Candide

Musicalkritik: Candide

Die beste aller (Musical-)Welten

Dagmar Hellberg als The Old Lady, Chor und Ensemble Foto: Thomas Dashuber

Das Münchner Gärtnerplatztheater zeigt Leonard Bernsteins kurisoses Musical "Candide" nach Voltaire in der Reithalle als wunderbar groteske Revue

Von Klaus Kalchschmid
(München, 17. Dezember 2015) – Leonard Bernsteins durchgeknallte, satirische Operette nach „Candide oder Der Glaube an die beste aller Welten“ von Voltaire aus dem Jahr 1956 spielte das Gärtnerplatztheater jahrelang höchst erfolgreich konzertant mit den ironischen Zwischentexten von Loriot. Jetzt wagt das Haus eine szenische Aufführung der Scottish Opera Version von 1988 mit den Gesangsnummern auf Englisch und den gesprochenen Texten auf Deutsch, die dem Affen richtig Zucker gibt und sicher wieder Kult wird, auch wenn sie leider ohne den herrlich trockenen Humor von Vicco von Bülow auskommen muss. 
Die Seitenwände der Reithalle an der Heßstraße sind mit den unzähligen Schaupätzen des Stücks zwischen Westfalen, Bulgarien, Lissabon, Paris, Cádiz, Buenos Aires, Montevideo, Surinam, Konstantinopel und Venedig wie mit Votivtäfelchen bemalt. Das Orchester sitzt der Zuschauertribüne gegenüber hinter transparenter Gaze, auf die eine altertümliche Weltkarte gemalt ist. In sie schlägt immer wieder schnarrend ein Pfeil ein und markiert die rasant wechselnden Stationen der Handlung, deren „Inhaltsangabe – rasch vorgetragen – ebenso lange dauert wie das Musical selbst“ (Loriot). An den Seiten wird das hölzerne Quadrat der Spielfläche ebenfalls von Zuschauern flankiert; dahinter, auf halber Höhe der Tribüne und über einen Mittelgang gibt es allerlei Auftrittsmöglichkeiten (Bühne: Rainer Sinell). 
Adam Cooper, Regisseur und Choreograf in Personalunion, einst selber Tänzer – unter anderem in einer der Hauptrollen als männlicher Schwan in „Swan Lake“ – nutzt sie ausgiebig; etwa für eine irrwitzige Schlachtszene. Der exzellente Chor des Gärtnerplatztheaters erscheint in braunen Kutten oder als weiße Zombies, er verwandelt sich in Soldaten, Pariser Halbwelt oder Spanier, edle Wilde und Einwohner Eldorados. Das ist die verrückteste Szene des Abends, denn die wie betrunken tanzenden und ihren silber-roten, gewaltigen Kopfputz zur Schau stellenden Revue-Inkas (Kostüme: Alfred Mayerhofer) sind rasend komisch wie auch das ungeholfen ausdauernde Hantieren mit drei wunderbaren großen roten, goldbehängten Schafen, von denen man gerne eines mit nach Hause genommen hätte!
Bis dahin wirbelt der großartige Alexander Franzen in den verschiedensten Kostümen und Masken als Voltaire, Hauslehrer Pangloß, Weltenbummler Cacambo und Martin mit enormer singspielender Präsenz durchs Stück, wackelt „The Old Lady“ in Gestalt der gepfeffert singenden Dagmar Hellberg mit nur einer Po-Backe über die Planken, sind Juan Carlos Falcón, Holger Ohlmann, Martin Hausberg, Peter Neustifter, Nazide Aylin und viele andere, auch einige Tänzer, in den unterschiedlichsten Mehrfachrollen zu erleben.
Chefdirigent Marco Comin und das blendend aufgelegte Gärtnerpatz-Orchester haben hörbar Spaß an Bernsteins zündender, melodisch und rhythmisch prägnanter Musik, die alle Genres sprengt und plündert bis hin zum Zitat der letzten Takte des Finale I von Wagners „Tristan“, schrägen Walzern, der Parodie jiddischer Musik (aus der Feder des Juden Bernstein!), herrlichen Jacques-Offenbach-Adaptionen, einer geradezu fetzigen berühmten Koloratur-Arie für Cunegonde und einem Solo – mit Chor – für die Old Lady! Leider walzt Bernstein das Happy Ending sentimentalisch breit aus, als wäre’s eine Tragödie à la „West Side Story“.
Aber wie sagt am Ende bei Voltaire Pangloß zu Candide: „Alle Ereignisse sind in dieser besten aller möglichen Welten ineinander verkettet. Denn wären Sie nicht mit derben Fußtritten in den Hintern aus dem schönen Schloß fortgejagt worden um Ihrer Liebe zu Fräulein Kunigunde willen, wären Sie nicht der Inquisition in die Hände gefallen, hätten Sie nicht Amerika zu Fuß durchwandert, hätten sie dem Baron nicht einen tüchtigen Degenstich versetzt und hätten Sie nicht alle Ihre Hammel aus dem schönen Land Eldorado verloren, so säßen Sie jetzt nicht hier und äßen nicht eingemachten Zedrat und Pistazien.“  


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