Bayerisches Staatsballett

Zwischen Teddybär und Raubkatze – Variationen zum Thema Männlichkeit

Léonard Engel Foto: W. Hösl

Das Bayerische Staatsballett präsentiert bei seiner ersten Premiere in dieser Saison zwei Wiederaufnahmen von Balanchine und Robbins und eine Uraufführung von Aszure Barton
Von Christian Gohlke
(München, 20.12.2015) Es ist ein unterhaltsamer Abend, den das Bayerische Staatsballett als erste Premiere in dieser Saison aus drei ganz verschiedenen Einzelstücken zusammengestellt hat. Dabei handelt es sich um zwei Wiederaufnahmen und um eine Uraufführung. Zwar ergeben die Choreographien von Balanchine, Robbins und Barton nicht unbedingt ein großes, wohlkomponiertes Ganzes. Aber das macht nichts. Jedes dieser Ballette ist sehenswert, wenn natürlich auch aus jeweils ganz anderen Gründen.
Die Choreographie von George Balanchine zu Bizets Symphonie in C-Dur eröffnete den Abend. 1947 uraufgeführt und 1975 ins Repertoire des Münchner Balletts übernommen, wurde sie jetzt nach jahrelanger Pause von Colleen Scott wieder neu einstudiert. Der besondere Reiz dieser Arbeit besteht darin, dass Balanchine die Struktur, aber natürlich auch die Stimmung der Musik mit den Mitteln des Tanzes visualisiert. Bizet schrieb seine Symphonie im Alter von 17 Jahren, und das klangschöne und wach musizierende Staatsorchester unter der Leitung von Michael Schmidtsdorff traf den jugendlich unbekümmert leichten, energievollen Charakter dieser Musik sehr gut. An das Staatsballett stellt Balanchines Choreographie zu Bizets Jugendwerk höchste technische Anforderungen. In den drei ersten Sätzen steht jeweils ein Solistenpaar im Mittelpunkt, im abschließenden stürmischen Allegro vivace kommen dann alle noch einmal auf der Bühne zusammen. Beeindruckten Ekaterina Petina und Erik Murzagaliyev vor allem mit großer Eleganz im Kopfsatz, so war es im Andante besonders die präzise, genau ausgeführte Spitzentechnik der Primaballerina Lucia Lacarra, die in Marlon Dino einen sicheren Partner hatte. Gut, dass dieses Stück klassischer Tanzkunst, das vom Staatsballett auf hohem Niveau präsentiert wird, jetzt wieder im Spielplan ist!
Ist Balanchines Arbeit sozusagen getanztes C-Dur, taghell, leicht und schön, so führt Jerome Robbins  Choreographie zu vier Nocturnes von Chopin in die Dunkelheit. „In the night“ wurde 1970 in New York uraufgeführt und 2001 vom Bayerischen Staatsballett übernommen. Christine Redpath, Ballettmeisterin am New York City Ballett und bestens mit Robbins‘ Arbeiten vertraut, hat die vier kurzen Stücke sorgfältig neu einstudiert. Robbins erzählt in drei pas de deux von drei Paaren in unterschiedlichen Beziehungssituationen:  Sind Ivy Amista und Javier Amo verliebte junge Leute, so treffen wir in Ekaterina Petina und Tigran Mikayelyan ein schon etwas reiferes, stilleres Paar. Lucia Lacarra zeigt mit Cyril Pierre leidenschaftlichen Streit und zarte Versöhnung. So ausdrucksstark die Tänzer ihre Rollen auch zu gestalten wussten, ganz glücklich konnte man mit „In the night“ nicht werden. Maria Babanina spielte Chopins Nocturnes (op. 27 Nr. 1, op. 55 Nr. 1 und 2 sowie op. 9 Nr. 2) nämlich so unanimiert ausdruckslos, dass darunter die ganze Aufführung litt. Sie fand keine großen Spannungsbögen; Chopins Musik zerfiel in Einzeltöne.
Balanchines und Robbins‘ Arbeiten harmonieren thematisch und formal gut miteinander. Beide Choreographien zeigen in jeweils drei Sätzen große, an der klassischen Tanzsprache orientierte pas de deux und führen die Paare am Ende noch einmal zusammen. Aszure Bartons „Adam is“ sprengt diesen Rahmen in mehrfacher Hinsicht: Sie arbeitet nur mit den Herren der Truppe und nutzt weder klassische Musik noch klassisches Ballettvokabular. Adam, so heisst in der Bibel der erste Mann, und Variationen zum Thema Männlichkeit sind es, die Aszure Barton kreiert hat. Männlichkeit bewegt sich für die Choreographin wohl zwischen zwei Polen, die in Ausstattung und Kostümen griffig veranschaulicht sind: Ein sechseinhalb Meter hoher Teddybär ist die einzige Dekoration auf der sonst schwarzen Bühne. Dieser knuddeligen Bärenweichheit steht das Kraftvolle, Kämpferische, auch Aggressive von Raubtieren gegenüber. Ihre Fellzeichnung geben die Kostüme der Tänzer wieder. Auch die neu von Curtis Macdonald komponierte Musik (besser sollte man wohl von einer Klangkollage reden) reflektiert diese Dualität: Elegische Klavier- und Streichertöne einerseits, harte perkussive Rhythmik andererseits. Die sehr bodennahe, erdverbundene Arbeit Bartons zeigt die neun Tänzer manchmal in der Gruppe – ausgelassen wie Jugendliche, miteinander kämpfend wie Rivalen, sich aneinander messend wie Sportler –, manchmal solistisch (Shawn Throop brilliert mit einem fast slapstickhaften Auftritt). Am Ende sind nur noch zwei Tänzer auf der Bühne. Matej Urban und Jonah Cook gestalten eindringlich eine spannungsgeladene Begegnung zwischen erotischer Anziehung und immer neuer Ablehnung. Nicht alle Szenen geraten indes so intensiv wie dieses Finale.
Schade ist, dass die Tänzer durch identische Kleidung und Frisur völlig entindividualisiert wirken und zudem oft auf dem hinteren Teil der ohnehin nur schwach erhellten Bühne tanzen, die anfangs auch noch durch einen straff gespannten transparenten schwarzen Vorhang vom Publikum getrennt ist. Das rückt die Choreographie in große Distanz. Trotzdem folgt man Aszure Bartons neuer Arbeit mit Interesse, auch weil sie die tänzerischen Möglichkeiten der Compagnie geschickt nutzt.


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