Archiv von Lagermusiken

Musik aus dem Lager

Der italienische Musikwissenschaftler Francesco Lotoro hat die weltweit größte Sammlung von Musik aus Gefangenenlagern zusammengetragen. Jetzt will er dafür ein Forschungszentrum in Süditalien bauen.

Von Thomas Migge

(Barletta, November 2017) Der Autor des traurigen Liedes mit dem Titel „Heimatlos“ ist unbekannt. Man weiß nur, dass es in Buchenwald komponiert wurde. Viktor Ullmann hingegen war ein bekannter Komponist. Er komponierte zwischen 1942 und 43 in Theresienstadt viele seiner Werke. Darunter auch Chor-Arrangements von Liedern aus dem „Jüdischen Makabi-Liederbuch“. Der Italiener Lorenzo Lugli komponierte die „Hymne der italienischen Gefangenen“ im Stalag Hammerstein. Ein Stalag war ein Stammlager zur Unterbringung von Kriegsgefangenen. In diesem Fall in der rheinlandpfälzischen Ortschaft Hammerstein. Lugli überlebte den Krieg. In Hammerstein war er als italienischer Kriegsgefangener interniert.

Francesco Lotoro kann dem Besucher stundenlang Werke von Komponisten erzählen, die in Konzentrations- und Vernichtungs-, in Gefangenen- und Folterlagern, in Gulags und anderen Lagerformen, egal wie man sie in den verschiedenen Sprachen und Kulturkreisen nennt, arbeiteten, lebten, komponierten, überlebten oder starben. Der Musikwissenschaftler hat in jahrelanger Forschungsarbeit das weltweit größte Archiv für „musica concentrazionaria“, für Musik aus Gefangenenlagern, zusammen getragen. Nicht ohne dabei zahlreiche Hindernisse überwinden zu müssen.

Zunächst brachte Francesco Lotoro die gesammelten Kompositionen bei sich zu Hause unter, in seiner Wohnung im südapulischen Barletta. Doch schnell begriff der zum Judentum konvertierte Lotoro, dass er mit seiner Forschungsarbeit eine Tür geöffnet hatte, die sich nicht schnell wieder schließen ließ und die sein ganzes berufliches und privates Leben auf den Kopf stellen sollte.
„Ich entschied von Anfang an, nicht nur nach musikalischen Werken zu suchen, also nach all dem, was schon bekannt und veröffentlicht wurde, sondern nach bisher unveröffentlichten Werken“, berichtet der Musikwissenschaftler. „Dafür versuchte ich die Nachfahren von Musikern und Komponisten, die in Lagern lebten und starben, zu kontaktieren“. Um sie zu interviewen, erklärt er, „und um auch herauszufinden, ob sie daheim noch weitere Kompositionen aufbewahren“.

Francesco Lotoro und seinen Mitarbeitern, allesamt Musikstudenten, die als Gratis-Volontäre das Mega-Sammelprojekt tatkräftig unterstützen, gelang es in zwanzigjähriger Arbeit mehr als 8000 Kompositionen zu sammeln: Lieder, Chorwerke, Kompositionen für Soloinstrumente und Orchester, Kammermusik, Symphonien, Hymnen, Märsche etc. Zu jedem einzelnen Komponisten erstellten Lotoro und sein Team Künstlerbiographien – soweit das möglich war, denn von nicht wenigen Musikern ist nur sehr wenig oder auch gar nichts bekannt. So umfasst das weltweit größte Archiv für Lagermusik nicht nur musikalische Werke sondern ein ebenfalls einzigartiges biographisches Archiv. Nicht nur aus NS- oder faschistischen Lagern, sondern auch aus russischen Gulags und Gefangenenlagern nicht nur aus Europa, sondern auch aus Afrika, Asien und den USA.

Auf eigene Faust und privat finanziert – Lotoro verschuldete sich für sein Forschungsprojekt haushoch – produzierte er bislang 24 CDs, ausschließlich mit Lagermusik aus europäischen Ländern. Alle Künstler, es handelt sich vor allem um Musiker apulischer Konservatorien, stellten sich für dieses CD-Projekt umsonst zur Verfügung.

Ein Projekt, das jetzt endlich auch von öffentlicher Seite aus gewürdigt wird und tatkräftig unterstützt wird. Der italienische Ministerrat stellte bereits fünf Millionen Euro zur Verfügung. Die Region Apulien, in Sachen Kulturförderung beispiellos in Italien, will die Restgelder bereitstellen. Finanzmittel kommen mittlerweile auch von privaten Geldgebern. Mit diesen Finanzmitteln will Lotoro sich einen Traum erfüllen: Den Bau einer so genannten „Cittadella della Musica Concentrazionaria“, einer Stadt der Lagermusik.

Cittadella della Musica Concentrazionaria Foto: privat

Das Projekt sieht die Nutzung einer ehemaligen Destillerie aus dem frühen 20. Jahrhundert vor. Auf rund 9000 Quadratmetern Nutzfläche soll es neben einem musikalischen Archiv mit den gesamten Werken aus den verschiedenen Lagern auch ein biographisches Archiv sämtlicher Komponisten und Musiker geben, die in Lagern interniert waren. Darüber hinaus ein Konzertsaal, in dem die von Lotoro und seinem Team gesammelten Werke aufgeführt und präsentiert werden sollen und auch einen Studien-Campus.
„Wir nennen ihn den Campus der Musikwissenschaften“, so Lotoro. „Die Università Cattolica in Mailand, die Uni in Bari und verschiedene andere Hochschulen, auch im europäischen Ausland, wollen dafür hier Masterstudiengänge organisieren“. 2019 werden die ersten Sommerkurse stattfinden.

Ein ehrgeiziges Projekt, für das etwa 15 Millionen Euro Gesamtkosten veranschlagt werden. Lotoro und sein Architekt sind fest davon überzeugt, dass das Geld dafür zusammen kommt. In den kommenden Monaten wird mit den Umbauarbeiten der ehemaligen Destillerie begonnen. Der Traum des Musikforschers konkretisiert sich.

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