Counter Philippe Jaroussky

Trauer und glückliches Triumphieren

Philippe Jaroussky Foto: Marc Ribes & Albert Vo Van Tao / Virgin Classics

Der Ausnahme-Counter Philippe Jaroussky singt bei seinem ersten Solo-Recital in Deutschland Marien-Motetten des 17. Jahrhunderts
(Rüdesheim 23. August 2007) Es hat viel vom Glück einer Pilgerreise, wenn man durch die Weinberge von Rüdesheim unter Regenwolken zur Abtei St. Hildegard in Eibingen hochwandert, kurz vor der Kirche plötzlich der Himmel aufreißt und der Blick über das weite Rheintal schweifen kann, das wie eine Cinemascope-Bühne von der Abendsonne beleuchtet wird.
In der kleinen Kirche aber konzentriert sich alles bei diesem Konzert des Rheingau-Festivals unter dem neoromanischen Christus-Mosaik auf wenige alte Instrumente und einen schlanken, schönen, hochgewachsenen jungen Mann mit engelsgleicher Stimme: den Countertenor Philippe Jaroussky. Auf dem Programm: italienische Marienmotetten des 17. Jahrhunderts, von Grandis zurückhaltendem „Salve Regina“ und seinem schwärmerischen „O quam tu pulchra est“, Cavallis zartem „O quam suavis“ über Giovanni Paolo Colonnas und Giovanni Battista Bassanis Kantaten bis zum großartig vielschichtigen, ja dramatischen „Stabat Mater dolorosa“ von Giovanni Felice Sances aus dem Jahr 1636. Stiller Schmerz und große Freude, Trauer und glückliches Triumphieren, Glaube und Verzweiflung stehen da ganz nahe nebeneinander, ja scheinen einander zu bedingen.
Was aber ist mehr zu loben? Die unglaubliche Beweglichkeit von Jarousskys heller Mezzo-Stimme oder seine eminente Musikalität? Wie lange er Töne im Nonvibrato hält und erst ganz am Ende fein ausschwingen lässt? Wie er die Stimme immer wieder in zartes Piano zurücknimmt oder gleichsam erzittern lässt? Wie er den Text minutiös ausdeutet oder große, intensive Gefühle zulässt? Wenn in Bassanis „Corda lingua in amore“ die Zephirwinde beschworen werden, oder sich ein Herz mit neuem Feuer entzündet, wenn von Qual oder Hoffnung die Rede ist, dann transportieren die lateinischen Worte bei Jaroussky schon in Artikulation und klanglicher Färbung den Sinn des Gesungenen. Die Abgründe der großartigen Texte zu Ehren Marias und ihre kongenialen Vertonungen haben in Jaroussky einen schlichtweg idealen Interpreten gefunden.
Begleitet wird der junge Countertenor – wie schon auf seiner CD für Virgin mit den Marienmotetten – vom großartigen Ensemble Artaserse. Dessen Mitglieder sind wunderbar farbig, lebendig und präzise modellierende Musiker, die man einzeln nennen muss: Daniela Nuzzoli und Daniela Beltraminelli (Violinen), Christine Plumbeau (Gambe), Marco Horvat und Marc Wolf (Theorben) sowie Yoko Nakamura (Orgel und Cembalo).
 Am Ende verlässt man die Abtei nach der Zugabe eines Ausschnitts aus Vivaldis „Nisi Dominus“ ebenso tief betroffen wie beglückt von soviel Spiritualität und zarter, unterschwelliger Erotik.
 Klaus Kalchschmid

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