Artaserse Köln

Barockes Dandytum

Das Ersteinspielungsteam von Leonardo Vincis Oper "Artaserse" gastierte in der Kölner Oper am Dom: fünf Countertenöre und das Concerto Köln
(Köln, 17. Dezember 2012) Lediglich die Tenorrolle wude mit Juan Sancho neu besetzt. Aber was hätte man eigentlich gemacht, wenn einer der fünf Counter ausgefallen wäre? Dann hätte die Bartoli einspringen müssen! Ein männliches, hohes Register kann man wohl kaum für dieses virtuose Belcanto-Repertoire mal so eben auftreiben. Großartig also, dass keiner ausfiel, im Gegenteil, dass ein Musikteam zu erleben war, das jede Note in und auswendig kannte und völlig angstfrei in alle Tempi, Affekte und Tiraden einsteigen und perfekt auf einander reagieren konnte.
Szenische Aufführungen dieser frühesten Vertonung von Pietro Metastasio getexteten "Artaserse"- Oper, der noch einige von namhaften Komponisten folgen sollten, haben im November an der Oper in Nancy statt gefunden. Und konzertante sind in Wien, Lausanne, Bilbao, Paris den drei in der Kölner Heimat von Concerto Köln anberaumten voraus gegangen. Außerdem ist bei Virgin Classics/EMI gerade die Gesamtaufnahme erschienen. Der damit endgültig aus der Versenkung gehobene musikalische Barockschatz mit seinen die verschiedenen Affekte und vor allem die Gurgelfertigkeiten der Kastratensänger bedienenden Arien, lohnt solche Mühen. Und der neapolitanische Komponist Vinci – der nichts mit dem weit über 200 Jahre älteren Renaissancekünstler Leonardo da Vinci zu tun hat – könnte keine besseren Fürsprecher haben als die sechs Dandy-Boys inklusive des Tenors, der mal nicht der Held, sondern der Bösewicht und die tiefste Stimme sein durfte.
Das Rampensingen der XX-Chromosome im Alt beziehungsweise Mezzoregister hat etwas Bezwingendes. Auf der Bühne gab es ein wenig Szenerie: links korinthische Säulen mit einer weiblichen Nacktstatue auf Sockel (ein Michelangelo-Davide hätte wohl besser gepasst!), rechts eine herunter gekommene Gründerstil-Häuserfassade mit schwingender Glastür wie ein Bareingang. Zu zweit in immer neuen Kombinationen kamen die Dandys von rechts aus den Säulen oder links durch die Glastüre auf die Bühne, setzten sich im Rezitativ miteinander auseinander, spielten die Szenen, traten ab. Alle sangen auswendig. Und man vergass völlig, dass ihre schwarzen Anzügen, der Smoking, der Frack gar keine Kostüme waren. Nur einer hatte sich mit Glitzerrock über Pumphose verkleidet.
Nach dem Schlagabtausch im Sinne von: "Ich muss dich verlassen!" – "Liebst du mich denn nicht mehr?" – "Sohn, ich will, dass du den Thron besteigst!" – "Ich kann nicht, der rechtmäßige Thronfolger ist mein Freund!" – "Ich habe ihn vergiftet!" – "Du musst sterben!" – "Gnade!"… folgten Bravourarien, Wutausbrüche, Kampfansagen, oder – "per pietà" – Mitleid erheischende Töne. Und in freundschaftlicher Konkurrenz wurde versucht, den größten Applaus einzuheimsen. Der kam prompt und immer mehr!
Diese Unisex-Protagonisten – Männer mit Frauenstimmen in Männerrollen, Männer mit Frauenstimmen in Frauenrollen- brachten das Publikum zum Kochen! Und wenn der Franzose Philippe Jaroussky der ausgemachte Star war, die Titelbilder geliefert und die Titelrolle auch mit seinem hellen Timbre und seiner technischen Perfektion über allen stehend geadelt hat, die Gunst des Publikums bekamen der Argentinier Franco Fagioli als Arbace mit großem Schmelz in der Stimme, vielleicht etwas viel Vibrato, aber einer wunderbaren Mittellage mit Baritontiefe und Mezzohöhe und der junge ,in München aufgewachsene Rumäne Valer Barna-Sabadus mit leuchtend-beweglicher Höhe und der herzallerliebsten Marotte, sich die Haare aus der Stirn zu blasen. Die beiden waren nach kurzer Zeit die geheimen Stars dieser Aufführung, was vielleicht auch an den Arien lag.
Valer Barna-Sebadus ist der neue Countertenorstar hier im Rheinland. Im Januar 2013 wird er in der Kölner Philharmonie einen Purcell- und Dowlandabend geben, in der Düsseldorfer Oper die Titelrollen in Händels "Xerxes" übernehmen. Aber auch der ukrainische Counter Yuriy Mynenko als General und der Kroate Max Emanuel Cencic, der als Geliebte von Arbace mit einem vorgetäuschten Ohnmachtsanfall einen Lacher verbuchte und mit Arbace das einzige Duett singen durfte, ergänzten stimmlich das Ensemble, das von Concerto Köln perfekt unterstützt wurde.
Konzertmeister Markus Hoffmann sorgte in den Streichern für Leichtigkeit mit rhythmischer Exaktheit. Diego Fasolis, der vom Cembalo aus leitete, forderte fein abgestuften Dynamiken, sorgte dafür, dass die Sänger perfekt begleitet wurden, jedes Rubato, jede Kadenz ihren Raum bekam und vollführte bei den Schlusstönen regelrechte Bocksprünge.
Sabine Weber

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.