"Babylon"-Oper von Jörg Widmann

Turm aus Klängen

Babylonisches Musizieren auf Buchstabenbergen Foto: W. Hösl

Uraufführung der klang-, bild- und wortgewaltigen "Babylon"-Oper von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk am Münchner Nationaltheater 
(München, 27. Oktober 2012) Eine einsame Klarinette (Andreas Schablas) im intimen Dialog mit der personifizierten Seele (virtuos bis in Stratosphären hinein: Claron McFadden): Für wenige Momente steht zu Beginn des zweiten Teils dieser bis dahin über weite Strecken überbordenden, alle Kräfte und Sinne mobilisierenden und fordernden, bildgewaltig inszenierten "Oper in sieben Bildern" nebst Vor- und Nachspiel die Zeit still. Nun ist Jörg Widmann ganz bei sich und seinem Instrument, dem er wie kaum ein anderer als Interpret wie Komponist traum- und zauberhaft schöne Töne entlocken kann. Was für ein Kontrast ist dies zur großen, alle Grenzen sprengenden dritten Szene des ersten Teils, die mit einem vierzehnstimmigen Ensemble von sieben Vulven und sieben Phalli beginnt und in einem babylonischen Oktober-Fest-Karneval endet, der Bayerischen Defiliermarsch, Strauß’sche Fiakermilli-Koloraturen, "Wer hat die Kokosnuss geklaut?" und monumentale jüdische Chöre virtuos über- und gegeneinander blendet.
Hauptfiguren in knapp drei Stunden Großer Oper sind "die Seele", ihr engster Vertrauter Tammu (mit wunderbar weichem Tenorglanz: Jussi Myllys) und die Priesterin Inanna (ein lyrischer Koloratursopran ersten Ranges, der auch schlangengleich elegant agieren kann: Anna Prohaska). Sie ist Inbegriff der erotischen Verführung, der Tammu verfällt. Tammu wird als Menschenopfer getötet und doch wieder zum Leben erweckt, weil Inanna sich in einer der schönsten, poetischsten Szenen – der sechsten – der Oper für ihn im Wortsinne von allem Schmuck und Schutz entblößt und den Tod (Willard White als verrückter, launischer Transvestit) dadurch bezirzt. Am Ende entschweben Tammu und Inanna in einer Raumkapsel, die Seele aber wird zur Sonne und so hebt sich die Dreieckskonstellation des Mannes zwischen zwei Frauen auf wundersame Weise auf.
Dazwischen tritt der fruchtbare, ebenso Leben spendende wie vernichtende Euphrat in Gestalt der herrlich orgelnden dramatischen Sopranistin Gabriele Schnaut inmitten des famosen Staatsopernchors auf. Ein Septett des neuen Regenbogens gibt es, die Sprechrolle des visionären Priesters Ezechiel, der vor unseren und den Augen Tammus den Buchstaben der Bibel notiert (August Zirner) und einen bedrohlichen Skorpionmenschen (Countertenor Kai Wessel), mit dem das Spiel beginnt und endet, gleichsam einen Kreis beschreibend.
Die einsamen Bläser des Beginns und der danach folgende feierliche Duktus des babylonischen Chors erinnerte an archaische Vorbilder, aber auch die Matthäus-Passion grüßte von fern. Immer wieder schimmern in Widmanns Partitur derartige Vorbilder durch und ergeben ein farbiges klangliches Referenzsystem: Ein "Opferfest", das den zweiten Teil mit der Erscheinung des Urdrachens eröffnet, klingt anfangs unverhohlen nach Wagners Fafner-Raunen. Und nicht selten ist Widmann Mahler und dessen achter Symphonie erstaunlich nahe. In den Liebesduetten von Inanna und Tammu lassen gar die unverhohlen tonalen Orientalismen von Bizets "Perlenfischern" grüßen, vor allem beim wie ein Leitmotiv wiederkehrenden Satz aus dem Buch Ruth der Bibel: "Denn wo du hingehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe ich auch".
Aus all diesen disparaten Elementen errichtet Widmann parallel zum wortgewaltigen Libretto Peter Sloterdijk ein Klanggebäude in Form des babylonischen Turms in der Horizontalen. In Umkehrung der Formel aus Wagners "Parsifal" lässt er so den Raum zur Zeit werden: "Der Bau der Partitur entspricht der Form einer Zikkurat, also dem Babylonturm. Es gibt ein riesiges Fundament. Selbst die Sintflut, die eine halbe Stunde dauert und in sich eine kleine Oper darstellt, ist schon eine kürzere als die erste. Bis zum siebten Bild hin verjüngt es sich immer mehr. Der Turm wird in der Musik gebaut und die Sprachverwirrung findet nicht im Libretto, sondern in der Musik statt", so der Komponist im Interview, das im opulenten Programmbuch abgedruckt ist.
Verschiedene solistische Instrumente wie Akkordeon, Flöte oder Harfe  werden im zweiten Teil immer wichtiger, die Musik wird filigraner und kammermusikalischer, grandios etwa ein Duett mit obligater Geige. Ein einziges Mal entwickelt sich das tönende Geschehen eindeutig in der Vertikalen: In einem großen Zwischenspiel nach der Wiederbelebung des Tammu steigt dieser mit Inanna die Treppe hinauf. Und auch die Musik schraubt sich immer mehr in die Höhe – ein großartiges musikalisches Bild.
Regisseur Carlos Padrissa der katalonischen Theatertruppe Fura dels Baus, sein Bühnenbilder Roland Olbeter, der mehr als nur einen von unzähligen Statisten aufzuschichtenden und immer wieder einstürzenden babylonischen Turm, verschieb- und kombinierbare Treppen und Hubpodien entworfen hat – jeder Stein mit einem Buchstaben versehen -, die Videos von welvecode/Tigrelab und die phantastischen Kostüme von Chu Uroz verschmelzen zu einer babylonischen Bilder-Verwirrung. Manchmal hätte man sich weniger wildbewegte computeranimierte Zahlen-Ozeane oder abstrakte Grafik-Wellbewegungen gewünscht, vielmehr öfters ein so starkes Bild wie die bühnenfüllende Projektion unzähliger Menschenleiber im Fegefeuer vor der Hölle des sechsten Bildes.
Kent Nagano bewies einmal mehr, dass er eine derart anspruchsvolle, vielstimmig geschichtete, dicht instrumentierte Partitur mit seinem enorm motivierten Staatsorchester bewundernswert in Klang umsetzen kann und so Jörg Widmanns zu Recht unbescheidenes Werk in aller Pracht und Rätselhaftigkeit zu einem bemerkenswerten Publikumserfolg verhelfen konnte.
Klaus Kalchschmid
(Weitere Aufführungen: 31. Oktober, 3., 6. und 10. November)

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