Avishai Cohen beim Rheingau Musik Festival

West-östlicher Divan-Musik

Beim Rheingau Musik Festival begeisterte der Jazz-Bassist Avishai Cohen zusammen mit seinem Trio und dem Stuttgarter Kammerorchester im Kurhaus von Wiesbaden

Von Robert Jungwirth

(Wiesbaden, 30. August 2017) Der Jazz hat es nicht leicht heutzutage. Immer mehr scheint er ein Minderheitenprogramm für eine Minderheit zu sein. Die großen Zupferde der 80er und frühen 90er sind passé, neue kommen kaum nach. Dabei bietet der stilistisch nach so vielen Seiten hin offene Jazz nach wie vor eine phantastische Spielfläche für kreative Musiker. Man muss sie nur zu nutzen wissen. Wie der israelisch-amerikanische Bassist Avishai Cohen. Der ist ein wahres musikalisches Chamäleon zwischen Klassik, jüdischer und arabischer Musik und natürlich kennt er auch die Spielarten des zeitgenössische Jazz, hat sie in New York eingehend studiert und mit Herbie Hancock, Joshua Redman und sehr intensiv mit Chick Corea zusammengearbeitet. All das integriert Cohen in seine eigenen Stücke, die geradezu überschäumen vor Stilvielfalt und mitreißender Spielfreude.

Für das Rheingau Musik Festival, das sich wie es scheint mehr und mehr genreübergreifenden Programmen öffnet, hat sich Cohen ergänzend zu seinem Trio zusätzlich mit dem Stuttgarter Kammerorchester zusammengetan, um eine ausgedehnte musikalische Reise quer durch den Mittelmeerraum zu unternehmen – und darüber hinaus. Dabei waren nicht alle Arrangements von Cohens Stücken für die Stuttgarter gleichermaßen überzeugend. „Hayo Hayta“ zu Beginn klang doch arg kitschig, arabisch angehauchte Stücke wie das Arab Medley, das sephardische Liebeslied Puncha Puncha“ oder Dreaming of a Dream, alle übrigens arrangiert von Tscho Theissing, klangen umso reizvoller und wurden vom Kammerorchester auch bewundernswert idiomatisch rübergerbracht – angeheizt von der phänomenal engagierten Konzertmeisterin und Leiterin Messun Hong Coleman.

Cohen hat die Stücke, die er übrigens am Klavier und nicht am Baß komponiert, wie er erzählte, bereits mit Streichquartett aufgeführt. Nun versuchte er sich also mit Orchester, und die Stuttgarter ließen sich bereitwillig darauf ein – auch keine Selbstverständlichkeit. Trio und Orchester wechselten sich ab beim Beginn der Stücke und warfen sich so gewissermaßen die Bälle zu. Längere Passagen des Miteinanders gab es dagegen aber eher nicht. Dafür hatten die beiden Ensembles dann ihre Solo-Stücke.

RMF 2017: Avishai Cohen Trio / Stuttgarter Kammerorchester im Kurhaus Wiesbaden
Avishai Cohen bass & vocals, Omri Mor piano, Itamar Doari percussion, Stuttgarter Kammerorchester, Meesun Hong-Coleman Violine & Leitung – (c) RMF /Ansgar Klostermann

Die Stuttgarter begannen mit Bartoks Rumänischen Volkstänzen in einer ebenfalls wunderbar idiomatischen Interpretation und spielten später die frühe minmalistische John Adams Komposition „Shaker Loops“. Das anschließende „Alon Basela“ von Cohen griff den Minimalismus von Adams auf verblüffende Weise auf, die Trio-Musiker Omri Mor am Klavier und Itamar Doari an den Percussions lieferten dabei fantastische Beispiele für ihre technische Brillanz und stilistische Wandelbarkeit. Dabei wechselte Omri Mor in einem Solo von groovendem Jazz zu polyphonen Bach-Anklängen und dann wieder zu Orientalismen, dass man mit dem Hören kaum nachkam. Nur um dann in eine ganz schlichte, aber ungemein stimmungsvolle Liedhaftigkeit zu münden. Cohen, der auch tatsächlich oft zu seinem Spiel singt, lässt sich in seinen Stücken inspirieren von traditionellen Gesängen seiner Heimat und seiner multikulturellen Familie, in der es spanische, griechische und polnische Wurzeln gibt. Und er singt auch auf seinem Bass, kreiert einen ganz besonderen sonoren warmen Ton. Das Publikum im Wiesbadener Kurhaus jedenfalls war aus dem Häuschen und applaudierte stehend – und räumte anschließend in kürzester Zeit den CD-Stand leer. An diesem Abend war Jazz definitiv keine Minderheitenmusik.

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