Anna De Amicis

Muse der Frühklassiker

Die rumänische Sopranistin Teodora Gheorghiu beeindruckt auf ihrer Debüt-CD mit unbekannten Bravourarien der legendären Sängerin Anna De Amicis

"Heut wird die de Amicis von Venedig aufbrechen, folg: in ein paar tagen hier seyn. dann wird die Arbeit erst recht angehen, bis dato ist noch nicht viel geschehen." So schrieb Leopold Mozart in einem Brief über die Vorbereitungen für die Uraufführung der Oper "Lucio Silla" seines Sohnes Wolfgang Amadeus 1772 aus Mailand. Tatsächlich wartete Wolfgang Amadeus Mozart mit der endgültigen Gestaltung mehrerer Gesangsnummern bis die berühmte Prima Donna in Mailand eintraf und er mit ihr die Arien durchgehen konnte. Mozart hat einmal sogar behauptet, er komponiere für die Sänger "nach Maß". Anna de Amicis hatte er in Neapel in Nicolo Jommellis "Armida abbandonata" gehört und sich wie viele andere Komponisten der Zeit sofort für ihre Stimme begeistert. Gerade deshalb wollte er seine Musik ihren stimmlichen und auch schauspielerischen Fähigkeiten anpassen, "wie ein gutgemachts Kleid". Der Musikschriftsteller und -reisende Charles Burney beschrieib Anna de Amicis als "die erste, die das "dreigestrichenen E mit der Kraft einer leuchtenden klaren Bruststimme" singen konnte.

Mozart ließ sich von Jommelis Bravourarien in dessen "Armida" durchaus inspirieren, seine Arie "Ah se il crudel" in Lucio Silla fungiert gewissermaßen als Bindeglied zwischen Jommelli und seiner Martern-Arie der "Entführung".
Was für eine schöne Idee, dieser für die damalige Zeit ungemein wichtigen Sängerin und der für sie entstandenen Musik eine ganze CD zu widmen. Die junge, ungemein talentierte Theodora Gheorghiu hat sich dieser Aufgabe in ihrer Debüt-CD(!) gestellt und ausgewählte Arien zusammen mit den inspiriert und feinsinnig begleitenden Les Talens Lyriques unter den kenntnisreichen Christophe Rousset aufgenommen. Und welch unbekannte Schätze gibt es da zu entdecken, wie etwa Josef Mysliveceks "Romolo ed Ersilia", in der die Koloraturen den Mut und die Tapferkeit der Titelheldin ausdrücken sollen, Pasquale Cafaros im Grunde unsingbare Virtuosenarie "E fra tante tempeste" aus dessen Oper "Antigono" oder Johann Christian Bachs "Zanaida", die Bach als Leiter des King’s Theatre in London uraufführte und für die er Anna de Amicis engagierte.
So lassen sich wunderbar Bezüge, Einflüsse, aber auch Unterschiede zwischen den frühklassischen Meistern und dem jungen Mozart feststellen. Aber vor allem musikologischen und musikhistorischen Vergnügen macht Teodora Gheorghius Stimme Vergnügen! Die aus Rumänien stammende Sopranistin weiß atemberaubende Technik und glasklare Intonation mit einem ausdrucksstarken, wohltimbrierten Stimmklang zu verbinden, wobei sich eben auch die Zusammenarbeit mit diesem fantastischen Ensemble bezahlt macht, da hier selbst Begleitfloskeln konzentriert und nicht beiläufig klingen und so wiederum motivierend und sinnstiftend auf die Solistin wirken. Nicht zuletzt dieses intensive Wechselspiel macht diese CD zu einer unbedingten Empfehlung.

Robert Jungwirth
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