Decades of Song

CD der Woche

Decades – A Century of Song – volume 1 (1810-1820) – Michael Schade u.a. mit Malcolm Martineau
Bei der Zusammenstellung von Liederabenden sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Mal ein einziger Komponist (auf CD gibt es oft mehr Wagnisse als live), mal eine thematisch geprägte Chronologie, welche interessante Zeitsprünge erlaubt. Das Label Vivat beginnt jetzt mit einer epochen-orientierten Edition, bei welcher die Stilentwicklung des Genres Lied besonders deutlich wird. Das Jahrzehnt von 1810 bis 1820 kann sich natürlich in besonderer Weise auf das reiche Schaffen Franz Schuberts stützen, wobei die Entwicklung seiner Tonsprache zwischen „Der Blumenbrief“ (Eingangslied) und „Ganymed“ sehr aufschlussreich ist. Bis auf „Das Grab“ mit dem subtil gestaltenden Florian Boesch (einziger Beitrag des Baritons) sind die Schubert-Titel dezidiert lyrischen Sängern anvertraut, nämlich dem arrivierten Michael Schade (unglaubliche Pianokultur) und der jungen Spanierin Sylvia Schwartz, welche über einen lichtvoll schimmernden Sopran verfügt (besonders wirkungsvoll im  „Wiegenlied“, D 304).
Das Liedschaffen des frühen 19. Jahrhunderts, mit seinen Texten fraglos besonders gerne privaten Gefühlen zugewandt und beseligenden Naturstimmungen hingegeben, reflektiert aber durchaus auch politische Vorgänge und brutales Kriegsgeschehen. So komponierte Carl Maria von Weber auf einen Text Theodor Körners die Worte eines Soldaten, welcher sich auf dem Schlachtfeld seinem Tode nahe glaubt (“Abschied vom Leben“). Eine sehr verinnerlichte Szene, bei welcher nochmals Michael Schades Gesang nachhaltig berührt. Kaum bekannt, gleichwohl reizvoll, sind Liedkompositionen aus der Feder von Václav Jan Tomásek (auf Texte des ihn sehr schätzenden Johann Wolfgang von Goethe), Fernando Sor und –  mit der nach wie vor zauberhaften Ann Murray – Giovanni Battista Viotti. Auch bei Sophie Gall und Joseph Dominique Fabry-Garat lohnt das Kennenlernen, zumal bei Interpretationen wie denen von Lorna Anderson mit ihrer weichen, schmiegsamen Stimme. Das Programm wird durch Lieder des kompositorisch ungebärdigen Ludwig van Beethoven ergänzt. Alle Sänger werden von dem herausragenden Pianisten Malcolm Martineau begleitet. Auf die Fortsetzung dieser Edition darf man gespannt sein.

Christoph Zimmermann

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