5. Internationales Streichquartett-Festival Ickinger Frühling

Gehaltvolles jenseits von Beethoven

Entdeckungen beim Internationalen Streichquartett-Festival Ickinger Frühling

Von Robert Jungwirth

(Icking, 21. April 2018) Am Ende ihres Auftritts frotzelten die vier Musiker des Quartetto di Cremona darüber, dass sie ja „nur“ italienische Werke gespielt hätten und keine „wirklich bedeutungsvollen“ wie etwa von Beethoven. Deshalb spiele man nun in der Zugabe etwas wirklich Gehaltvolles. Der Bratscher Simone Gramaglia grinste da schon verräterisch in sich hinein, und die Vier hoben an, Boccherinis berühmtes Menuett zu spielen. Neben der „Kleinen Nachtmusik“ das vielleicht bekannteste Stück klassischer Musik überhaupt. Und die Cremoneser machten sich auch noch den Spaß, ein paar schräge Töne einzubauen. Einen Jux wollten sie sich also machen – und das Publikum des kleinen, aber feinen Ickinger Frühlings freute sich amüsiert.

Aber natürlich steckt auch berechtigte Kritik in der Frotzelei der Italiener, Kritik an der Dominanz eines Werkekanons, der ein paar dutzend Stücke über alles andere stellt und dem es zu „verdanken“ ist, dass man viel zu selten weniger bekannte Werke in den Konzertsälen dieser Welt zu hören bekommt. Werke, die es durchaus verdient hätten, aufgeführt zu werden – wie etwa die Kammermusik Boccherinis. (Die Beethoven-Quartette haben die Italiener übrigens ebenfalls bereits komplett auf CD aufgenommen.)

Das Quartetto di Cremona brachte zu seinem Auftritt in Icking also Randständiges von Luigi Boccherini und Ottorino Respighi mit sowie das Streichquartett von Verdi, das dieser eher zufällig komponierte – als er in Neapel auf die Genesung einer Sängerin wartete, um seinen „Don Carlo“ aufführen zu können. Während Verdis Quartett noch eine gewisse Bekanntheit besitzt, weil es schließlich von Verdi stammt und ein Solitär ist, sind die Quartette von Boccherini und Respighi nur sehr wenig bekannt und noch weniger auf Programmzetteln hierzulande zu finden. Was für ein Versäumnis das ist, das führten die Italiener dem Publikum mit instrumentaler und interpretatorischer Überzeugungskraft sinnfällig vor Ohren.

Der Beginn des C-Dur-Quartetts, das Boccherini gerademal 18-jährig komponierte, besitzt bezaubernde Grazilität und hohen Einfallsreichtum – so dass es mit den frühen Haydn-Quartetten fraglos mithalten kann. Das Programmheft des Festivals weist zu Recht darauf hin, dass Boccherini, der etwa 10 Jahre jünger als sein Wiener Kollege war, an der Entwicklung der Gattung Steichquartett ebenfalls seinen Anteil hatte…Ein Thema für gelehrige Vorträge und Symposien…

Auch wenn das abschließende Menuett des dreisätzigen Werks recht höfisch und auch ein wenig harmlos klingt, war der junge Boccherini mit seinen Quartetten ohne Frage zu dieser Zeit sehr erfolgreich auf der Suche nach den klanglich-kompositorischen Möglichkeiten, die diese Besetzung bietet. (1761, als seine Quartette veröffentlicht wurden, begann Haydn gerade seine Tätigkeit beim Fürsten Esterhazy…) Noch im 19. Jahrhundert stand Boccherini Kammermusik in den Konzertsälen etwa von Paris hoch im Kurs.

Eine wirkliche Entdeckung an diesem Nachmittag in Icking war Ottorino Respighis zwischen 1904 und 1907 entstandenes drittes Quartett in D-Dur. Vielgestaltig, gehaltvoll zwischen Brahms, Strauss und Debussy changierend, bietet das Werk ein faszinierendes Spektrum an Ideen und emotionaler Tiefe – homogen und klanglich dicht gespielt vom Quartetto die Cremona.

Das Minguet Quartett, Bild © Frank Rossbach

Das Abendkonzert an diesem ersten von zwei Festivaltagen bestritt das seit 1988 bestehende deutsche Minguet Quartett mit einem ebenfalls recht ausgefallenen Programm. Schön, dass das Festival im Isartal diese Repertoireerweiterungen und -entdeckungen ermöglicht! In diesem Jahr fand es zum fünften Mal statt, und man kann es jedem Quartett-Interessierten nur empfehlen, und einen Ausflug ins schöne Isartal mit einem oder mehreren Konzerten zu verbinden.

Nach dem einleitenden G-Dur Quartett von Mozart (KV 387), in dem die Vier ihre fein artikulierte und schlanke Klangkultur demonstrieren konnten, folgten ohne Pause ineinander übergehend Weberns 6 Bagatellen, Peter Ruzickas 2. Quartett, das das Chiffrenhafte von Webern aufgreift und zum Teil noch exzessiver auslebt – vor allem im fast punkigen „Movimentato“ – und schließlich Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ in einer Streichquartett-Bearbeitung von Annette Reisinger. Dieser fein durchgehörte, intensiv, aber nicht gefühlsselig gespielte Mahler war vielleicht der Höhepunkt des Auftritts der Minguet-Musiker. Das abschließend „Amerikanische Quartett“ von Antonin Dvorak (Nr. 12 F-Dur) litt dagegen an zu wenig zupackender, erdiger Klanglichkeit, wodurch die volksmusikalischen Elemente (aus Nordamerika) dieser Komposition etwas blutleer und atmosphärelos wirkten.

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