Alessandro Karlsruhe

Zickenkrieg auf und hinter der Bühne

Foto: Markus Kaesler

Die 35. Händel-Festspiele in Karlsruhe bringen mit die ins persönliche gewendete Historienoper "Alessandro" auf die Bühne – das ist sehens- und hörenwert

(Karlsruhe, 17. Februar 2012) Scharf punktiert, Pralltriller-Verzierungen: In französischem Duktus ist die Ouvertüre zur Oper "Alessandro" gehalten – und so pointiert, präzise und klangschön großartig wie die "Deutschen Händel-Solisten" im Badischen Staatstheater Karlsruhe aufspielen, hat man den stolzen antiken Helden Alexander gleich vor Augen. "Der Große" wird er in Geschichtsbüchern genannt – "der Hochmütige" ist er bei Händel, zumal er sich, nachdem er mutig ganz allein eine Stadt erobert hat, kurzerhand zum Sohn von Gottvater Jupiter erklärt. Seine Gefolgsleute sind darüber "not amused", wollen den arroganten Helden beseitigen. Parallel entspinnt sich eine ménage à trois zwischen Alexander und zwei Prinzessinnen – und so großspurig er als Kriegsheld auftritt, so kleinspurig ist er in Bezug auf Frauen: Weil er sich zwischen der heißblütigen Lisaura und der gutmütigen Roxana nicht entscheiden kann, macht er beiden abwechselnd schöne Augen – was der klangschöne Countertenor Lawrence Zazzo hier auch vortrefflich spielt.

Der Zickenkrieg unter den Damen ist vorprogrammiert: Eine Paraderolle nicht nur für die brillante Italienerin Raffaella Milanesi als koloraturenwütige "Furie" Lisaura, die Kostümbildnerin Claudia Doderer mal mondän in schillernd bunte Seide, mal amazonenhaft in Brustpanzer und Federrock gekleidet hat. Auch ihre Kontrahentin Roxana, gesungen von der großartigen Spanierin Yetzabel Arias Fernandez, macht als romantisches Sensibelchen in weißer Hemdbluse, Haarblume und Reifrock hervorragende Figur.
Zu Händels Zeiten setzte sich der Zickenkrieg auf der Bühne auch hinter der Bühne fort: Für die Uraufführung 1726 hatte die Londoner Royal Academy of Music die Italienerin Faustina Bordoni als Roxana eingekauft – ihr ist es zu verdanken, dass Händel seinen "Alessandro" überhaupt schrieb. Denn er brauchte einen Stoff, in dem alle seine Sängerstars gleichwertig zum Zuge kamen: Neben dem Kastraten Senesino, der den Alessandro sang, war das die Sopranistin Francesca Cuzzoni alias Lisaura. Es kam zum Konkurrenzkampf zwischen den Damen – ein Konflikt, den die Royal Academy vermutlich einkalkuliert hatte, zumal sie finanziell angeschlagen war und dringend einen "Marketing-Coup" brauchte.
Ein Jahr später sollte es unter den "Rival Queens" dann auch handgreiflich zum Eklat kommen, in Händels Oper "Admeto". "Es ist doch wirklich eine Schande", schrieb ein Journalist damals, "dass zwei so wohlerzogene Damen einander Hure und Dirne nennen, schimpfen und raufen wie irgendwelche Marktweiber".
 
Von "Marktweibern" kann in Karlsruhe dann aber keine Rede sein: Unter der Regie von Alexander Fahima werden aus Feindinnen sogar Freundinnen, die sich im dritten Akt schwesterlich gegenseitig wärmen, wenn Schnee auf die mit Holzwänden und heruntergelassenen Stoffbahnen in Assoziationsräume unterteilte Bühne fällt. Auch bei Händel liegt Freundschaft in der Luft, wenn die Damen ihren wendehälsisch-entscheidungslosen Alessandro schon im zweiten Akt entnervt nachäffen, dabei Teile seiner Arien nachsingen.
Für die Lachnummern sorgen dann auch Alessandros verräterische Gefolgsleute: Drei Musketiere-Verschnitte, die als Mordkomplott-Schmiede buchstäblich mit dem Feuer spielen und so manches köstlich dahergesprungene Tänzchen wohl wagen. Auch diese Nebenrollen sind hervorragend besetzt: Die agile Altistin Rebecca Raffell in der Hosenrolle des Cleone, der warm temperierte Bariton des Andrew Finden alias Clito – vor allem aber der strahlkräftige, weiche Tenor des Sebastian Kohlhepp, der den Leonato singt.
Der Tanz spielt immer wieder eine Rolle in Alexander Fahimas Regiekonzept – und die am Barocktanz und der Commedia dell’arte angelehnten Sprünge und gestenreichen Verbeugungen des Choreographen Michael Bernhard verfehlen ihre Wirkung nicht. Das Auge hört mit in Karlsruhe, wo zur Eröffnung der 35. Händel-Festspiele ein ästhetisches, abwechslungsreiches Gesamtkunstwerk entstanden ist.

Ursula Böhmer


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