Britten Buch und CDs

Orpheus Britannicus

EMI versammelt auf 37 CDs Meisterwerke Benjamin Brittens in einer Collector’s Edition und bei RoRoRo ist eine neue Monografie erschienen
Benjamin Britten als – nach Henry Purcell – zweiten „Orpheus Britannicus“ zu bezeichnen, ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden. Als einziger moderner Komponist Englands hat er es geschafft, mit seiner Musik auch auf dem Kontinent rezipiert zu werden – insbesondere, seitdem die Frage nach dem „Materialstand“ in der Beurteilung zeitgenössischer Musik nicht mehr gar so vordringlich ist.
Vor allem seine Opern gehören, wie sonst nur noch diejenigen Hans Werner Henzes, zu den wenigen Zeugnissen des Musiktheaters in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich regelmäßig auf den Spielplänen der – auch deutschen – Opernhäuser finden. Dennoch hat es bislang kein ausschließlich Britten gewidmetes Buch in deutscher Sprache gegeben. Diese schmerzliche Lücke wurde nun gefüllt – und dies auf durchweg begrüßungswerte Weise. Norbert Abels zeichnet in seiner im Rahmen der Rowohlt-Taschenbücher erschienenen Monographie ein ebenso umfassendes wie konzises Porträt des Komponisten.
Dabei geht es dem Autor weniger um eine minutiöse Aufzählung biographischer Daten und Fakten, als vielmehr darum, die Themen zu verdeutlichen, die Britten sein Leben lang bewegten bzw. seine künstlerische und menschliche Laufbahn prägten. Natürlich geht Abels ausführlich auf Brittens Kindheit in Suffolk ein, aber er zeichnet vor allem nach, wie das enge Verhältnis zu den Eltern – vor allem zur Mutter – und deren früher Tod den Komponisten dazu führte, sich immer wieder eigene familienähnliche Gemeinschaften zu schaffen: in der Vater-Sohn-ähnlichen Beziehung zum Kompositionslehrer Frank Bridge, der Verbindung zu seinem Lebensgefährten Peter Pears und schließlich dem verschworenen Kreis des von ihm gegründeten Festivals in Aldeburgh. Brittens nicht unkompliziertes Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität kommt ebenso zur Sprache wie das wahrscheinlich daraus resultierende, in seinem Schaffen immer wieder prominent hervortretende Thema der zerstörten kindlichen Unschuld. Und schließlich darf auch Brittens glühender Pazifismus nicht fehlen, der in Werken wie dem „War Requiem“ und der Oper „Owen Wingrave“ seinen gültigsten Ausdruck fand.
Eine umfassende, zwischen die biographisch geprägten Teile des Buches platzierte Kapitelfolge beschäftigt sich sich mit der Musik Brittens – aufgegliedert nach Genres. Beinahe zu jeder bedeutenden Komposition finden sich erhellende einführende Kommentare, die das tiefe Verständnis des Autors für das Œuvre dieses hochbedeutenden Komponisten offenbaren und in einer auch dem interessierten Laien verständlichen Sprache abgefasst sind. Wie bei der Rowohlt-Reihe üblich, ergänzen Zeittafel, (Auswahl-)Bibliographie und Zeugnisse von Zeitgenossen das Gesamtbild.
Niemand, der sich für Werk und Leben Benjamin Brittens interessiert, sollte sich die Lektüre dieses Buchs entgehen lassen.
Thomas Schulz
Norbert Abels: Benjamin Britten, Rowohlt, Reinbek 2008, 160 S., 8,95 Euro
Das musikdramatisches Werk Benjamin Brittens, der am 22. November 95 Jahre alt geworden wäre, umfasst drei Boxen mit insgesamt 28 CDs). Decca hat sie unter dem Titel „Britten conducts Britten“ nach wie vor zum Midprice im Katalog. Soeben wurden vom britischen Label exzellent restaurierte BBC-Fernsehproduktionen aus den 60ern („Billy Budd“, „Peter Grimes“) auf DVD veröffentlicht, doch die EMI hat nun eine in ihrer repräsentativen Vielfalt bemerkenswerte Edition zu günstigem Preis veröffentlicht.
Sie versammelt nicht nur auf 11 CDs wichtige Werke der Bereiche Tanz (The Prince of Pagodas), Operette (Paul Bunyan), Kirchenoper (Noye’s Fludde), Kinderoper (The little sweep), der groß besetzen Oper (Peter Grimes – mit Anthony Rolfe Johnson, Felicity Lott und Thomas Allen von 1992 – und A Midsummer Nights Dream) oder der Kammeroper (The Turn of the Screw, The Rape of Lucretia von 1947), sondern wichtige Liederzyklen (On this Island op. 11, Holy Sonnets of John Donne op. 35, Winterwords op. 52), Werke für Solo-Instrumente, für Chor und/oder Orchester sowie Kammermusik (unter anderem die Streichquartette), Violin-, Cello- und Klavierkonzert.
Diese 26 CDs folgen nicht der Chronologie, sondern fassen oft Stücke in Werkgruppen, nach Interpreten, Besetzungen oder porträtartig gemischt aus Früh- und Spätwerk zusammen. Das erschwert ein wenig die Suche nach bestimmten Titeln, denn „Les Illuminations“ nach Rimbaud (hier von Heather Harper gesungen, nicht von einem Tenor) und die Serenade für Tenor, Horn und Streicher op. 31 treffen etwa auf das späte Nocturne op. 60. Die ersten Lieder des 15-jährigen sind zusammen mit „Our Huntings Fathers“ op. 8 und der „Phaedra“-Kantate von 1975 (mit Felicity Palmer) auf einer CD zu erleben.
Die – teilweise nicht mehr einzeln erhältlichen – Aufnahmen sind durchweg von hoher technischer und musikalischer Qualität. Herausgegriffen sei nur Truls Mørks aufregende Aufnahme der drei Cello-Suiten von 1998 oder die nicht minder gelungene der Five Canticles mit Ian Bostridge, David Daniels und Christopher Maltman von 2001. Auch die zahlreichen Aufnahmen unter Leitung von Simon Rattle, etwa das War-Requiem mit Elisabeth Söderström, Thomas Allen und Robert Tear (1983), gekoppelt mit der „Spring Symphony“ op. 44 (aufgenommen 1978 unter André Previn) gehorchen hohen Ansprüchen.
Wenige, aber bedeutende historische Einspielungen stehen einer Vielzahl aktueller aus den 80er und 90er Jahren gegenüber. Die früheste gilt den Michelangelo-Sonetten mit Peter Pears (1942), eine der jüngsten „The Turn of the Screw“ unter Daniel Harding (2002). Entlegenes (Folksong-Arrangements, diverse Dowland-, Purcell- und Rossini-Bearbeitungen oder Rejoice in the Lamb op. 30) ist ebenso enthalten wie Entdeckungen – etwa die großartige einstündige Radio-Kantate „Company of Heaven“ für Sopran, Tenor, zwei Sprecher, Chor, Streicher, Orgel und Pauken über Wirken und Wesen der Engel, die ihre Ursendung am Namenstag des Erzengels Michael im Jahr 1937 erlebte, hier in einer gelungenen Aufnahme mit dem London Philharmonic Choir und dem English Chamber Orchestra von 1989.
Schade nur, dass das schmale Booklet lediglich die einzelnen Tracks, Interpreten und Aufnahmedaten verzeichnet, EMI aus Kostengründen aber auf den Abdruck auch nur der meist englischen Liedtexte und Libretti verzichtete und sie auch nicht auf einer CD-Rom verfügbar machte.
Klaus Kalchschmid

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