochen. Und da die Türken sehr lange in Ungarn waren, spricht man das in der Türkei auch richtig aus. (lacht) Aber in Deutschland sagt man im allgemeinen „Donani“. Mein Bruder hätte in der Politik mit „Dochnani“ nicht gut leben können. Zu kompliziert.

KlassikInfo: Also hat für Sie die ungarische Aussprache besser funktioniert…

Christoph von Dohnányi: …in der Musik! Sie können in Amerika gar nicht anders rumlaufen, die sagen dann „Donjäni“. Ein Mitarbeiter im Four Seasons in Chicago, einem wirklich renommierten Hotel, rief einmal „Message für Mr. Vandanovi!“. (lacht) Der wusste gar nicht mehr Bescheid.

KlassikInfo: Kennen Sie den Ort, von dem Ihre Familie herstammt?

Christoph von Dohnányi: Zurückverfolgen kann man das bis ins 17. Jahrhundert in die Gegend von  Bratislava. Mein Großvater ist auch noch in Bratislava geboren. Es gibt eine zweite ungarische Linie, die wir erst später entdeckt haben. Dazu gehörte sogar ein sehr begabter Dirigent in Tschechien. Und da gibt es auch einen Ort, der heißt Dona. Es könnte sein, dass der Name daher kommt. Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen, mein Bruder ist da viel besser, mich kümmert das nicht so sehr! Mich kümmert nicht, wo ich herkomme, sondern, wo ich hingehe. (lacht)

KlassikInfo: Und jetzt die letzte Frage.Wie schaffen Sie es, dass Ihr Gehör noch so perfekt funktioniert. Ich habe das eben in der Probe gemerkt. Sie haben in die Partitur geguckt. Man merkte, das es eine Kontrolle zwischen dem ist, was Sie hören und dem, was Sie lesen. Und immer wieder haben Sie unterbrochen und korrigiert. Man denkt, dass das Gehör im Alter ein bisschen abnimmt. Wie machen Sie das, dass Sie noch so gut hören?

Christoph von Dohnányi: Ich mache ja gar nichts, ich wasche mir die Ohren! (lacht) Es ist ja so, dass meine Ohren krankhaft gut waren, so, dass es mich oft gestört hat. Wenn Menschen, gute Musiker sich an überhaupt gar nichts störten, hat’s mich umgerissen. Und ich bin froh, dass ich jetzt älter werde und nicht mehr so gut höre. Ich höre also immer noch ganz gut. (schmunzelt)
KlassikInfo: Sie waren also früher ein Graus für die Musiker?

Christoph von Dohnányi: Ich war früher ein Graus, es war eine echte Waffe. Und einmal kam der Orchestervorstand von einem sehr großen Orchester zu mir, und ich habe mich schon mehr oder weniger entschuldigt: „Ich quäle Sie mit Dingen, die wirklich nur ganz wenige stören, aber mich zum Beispiel.“ Und er sagte: „Sie und Boulez dürfen das!“ (lacht)

KlassikInfo: Wie schätzen Sie eigentlich die Situation in Deutschland ein? Es wird ja immer über Sparen und Kürzen geredet. Wie sehen Sie das, Sie haben ja in ihrem Umfeld junge Dirigenten, die Sie unterrichten, die Sie fördern?

Christoph von Dohnányi: Sparen ist überall gut. Totsparen ist überall schlecht. Man könnte wahrscheinlich mit einer vernünftigeren Disposition auch im kulturellen Bereich viel einsparen, müsste aber sicherstellen, dass für die wesentlichen Dinge Geld da ist. Personelle Besetzungen im künstlerischen Bereich müssten garantiert sein. Wir haben ein Juwel an Musikstruktur in unserem Land. Das gibt es nirgendwo anders auf der Welt! Und wenn Sie heute ein paar Millionen hergeben, könnten Sie einen Operntourismus in Deutschland machen, der einzigartig wäre. Denn auch in kleineren Häusern wird sehr gut gespielt. Wenn Sie nur den norddeutschen Raum nehmen oder den hiesigen. Köln! Und Düsseldorf und Duisburg und Bielefeld und Essen. Alle haben Theater! Wenn man das fördern würde von der Substanz her und nicht den Betrieb so viel auffressen lassen würde, und den Verwaltungen Freiraum geben würde, wo sie sparen könnten. Wir hatten in Hamburg Gott sei Dank eine GmbH, man konnte den Etat ausgleichen. Wir hatten keine kameralistische Buchführung. Die Mehreinnahmen auf der einen Seite konnten Sie auf die andere Seite legen. Während bei einer kameralistischen Buchführung das einfach zurückgegeben werden muss. Man könnte in Deutschland eine Opern- und Konzertstruktur sehen, die einzigartig in der Welt wäre. Riesiger Fehler für mein Gefühl ist das Sparen von außen, mit dem Rotstift, ohne etwas zu wissen oder Orchester zusammenzulegen, wie jetzt im SWR unten mit Stuttgart, ohne im Konzert gewesen zu sein und die Wichtigkeit dieses Orchesters für die Neue Musik zum Beispiel einzuschätzen. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Regierung mich gefragt hätte. Und ich bin inzwischen einer der größten Fachleute für Oper und diese ganze Welt der Musik – und auch schon lange gewesen. Jetzt bin ich nur der Älteste. Man müsste darüber sprechen. Über die blöden Parteiverfilzungen und die Quatschköpfe, die da reinreden und gar nichts wissen, habe ich mich schon geärgert in diesem Land hier. Wir murksen unsere Kultur im Moment ein bisschen ab. Und es ist ja ein Miniprozentsatz, vielleicht ein oder zwei Prozent, die ausgegeben werden für Musik und Theater. Also ich hätte nicht gerne einen Freund, der nur ein Prozent für Kultur ausgibt!

KlassikInfo: Sie sind also noch nie gefragt worden, mal Ihre Meinung kund zu tun?

Christoph von Dohnányi: Doch einmal! Da wurde die Elbphilharmonie geplant, da war eine große Sitzung im Rathaus. Und da fragte einer von der SPD-Fraktion: „Herr von Dohnányi, glauben Sie, dass es ein Bedürfnis für die Elbphilharmonie gibt?“ Und da habe ich entgegnet: „Gab es ein Bedürfnis für die Neunte Beethovens?“ Und so sehe ich das auch. Im Grunde genommen muss man das Bedürfnis schaffen. Aber man schafft es nicht, indem man schlechte Verträge mit einer Baufirma macht, nicht? Das ist der Blödsinn!

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