Dialoge Salzburg

Optische und akustische Farben

Foto: ISM/Wolfgang Lienbacher

Die Salzburger "Dialoge"-Reihe begeisterte die Zuhörer mit ungewöhnlichen Konzertprojekten und fantastischen Musikern

(Salzburg, 30. November – 2. Dezember 2012) Keiner konnte Luft so komponieren wie Mozart und Debussy, meinte der große Theaterwissenschaftler Ivan Nagel einmal. Also hat man bei der diesjährigen "Dialoge"-Reihe, die dem Thema Luft gewidmet war, diese beiden Komponisten ins Zentrum gerückt. Und so schwebte denn Debussys "Syrinx" für Flöte solo wie ein zarter Hauch durch den großen Saal des Mozarteums (anheimelnd gespielt von Vera Klug). Oder wie die zärtliche Vertonung des elegischen Verlaine-Gedichts "C’est l’extase langoureuse" (mit berührendem Timbre: Claron Macfadden), das unmittelbar überging in das melancholisch hingehauchte Adagio h-Moll von Mozart, wunderbar mezza-voce gespielt von Alexander Melnikov. Immer wieder wurde die Mozart-Debussy-Reihung durchbrochen, kontrastiert durch Perkussions-Improvisationen, in denen Alexandre Babel und Martin Lorenz die soeben gehörten Stücke, ihren Duktus, ihre Melodik oder ihre rhythmische Struktur aufgriffen und auf sehr eigene Weise verarbeiteten und weitersponnen. Das war zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, eröffnete aber interessante Hörerfahrungen – wobei die elektrisch betriebene Windmaschine, die am Ende kurz zum Einsatz kam, doch eher unter der Rubrik Gag zu fassen war…
Nicht nur um Luft ging es also bei der fünftägigen "Dialoge"-Reihe des Salzburger Mozarteums, sondern auch um das Ausprobieren neuer Möglichkeiten Konzerte mit klassischer Musik zu gestalten, das ritualisierte und etwas überkommene Procedere mit neuen Ideen aufzufrischen. Mit diesem Anspruch sind die "Dialoge" 2006 gestartet und machen sie erfreulicherweise auch unter ihrem neuen Leiter Matthias Schulz weiter.
Das "Atmosphères Konzertexperiment" wurde vom Leiter des Berliner Radialsystems Folkert Uhde konzipiert. Er wählte nicht nur die Stücke von Mozart und Debussy und die Reihenfolge, wie diese aufeinander wirken und Bezug nehmen, aus, er hatte auch die Idee zu den Perkussions-Interludien, der Errichtung einer weiteren Bühne im Zuschauerraum und der optischen Gestaltung des Raums durch eine ausgefeilte Lichtregie. Das klingt nach viel Aufwand und das war es auch. Doch von vordergründiger Effekthascherei war das alles weit entfernt. Im Zentrum stand ein sehr genau durchdachtes Raum-Musik-Konzept, das tatsächlich neue Hör-Räume – sowohl äußerlich, als auch innerlich im Hörer – aufschloss. Ziel war es, für jedes Stück einen eigenen "Wahrnehmungsraum" zu schaffen, wie Uhde in einer Diskussion über neue Konzertformate tags darauf erläuterte. Natürlich braucht es für solche experimentellen Formate auch Musiker, die dafür die Bereitschaft und das Interesse mitbringen. Das wunderbar wache und neugierige Trio Boulanger mit der Geigerin Birgit Erz, der Pianistin Karla Haltenwanger und der Cellistin Ilona Kindt ist für solche Experimente ebenso offen wie der russische Pianist Alexander Melnikov oder die beindruckende Sopranistin Claron Macfadden, die Debussys verästelte Klangpoeme ebenso bezwingend interpretierte wie zwei Tage zuvor aus Anlass der Verleihung des Trakl-Preises des Landes Salzburg die vieldeutige Melancholie in den Vertonungen von kurzen Trakl-Fragmenten durch Manfred Trojahn (sprechend und mit Tiefgang begleitet von Herbert Schuch am Flügel). Das Publikum jedenfalls war ganz hingerissen von diesem reichlich ungewöhnlichen Konzert im ehrwürdigen, aber doch flexibel gestaltbaren Mozarteumssaal.
Nicht mit jedem Musiker also ist ein solches Programmkonzept zu verwirklichen, und besagte Podiumsdiskussion machte auch auf Defizite in der Musikerausbildung aufmerksam, die dazu führten, dass vor allem Virtuosen "gezüchtet" würden, die dem konventionellen Konzertbetrieb perfekt angepasst seien. Damit jedoch werde man in Zukunft aber nicht mehr sehr viele von denen erreichen, denen der ritualisierte und museale Konzertbetrieb zu langweilig und leblos erscheint. Darin waren sich die Diskutanten Folkert Uhde, Steven Walter, Matthias Schulz und Pierre-Laurent Aimard weitgehend einig. Natürlich muss auch in 10 Jahren nicht jedes Konzert wie beim "Atmospheres Konzertexperiment" ablaufen, aber mehr Offenheit, mehr Ideen und mehr Kreativität bei Veranstaltern und Musikern wäre zweifellos kein Fehler, will man den Anschluss an ein immer stärker diversifiziertes Publikum nicht verlieren.
Das heißt jedoch nicht, dass man sich an popkulturelle Inszenierungsformen anbiedern sollte. Der junge Musiker und Konzertveranstalter Steven Walter wies darauf hin, dass junge Menschen meist einen sehr guten "Bullshitdetektor" hätten. Aber man kann und sollte darüber nachdenken, das angestaubte Ritual eines Konzertbesuchs zum Beispiel mit sinnstiftenden und ergänzenden Synästhesien zu bereichern. Es gibt durchaus verschiedene Möglichkeiten, herausragende Musik der Vergangenheit und Gegenwart wirkungsvoll in Szene zu setzen. Es muss nicht immer nur die Ehrfurchtsstarre sein. Nicht um Aktionismus oder Gimmicks sollte es also gehen, sondern um inspirierte und inspirierende Ideen von klugen und kreativen Köpfen, zu denen der frühere Barockgeiger Folkert Uhde vom "Radialsystem" ohne Zweifel gehört. Nur gibt es davon leider nicht allzu viele.

Pierre-Laurent Aimard und Norman Perryman Foto: ISM/Wolfgang Lienbacher

Tags davor hat sich der ohnehin stets phänomenale Pianist Pierre-Laurent Aimard bei seinem "Dialoge"-Auftritt auf ein Dialogisieren mit der bildenden Kunst eingelassen. Seit vielen Jahren gestaltet der Maler Norman Perryman Live-Paintings zu Konzerten mit Orchestern wie dem City of Birmingham Symphony Orchestra und dem Royal Concertgebouw Orchestra oder Solisten, wie Yo-Yo Ma oder Jessye Norman. Als "Musiker, der mit dem Pinsel Musik macht" hat man Perryman bezeichnet. Er selbst nennt seine malerischen Improvisationen zur Musik "kinetische Bilder". Schon mehrmals hat Perryman nun schon zu Klavierabenden von Pierre-Laurent Aimard gemalt, die beiden sind schon ein eingespieltes Team, so dass Perryman auf vieles, was Aimard spielt, nicht mehr nachgeschaltet reagiert, sondern quasi gleichzeitig einen optischen Ausdruck kreiert. Das ist enorm spannend und ohne Schwierigkeit nachzuvollziehen – eine gewisse Offenheit vorausgesetzt. Natürlich wird die Aufmerksamkeit des Rezipienten aufgeteilt aufs Hören und Sehen – aber wer schon mal in der Oper war, sollte damit keine Schwierigkeiten haben.
Perryman malt auf Glasscheiben mit wasserlöslicher Farbe. Farben und Formen verschwimmen ineinander, entstehen immer wieder neu und werden während des gesamten Prozesses per Overhead-Projektor auf eine Leinwand projiziert. Bei Liszt ahnungsvollem "La Lugubre Gondola", das er in Vorausahnung des nahen Todes von Richard Wagner 1882 in Venedig komponierte, fließen bei Perryman düsteres Grau-Blau und dramatisches Rot ineinander als hätte man sie in den Canale Grande gegossen. Bei Skrjabins raunender neunter Klaviersonate mit dem Untertitel "Schwarze Messe" arbeitet Perryman mit gleich drei Projektoren, um einen düsteren Farbenrausch zu inszenieren. Und bei Debussys Prélude "La terrasse des audiences du claire de lune" inszeniert er die Farben wie einen lebendigen Organismus. Konstruktivistischer geht es zu bei George Benjamins faszinierender "Fantasie on Iambic Rhythm", die Aimard zu einem sinnhaft-sinnlichen Klangerlebnis gestaltet. Überhaupt Pierre-Laurent Aimard. Es gibt derzeit wohl kaum einen anderen Pianisten auf der Welt, der eine derart große stilistische Bandbreite abdeckt, von Bach bis Boulez, und der dabei, als wäre dies selbstverständlich, in jeder Stilistik, bei jedem Komponisten Überragendes zu bieten hat. Seine Interpretationen von Debussys Préludes, die er in diesem Debussy-Jubiläumsjahr auf CD herausbrachte, sind von einer musikalisch-atmosphärischen Dichte, so tief ausgehört in den klanglichen Dimensionen, so klar und souverän gestaltet in der Dramaturgie, wie man das sonst kaum hören kann. Und wie selbstverständlich ist dieser herausragende Musiker dazu bereit, sich auf neue unkonventionelle Konzertformen einzulassen – wenn sie einen Mehrwert versprechen. Deshalb ist er auch schon vor vielen Jahren zusammen mit singenden Pygmäen aufgetreten…
Robert Jungwirth

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