Der Jahrmarkt von Sorotschinzi

Der Liebhaber im Putenbraten

Foto: Monika Rittershaus

An der Komischen Oper Berlin setzt Barrie Kosky das Mussorgsky-Fragment „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ kurzweilig in Szene
Von Antje Rößler
(Berlin, 2. April 2017) Mitten im Marktgetümmel spielt Modest Mussorgskys Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“. Dieses groteske Bauernmärchen, gewürzt mit Aberglauben und einer ordentlichen Portion Trinklust, ließ der Komponist unvollendet. Erst drei Jahrzehnte nach seinem Tode wurde eine rekonstruierte Fassung uraufgeführt. 1948 brachte Walter Felsenstein die Oper ein erstes und einziges Mal nach Berlin; nun gibt es dort an der Komischen Oper eine sehenswerte Neuinszenierung des Intendanten Barrie Kosky.
Mit dem „Jahrmarkt“ wollte sich Mussorgsky einen heiteren Ausgleich verschaffen zur gleichzeitigen Beschäftigung mit dem Historien-Schwergewicht „Chowanschtschina“. Auch das Libretto schrieb er selbst, nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol. In dessen Geburtsort, dem ukrainischen Dorf Sorotschinzi, spielt auch die Handlung.
Die Bewohner von Sorotschinzi glauben an einen trunksüchtigen Teufel, der sein Unwesen treibt, um seinen einst versetzten roten Kittel einzufordern. Auch die Bauernfamilie Tscherewik lebt in Angst und Schrecken. Tochter Parasja will den Grizko heiraten, doch die streitlustige Stiefmutter Chiwrja hält den Bauernburschen für eine schlechte Partie.
Mussorgsky hat das pralle Landleben musikalisch eingefangen: Aberglaube, Trink- und Esslust, derbe Erotik. Am Pult bringt Henrik Nánási, der scheidende Generalmusikdirektor der Komischen Oper, die rustikalen Klänge zum Leuchten als wären es bunte ukrainische Stickereien. Mit feurigem Schwung geht das Orchester die in die Partitur eingewobene Folklore an. Dieses Temperament greift der ausgezeichnete, vom Vocalconsort Berlin auf 80 Sänger aufgestockte Chor auf, der in den Jahrmarktszenen eine tragende Rolle spielt.
Mussorgski begann die Arbeit am „Jahrmarkt“ 1874; er widmete sich ihr mit Unterbrechungen, bis er die Komposition ein Jahr vor seinem Tode Akt abbrach. Mehrere Komponisten versuchten, aus dem Fragment ein aufführbares Werk zu machen. Barrie Kosky wählte die 1932 entstandene Fassung von Pawel Lamm und Wissarion Schebalin, die dem derben, ungehobelten Duktus der Musik Rechnung zollt.
Das bunte Markttreiben wird klanglich anschaulich und plastisch geschildert, so dass man Koskys Verzicht auf die visuelle Dopplung des Geschehens ohne weiteres nachvollziehen kann. 
Ausstatterin Katrin Lea Tag setzt auf ein minimalistisch zeitloses Ambiente: Der Bühnenboden ist eine glatte, zitronengelb ausgeleuchtete Schräge, die zum Orchestergraben hin abfällt. Im zweiten Akt erhebt sich daraus ein langes Sideboard, die Küchenanrichte der Chiwrja. Die ansonsten leere Bühne, die zugleich von der bitteren Armut des abgelegenen Dorfes zeugt, wird jedoch mit den üppig geblümten Folklore-Kostümen der Landbevölkerung kontrastiert.
Kosky inszeniert den „Jahrmarkt“ als Volksstück ohne weiteren Hintersinn; mit derber, schlichter Komik von Art eines Puppentheaters. Seine Lesart überzeugt, sind doch die holzschnittartigen und zugleich ungemein lebendigen Charaktere treffsicher besetzt. Jens Larsen gibt mit tragfähigem und beweglichem Buffo-Bass den zerzausten Trunkenbold Tscherewik, der noch in Unterhose das Tanzbein schwingt. Seine Gattin Chiwrja gibt Agnes Zwierko als keifende Xanthippe, die alle Mitmenschen tyrannisiert – außer ihren jungen Liebhaber, den Popen Afanassi (Ivan Turšić). Der erweist sich als ausgemachter Tollpatsch, wenn er in Brennesseln stolpert und sich mit Sahnetorte beschmiert.
Die Komödie kulminiert, als Ehemann Tscherewik die beiden überrascht, weshalb Chiwrja den Kopf ihres Liebhabers im ausgenommenen Putenbraten versteckt. Da derlei Slapstick-Einlagen dosiert und zielgerichtet erfolgen, gleitet die Inszenierung nicht ins Alberne ab.
Mit der Buffo-Sphäre kontrastiert die innige Liebe von Grizko (mit lyrischer Sanftmut: Alexander Lewis) und Parasja, deren Partie Mirka Wagner etwas gepresst angeht, dann aber in bezaubernden Kantilenen aufblühen lässt.
Mussorgsky arbeitete seine Orchesterfantasie „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ in die Oper ein. Zum Chorstück erweitert, untermalt sie hier den Alptraum des betrunkenen Bauernburschen Grizko: Während das Orchester schrille, hysterische Ausflüge in musikalische Grenzbereiche unternimmt, erscheint auf der Bühne eine Schar von Teufeln mit Schweineköpfen, die sich an einer festlich gedeckten Tafel einer Fressorgie hingibt.
Barrie Kosky reichert seine Aufführung weiterhin mit vier Stücken aus Mussorgskis „Liedern und Tänzes des Todes“ an. Der Chor singt a-cappella, mit glockenklarem Wohlklang; stimmungsvoll begleitet von der Bandura, der ukrainischen Lautenzither.
Und doch fremdelt der Besucher, da diese todtraurigen Lieder in gänzlich andere Gefühlswelten entführen. Am Ende folgt dem turbulenten Hopak-Tanz, der eigentlich als Opernfinale die Hochzeit von Parasja und Grizko besiegelt, eine schwermütige Elegie.
Die sprunghafte Handlung und die dramaturgischen Schwächen der Schebalin-Lamm-Bearbeitung hat Kosky dadurch nicht behoben. Es fragt sich, ob überhaupt Anlass besteht, das Werk durch Einbezug anderer Mussorgsky-Musik zu verlängern. Mit einer Pause wäre es durchaus abendfüllend.
Die nächsten Vorstellungen laufen am 9. und 14. April um 19.00 Uhr sowie 22. April und 13. Mai um 19.30 Uhr.

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