Aida Stuttgart

Zarter Schmelz und Brachialgewalt

Kriegstreiber und Kriecher Foto: Staatstheater Stuttgart/Martin Sigmund


Manfred Honeck dirigiert in Stuttgart eine fulminante, verstörende „Aida“
(Stuttgart, 26. Oktober 2008) Doch, einen Elefanten gibt es in der neuen Stuttgarter „Aida“, die sonst alle Ägypten-Klischees meidet oder ironisiert. Allerdings nicht zum Triumphmarsch, sondern erst ganz am Ende, wenn Aida und Radames lebendig eingemauert mit Sphärenklängen schon das Jenseits begrüßen. Dann sehen wir wieder den im ersten und zweiten Akt Klaustrophobie erzeugenden goldenen Guckkasten (Bühne: Bärbl Hohmann), jetzt aber als Video von oben und in Slow Motion gefilmt. Die nicht mehr unterscheidbaren Personen bewegen sich wie Käfer und werden am Ende gleichsam zertreten von einem Elefanten, der sich sinnbildlich auf alle setzt. Zu den letzten Takten aber hellt sich die Leinwand bis zum strahlenden Weiß auf, in das Aida – getrennt von Radames – in den Tod schreitet.
Traumhaft schön und zart musiziert hier das Staatsorchester Stuttgart unter seinem GMD Manfred Honeck, wie auch bereits zu Beginn die vielfach geteilten Geigen im feinsten Pianissimo schwebten, oder später manche Cello-Kantilene und andere Soli geradezu berückend ausdrucksvoll gespielt werden. Man hört in jedem Takt, wie intensiv der Dirigent die Details – und den großen Bogen – geprobt hat. Er weiß, wann er den großartigen Chor (Einstudierung: Michael Alber) weich und zart artikulieren lassen (Priesterinnen!) oder ihn zum Fanal steigern muss. An der Durchschlagskraft der Massen-Szenen kann man das geradezu körperlich spüren. Endlich einmal sind die in der komponierten verstörenden Wucht zu erleben. Das tut weh, macht aggressiv gegen all die Kriegstreiber und Machthaber, die Fanatiker der Gewalt, und soll es auch. Denn diese Deutung zielt ins Innerste des Stücks, den unlösbaren Zwiespalt des ägyptischen Feldherrn Radamès: sich entscheiden zu müssen zwischen Macht und Karriere auf der einen Seite – und der Liebe zu einer Sklavin im feindlichen Lager auf der anderen Seite.
Hector Sandoval ist ein eher lyrischer Tenor, der sein „Celeste Aida“ zusammen mit dem ganz zurückgenommenen Orchester manchmal fast haucht und so einen denkbar großen Kontrast schafft zum Auftrumpfen der großen Chor-Szenen. Maria José Siri hat die dramatischere Stimme, passt aber dennoch – auch optisch – gut zu Sandoval. Die Mezzosopranistin Marina Prudenskaja verkörpert als Amneris das pure Gegenteil: eine große, schlanke Frau mit Turmfrisur und hohen Absätzen, die, mit Schmuck behängt, einem Film entsprungen scheint. Stimmlich und darstellerisch grandios, gestaltet die Russin ergreifend die Entwicklung einer zunehmend desillusionierten Frau, die im Kampf um das Leben des Geliebten reift: Auf leerer Bühne ringt sie um Radamès und versucht den nach seinem unbewußten Hochverrat manisch nur noch im Kreis Laufenden immer wieder vergeblich zu stoppen.
Leider ist Karsten Wiegands Inszenierung nicht immer auf der Höhe des Schlusses und dieser Szene. Die Ironisierung hohler Gesten und des An-der-Rampe-Singens etwa funktioniert nicht immer, so gelungen das Konzept auch ist, in den ersten beiden Akten eine kalte, goldstarrende, brutale Welt des Militärs (angeführt von Daniel Henriks als König und Liang Li als Oberpriester Ramfis) in einer High Society zu zeigen, wo die Frauen in Frisuren, die ägyptisch scheinen, aber ebenso den 60er Jahre entsprungen sein könnten (Kostüme: Anna Eiermann), den wie tot am Boden liegenden Kriegsgefangenen alle Wertsachen und Schmuck abnehmen; um dieser Männer-Welt ab dem „Nil-Akt“ dann räumlich die weibliche, weiche Seite entgegenzustellen – durch eine Bühne, die nur aus silbern glitzerndem, fließendem Lametta besteht, das perfekt als Versteck (auch für Aidas Vater, den Äthiopier-König Amonasro, stimmgewaltig gesungen von Yalun Zhang) dienen kann, aber auch alle Konturen verwischt.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen am 29. Oktober, 2., 8. und 12. November
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