Bayreuther Ring-Regisseur Schwarz inszeniert Turandot in Darmstadt

Die Kunst versagt als Sublimierung sexueller Energie

Giuseppe Finzi dirigiert, Valentin Schwarz inszeniert in Darmstadt Puccinis „Turandot“ – in einem knappen Jahr wird Schwarz in Bayreuth den neuen „Ring“ präsentieren

Von Bernd Feuchtner

(Darmstadt, 31. August 2019) Hart sind die ersten Akkorde von Puccinis „Turandot“ und Giuseppe Finzi lässt sie vom Staatsorchester Darmstadt in aller Gewalttätigkeit ausspielen. Wir sind im Hause Calafs, in dem dieser als Künstler mit seinem Vater Timur und seiner Gattin Liu lebt und malt. Offenbar hat er gerade einen psychotischen Schub, von dem ihn Liu verzweifelt herunterzuholen versucht. Aber mit Fäusten auf ihn einzutrommeln bewirkt nicht viel. „Er ist völlig von der Rolle,“ erklären uns die Übertitel. Deren Sprache ist von heute – etwa, wenn die Bewerber um die Hand von Turandot „abgemurkst“ werden –, ebenso heutig sind die Kleidung der drei Darsteller und das spießige Mobiliar in der linken Portalseite, aber die Schwarzweißzeichnung, in die Calaf sich verbissen hat, stammt eher aus der Entstehungszeit des Stückes: eine wilde Phantasmagorie nächtlicher Schreckensfiguren (Bühnenbild: Andrea Cozzi), wie sie in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Trivialkunst vorkam, gerne auch in Jugendbüchern. Möglicherweise hat auch Alfred Kubin Pate gestanden.

Das Regiekonzept entpuppt sich als eine Variante des beliebten Sujets „Der Maler verschwindet in seinem Bild“. Denn Calaf ist so besessen von seinen Visionen, dass er plötzlich hinter dem bemalten Schleier verschwindet, um Teil der rätselhaften Vorgänge zu werden, die sich dahinter auf zwei Ebenen abspielen. Folter und Gemetzel waren periodisch hinter seinem Bild aufgetaucht, um ebenso rasch wieder zu verschwinden, blutrünstige Szenen aus der Fantasie des Künstlers. Es genügt ihm nicht mehr, die bedrängenden Visionen aufs Papier zu bannen, seine Dämonen sind losgelassen und er will mit ihnen leben.

Aldo di Toro hat die starke und hohe Tenorstimme, um den immensen Druck glaubhaft werden zu lassen, der auf Calaf lastet und ihn schließlich dazu antreibt, sein Leben in die Waagschale zu werfen. Er muss um die mörderische Prinzessin werben. Die Kunst hat als Sublimierung der sexuellen Energie versagt.

Giacomo Puccini hatte sich für Carlo Gozzis „Turandot“ begeistert, nachdem er sie 1911 in der Version Karl Vollmoellers und in der Inszenierung von Max Reinhardt in Berlin auf der Bühne erlebt hatte (auch Ferruccio Busoni ließ sich davon zu seiner Oper anregen). Der Typus der Commedia dell’arte bringt es mit sich, dass Realismus in diesem Märchen keinen Platz hat. Gozzi hat krass-bunte Bilder entworfen, und entsprechend interessiert sich das Darmstädter Regieteam für Tableaus, nicht aber für die einzelne Figur, für die Phantasmagorie, nicht aber für Psychologie; dafür wird auch gar kein Raum angeboten. Die anfangs so vehemente Liu von Jana Baumeister zeigt bald ihre sanfte Seele, und Calafs Vater Timur (Dong-Won Seo) ist dem Sohn in keiner Weise mehr gewachsen. Da hat auch Giuseppe Finzi das Orchester längst zu einem süßen Klang inniger Beredtheit angehalten – Puccinis Partitur wird sich an diesem Abend in vielen Farben präsentiert. Frei von jedem China-Kitsch entwirft sie Klänge, die absolut auf der Höhe ihrer Zeit sind. Das respektiert die Darmstädter Aufführung auch damit, dass sie das Fragment nicht anrührt: Wo Puccini nicht mehr weiterkonnte, ist Schluss. Bei Michelangelos Sklaven, Schuberts Unvollendeter oder Kafkas „Amerika“ brauchen wir ja auch keine „Vervollständigung“, kein vorgetäuschtes Fertigsein, keine erlogene Auflösung. Umso weniger braucht eine Horror-Phantasmagorie die Abrundung.

Im ersten Akt hatten die Protagonisten vor dem Schleiervorhang mit Calafs Zeichnung nur die schmale Fläche im Portal zur Verfügung, was zu längeren Phasen des Rampensingens und Händereckens verleitet hatte. Im zweiten Akt ist die Zeichnung in den Hintergrund gerückt und davor hebt sich eine Holztribüne aus der Tiefe, die mit allerlei chinesischem Volk und mit Kriegern der berühmten Terrakottaarmee besetzt ist – Calaf ist, vielleicht zu seinem eigenen Erstaunen, hier in eine Welt von ganz anderem Stil eingedrungen als dem seiner Zeichnung. Ganz oben zwei Terrakotta-Pferde, die anscheinend den bescheidenen Karren des Kaisers Altoum zu ziehen haben. Dieser erscheint beinahe wie ein Einsiedler, der dem Treiben seiner rachsüchtigen Tochter Turandot ohnmächtig zusieht – am Ende wird sie ihn in seinem Karren verbrennen.

Soojin Moon erscheint im weißen, schwarzbestickten Brautkleid, mit schwarzen Handschuhen und schwarzen Lederhosen darunter, mit weißem Haar und schwarzen Augen – ein furchteinflößendes, böses Albtraum-Wesen wie die Königin bei Alice im Wunderland. Je näher Calaf ihr auf die Pelle rückt, desto schärfer ihre Äußerungen und desto ausgreifender ihre Aktionen auf der Tribüne – die Sängerin beherrscht die zweiten Hälfte des Abends, bis – Liu mit ihrem Opfertod ihr die Schau stiehlt. Da wird auch die Musik wieder weich und berührend.

Der von Sören Eckhoff zu glänzender Entfaltung gebrachte Chor und Extrachor des Staatstheaters Darmstadt trägt zur Wucht des Abends ebenso viel bei wie zu dem Wechselbad der Gefühle, dem das Publikum sich ausgesetzt sieht. Auch der Kinderchor leistet Beeindruckendes. Beim begeisterten, nur von wenigen Buhs durchsetzten Schlussapplaus werden dann auch die phantasiereich-farbenrohen Kostüme von Pascal Seibicke sichtbar, die Heiko Steuernagels Lichtregie im Dunkel gelassen hatte. Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Julian Orlishausen, David Lee und Michael Pegher als das Trio Ping-Pang-Pong (bei Gozzi waren es die Commedia dell’arte-Typen Tartaglia, Brighella und Truffaldino) liefern in feuerroten Filz-Kostümen die derb-komischen Intermezzi. In Calafs Atelier hatten sie schon als Marionetten gehangen und in ihrer großen Szene hängen sie nun tatsächlich an Strippen aus dem Schnürboden, wie bei Yuval Sharons Berliner „Zauberflöte“.

„Turandot“ entpuppt sich an diesem Abend als ein ebensolches Machwerk wie die „Zauberflöte“. Indem er den galoppierenden Wahn zeigt, wirft Regisseur Valentin Schwarz Fragen auf, statt uns mit Antworten abzuspeisen. Da Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ ja auch eine wilde Phantasmagorie ist, könnte das Team Schwarz/Cozzi tatsächlich eine interessante Wahl für Bayreuth sein. Bei Wagners Phantasmagorien allerdings ist es mit Tableaus nicht getan – sie zeigen, oft sogar kammermusikalisch, lauter scheiternde Individuen. Die brauchen Fleisch und Blut, um auf der Bühne interessant zu werden.

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