Ariadne auf Naxos

Trieberotik und Todesvisionen

Daniela Fally (Zerbinetta) Foto: Forster

Uwe Eric Laufenbergs inszeniert in Köln Strauss‘ Ariadne auf Naxos, Markus Stenz dirigiert

(Köln, 26.November 2011) Auch das ist eine Möglichkeit des Sparens: Der Intendant kauft die Ausstattung seiner früheren Inszenierung an sein gegenwärtiges Haus zurück. In Köln erstrahlt Tobias Hoheisels Bühnenbild für "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss nunmehr in neuer Jugendstillpracht. Uwe Eric Laufenbergs Wiederverwertungstaktik sollte sicher nicht zum Dauerprinzip erhoben werden, aber welcher Kölner fährt schon nach Brüssel (Premiere war hier 1987) oder Barcelona (2002)? Er hat von der letztgenannten Produktion (übrigens mit den vermutlich letzten, herrlichen Zerbinetta-Auftritten Edita Gruberovas) vielleicht gerade mal Videoausschnitte auf Youtube gesehen.

Laufenberg war von Anfang an entschlossen, das komplexe Werk nicht in einer "alten Gluck-Dekoration" spielen zu lassen. Immerhin geht es um Existenzielles, in des Librettisten Hugo von Hofmannsthals Worten um ein "simples und ungeheures Lebensproblem: das der Treue". Treue ist allerdings ein Idealwert, nur selten eine voll lebbare Lebensmaxime. Immer kommt etwas Neues, dem sich zu verweigern an Selbstschädigung, ja Hybris grenzen kann. Es muss ja nicht gleich auf die Leichtfertigkeit einer Zerbinetta hinauslaufen, welche zur abgrundtiefen, todessüchtigen Trauer der von Theseus verlassenen Ariadne kontrastiert.

Über den Wechsel von Gefühlen meditiert die Strauss/Hofmannsthal-Oper, deren Fassung mit nachkomponiertem Vorspiel (und ohne Molière-Aufschwemmung) mit Recht die gültige geblieben ist, ausgiebig. Zudem wurde wirkungsvoll die Figur eines jungen Komponisten eingefügt, der von den Schwärmereien über Musik als "heilige Kunst" zu den Reizen ganz irdischer Liebe findet. So jedenfalls lässt Laufenberg seine Inszenierung ausklingen. Auch bei Ariadne vollzieht sich diese Metamorphose, in Köln mit Dämonen einer walpurgisnachtartigen Trieberotik und Figuren voller Todesvisionen. Ein Albtraum, der allerdings kathartisch zu neuem Leben führt.
Die Kölner Aufführung macht diese Schmerztherapeutik optisch sinnfällig, bleibt aber insgesamt in einem lyrischen Erzählfluss mit sinnfälligen Bildakzenten und heiteren Perforierungen. Dies fordert ja auch die Dramaturgie der Oper, welche Trauer und Freude, Tragik und Lebenslust in der Schwebe halten möchte. Nicht umsonst trotzte Hofmannsthal Strauss als Abrundung des großen Duetts Ariadne/Bacchus einen kurzen finalen Auftritt Zerbinettas ab.

Dieses empfindliche Gleichgewicht wird durch Laufenbergs Inszenierung sehr glücklich nachvollzogen, die Situation eines improvisierten Theaterspiels im Hause des "reichsten Mannes von Wien" zwar kraftvoll ausgespielt, doch nicht komödiengestadelt. Von Bacchus wäre vielleicht etwas mehr zu erzählen gewesen (der "Knabe" ist immerhin der erotischen Anmache durch Circe gerade mal entkommen), aber dazu hätte es wohl auch eines potenteren Tenors als Marco Jentzsch bedurft, der sich mit solchen Kraftakten zurückhalten sollte. Ansonsten kann sich der ebenso sensibel wie farbig das Gürzenich-Orchester dirigierende Markus Stenz auf ein großartiges Ensemble stützen, welches – kölntypisch – mit einer Fülle von Rollendebüts aufwartet. Die Holländerin Barbara Haveman gestaltet die Ariadne mit enormer Leuchtkraft und schöner weiblicher Aura, die Österreicherin Daniela Fally, an der Wiener Staatsoper zu Hause, ist eine Zerbinetta ohne Furcht und Tadel. Regina Richters Gesang und Bühnenpräsenz als Komponist mit der Interpretation der kürzlich verstorbenen Sena Jurinac zu vergleichen, würde etwas weit gehen, aber an Irmgard Seefried darf man – durchaus feuchten Auges – schon denken. Ausgesprochen quirlig das Komödianten-Quartett Miljenko Turk (Harlekin), Gustavo Quaresma Ramos (Scaramuccio), Matias Tosi (Truffaldin) und Jeongki Cho (Brighella), weitgehend strahlend das Trio Gloria Rehm (Najade), Adriana Bastidas Gamboa (Dryade) und Ju-Hyun An (Echo). Last not least Johannes Martin Kränzle als Musiklehrer, ein ganz und gar rundes Porträt.

Christoph Zimmermann

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