Adevantgarde

Vom Rotkäppchen zum Spektralismus

„Rotkäppchen.Lauf!“: Der Problemwolf (Marco Vassalli) und die Großmutter (Eva Schneidereit) Foto: Kathrin Mayr


Das 9. Adevantgarde-Festival für Neue Musik in München gab sich experimentell und kinderfreundlich – ein Rückblick

(München, 28. Juni 2007) Sieben unterschiedliche Abende zwischen Konzert und Theater – das ist keine schlechte Ausbeute für ein kleines, wenig subventioniertes Festival wie die im Wechsel mit der Biennale für zeitgenössisches Musiktheater dieses Jahr zum 9. Mal stattfindende „ADevantarde“. Doch die heilige Zahl hat nicht nur Glück gebracht: Die ambitionierteste Veranstaltung musste in einer schnell zusammengeschusterten Schlecht-Wetter-Version ablaufen. So wurde der zweite Abend einer Erkundung der NS-Geschichte des Königsplatzes und seiner angrenzenden Bauten arg verkürzt. Und schon am ersten Abend wurde bei „Rise and Fall“ die Geduld der Zuschauer im nördlichen Lichthof der Musikhochschule auf eine harte Probe gestellt – mit zwei kryptischen Kurzopern zu Aufstieg und Fall von Diktatoren samt einem enervierend langen „Bagdad-Monolog“.
Tags darauf hätte es in einem Wandelkonzert unter dem Titel „Die Träne Mithras“ eine Begehung von Königsplatz, südlichem Lichthof und der unterirdischen Bunker der Hochschule geben sollen, doch das fiel buchstäblich ins Wasser. Also schallte das chorische „Kawumm!“ Helga Pogatschars von der Treppe der Hochschule, bliesen die drei Märsche Moritz Eggerts von der Empore, drehten sich auf einem riesigen weißen Ballon, der an die Weltkugel von Chaplins „Großem Diktator“ erinnerte, wie in einem Kaleidoskop eine Stunde lang abstrakte Video-Sequenzen zu Musik zwischen Disko und Elektronik (Robert Voisey: „Munich-Mix 60×60“). Anfangs war das faszinierend, später, aus der immer gleichen Perspektive betrachtet, zunehmend ermüdend. Dabei machte die Beschallung um diese Kugel den zahlreichen Besuchern sichtbar Lust, sich im Raum zu bewegen.
So musste der kurze Spaziergang durch die spannende Keller-Installation für vieles entschädigen. In den einstigen Speisekammern der NS-Zeit, die an einen langen Gang mit zahllosen Heizungsrohren und Schläuchen grenzen, fanden sich junge Männer wie in den unterirdischen Kultstätten der „Mithräen“, wo sie das Blut der geopferten Stiere treffen sollte. Selbst scheinbar im Todeskampf erstarrt, lagen sie hier auf einem Meer aus blutroten Bällen, ihre Blasinstrumente stumm nach oben gereckt, doch plötzlich erwachten sie dank eines Führers und spielten einige wenige, versprengte Töne (Rochus Aust: La/Cri/Mare).
„Rotkäppchen.Lauf!“
Bei Markus Schmitts wunderbar ironisch heiterem Terzett von Weinflasche (exzellent gesungen und entfesselt komisch gespielt vom Bariton Marco Vassalli), Brot (die freche Mezzosopranistin Eva Schneidereit) und Blume (nicht minder keck: die Sopranistin Irene Kurka, die auch da Rotkäppchen gab) fühlte er sich dann schon wohler. Gerne hätte man mitgeschrieben, was die drei sich als Feuerwerk an Schimpfwörtern an den Kopf warfen.
Nicht minder lustig war zum Abschluss Claus Kühnls „In Rotkäppchens Bett“, das musikalisch und in seinen Zitaten direkt an Schmitt anknüpfte und das Märchen zu einem glücklichen Ende führte. Die fünf Musiker (Harfe, Viola, Horn, Flöte, Kontrabass) des coproduzierenden Theaters Osnabrück unter Leitung des auch auf der Bühne mitspielenden Marius Stieghorst stellten sich perfekt auf die vier verschiedenen Musikstile ein und produzierten ein Maximum an farbigen Klängen.
Auch die Konzerte konnten mit einigen Highlights aufwarten: Trotz Dauer-Intensität und mehrfach wiederkehrender harmonischer, melodischer und rhythmischer Muster stellte sich im Eröffnungskonzert bei „Pierced“ von David Lang für Cello (Felix Fan), Klavier (Andrew Russo), Schlagzeug (David Cossin) und die Streicher des Münchener Kammerorchesters unter Christoph Ahlstaedt keine Ermüdung ein. Von ganz leiser Intensität und fein gewobenen Strukturen geprägt war dagegen „The Inner Future“, während Markus Muench in seinen „data.strings“ virtuos mit aus Handy-Klängen, Klavier- und Sinustönen sowie dem weißen Rauschen destillierten Elektronikeinsprengseln die klaren Streicher-Strukturen seiner Musik infizierte, ja „verschmutzte“.
Als Ganzes noch faszinierender war das Konzert von „Singer pur“ in der Allerheiligen Hofkirche mit virtuoser Verschränkung von Alter und Neuer Musik. Perfekt passten Wolfgang Rihms „Passionstexte“ zu Gesualdos „O dolorosa gioia“ und „Moro, lasso, al mio duolo“, Carl Christian Bettendorf verschärfte die Kontraste in der Uraufführung seiner „Due madrigali decomposti di Don Carlo Gesualdo“ noch, ließ symbolisch Folterwerkzeuge erklingen und nahm die Rede von Schmerz und Ersterben wörtlich. Auch in Bernhard Weidners „Dufay-Reflex – Im Regenwald“ mit Ivan Goll“ ging der Keim von „Flos Florum“ wie eine exotische Blüte auf. Georg Haider implantierte mit chirurgischer Präzision sein bizarr sich spreizendes „Amen“ in Heinrich Isaacs „Optime pastor“, ohne dass man die Nahtstellen bemerkte. Nicht minder frappierend klang die Bach-Reflexion Hans Schanderls unmittelbar nach Bachs „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“ aus der Johannes-Passion.
Schöner als mit einer Hommage an den Komponisten Tristan Murail, gespielt von „piano possibile“ unter Leitung des Murail-Schülers Carl Christian Bettendorf hätte die diesjährige ADevantgarde nicht enden können, denn der 60-jährige Franzose ist wie nur wenige lebende Musiker schon zur Legende und zum Inbegriff seiner kompositorischen Methode geworden. Das Prinzip der „musique spectrale“ – benannt nach dem physikalischen Spektrum der bei jedem Ton mitschwingenden Obertonreihe – prägt das Komponieren jedes seiner Stücke und so klingen sie „biomorpher“ (so Murails Mitstreiter Gérard Grisey) als nach dem Gesetz der Zwölftonreihe oder des Serialismus komponierte Musik.
Daher verwunderte es nicht, dass die durchaus unterschiedlichen Stücke, allesamt jüngeren Datums, einen eminenten Klangreiz entfalteten. „Feuilles à travers les cloches“ (1998) etwa ist ein ebenso dichtes wie duftig wirkendes Stück, auch dank der Spieltechniken Pizzicato (Geige), Flageolett (Cello) und Flatterzunge (Flöte). „Seven Lakes Drive“ – der Name einer Straße mit Blick auf sieben Seen, hier in deutscher Erstaufführung zu hören, mutet nicht minder elegisch an, obwohl das Horn gegenüber Klaviertrio, Klarinette und Flöte dramatische Akzente setzt und auf die übrigen Instrumente ausstrahlt. Aus den „Winter Fragments“ (2000) dagegen wehte tatsächlich Eiseskälte. Und dank des Einsatzes von Elektronik wurde das Glitzern von Flöte, Klarinette und Klavier zu einem gefährlich hellen Gleissen, dem die Streicher in diesem lebendigsten Stück des Abends selten dunklere, warmere Farben hinzumischten.
Klaus Kalchschmid

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