2009 Neujahrskonzert

Klingender Optimismus

Daniel Barenboims Debüt beim „Neujahrskonzert“ der Wiener Philharmoniker
(Wien, 1. Januar 2009) Alle Jahre wieder stehen die Wiener Philharmoniker vor dem Problem, für das Neujahrskonzert besondere Ideen präsentieren zu wollen. Diese bestehen vor allem in der Archäologie, im Ausgraben unbekannter musikalischer Schätze der Strauß-Dynastie. Aber auch der Kampf mit dem neuen Analphabetismus muss ausgefochten werden, der ss und ß nicht mehr auseinanderhalten kann und nicht weiß, daß, was einmal „Strauß“ war, niemals „Strauss“ werden kann – genauso wenig, wie man Joseph Haydn in Josef Haiden oder den Geheimrat Goethe in den Herrn Göte verwandeln darf. (Umgekehrt würde sich ja auch der bayerische Richard zu Recht über jedes „ß“ in seinem Namen beschweren.) Kurz und gut: Während die Philharmoniker die Mitglieder der Strauß-Familie korrekt zu schreiben verstehen, hat die Firma, die das Neujahrskonzert auf CD, DVD und Blu-Ray preßt, die Sträuße leider durch das automatische Korrekturprogramm laufen lassen.
50 Jahre im Fernsehen, fast 80 Jahre im Musikverein
In diesem Jahr feiert das Neujahrskonzert selbst Jubiläum: Es wurde zum 50. Mal im Fernsehen übertragen, live in über 40 Länder, zeitversetzt in weitere 20 Staaten. Über 300 Radiostationen strahlten das Konzert aus. Die wahren Anfänge der Konzerte liegen in den 1920er-Jahren, als die Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen zum ersten Mal ein Strauß-Konzert spielten. Ans Jahresende verlegt, fand ein solches Konzert erstmals am 31. Dezember 1939 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins statt. Seit dem 1. Jänner 1941 firmierte die Veranstaltung als „Johann-Strauß-Konzert“ und „Philharmonische Akademie“. Seit 1946 nannte man sie „Neujahrskonzert“.
Verbunden waren die Strauß-Konzerte von Beginn an mit dem Namen Clemens Krauss, der wohl der Erste war, der die Musik der Walzer-Dynastie ernst nahm. Er dirigierte auch im Weltkrieg. 1946 und 1947 fiel er – von den Allierten mit einem Auftrittsverbot belegt – aus und wurde durch den einzigen verfügbaren nicht-belasteten großen österreichischen Dirigenten, Josef Krips, ersetzt. 1948 war Krauss dann wieder rehabilitiert und leitete bis zu seinem Tod die Neujahrskonzerte. Ihm folgte für 25 Jahre der Konzertmeister des Orchesters, Willy Boskovsky. 1980 bis 1986 leitete mit Lorin Maazel zum ersten Mal ein international arrivierter Dirigent das Konzert. Seitdem wird von Jahr zu Jahr entschieden, wer am Pult steht. 2010 wird es wieder Georges Pretre sein.
Heutzutage ist das Neujahrskonzert ein internationales Ereignis, bei dem mit den Philharmonikern auch die Marke „Österreich“ durch den Äther verklärt wird. Die Exklusivität des populären Ereignisses zeigt sich an den Kartenpreisen (bis 940 Euro, und das ohne Schwarzmarktzuschlag), die Internationalität an den vielen Menschen aus aller Herren Länder, die den Goldenen Saal schmücken. Apropos Herren: Heuer saß am ersten Pult weltweit sichtbar eine Geigerin als eine von insgesamt zwei Musikerinnen in der noch immer recht männerschweren Kapelle.
Daniel Barenboims Debüt beim Neujahrskonzert
In diesem Jahr fiel die Dirigentenwahl auf einen Debütanten: Daniel Barenboim. Und man durfte gespannt sein, wie der verhaltene, leise Humor des Musikers sich mit der Strauß-Philosophie der Philharmoniker vertragen würde. „Ist er nicht ein Exot?“, haben sich manche Urösterreicher angesichts der argentinischen Geburt Barenboims gefragt. Doch beruhignderweise reicht dessen Beziehung zur österreichischen Musik, wie er im Gespräch erzählt, weit zurück: Auf Konzerte, die er als Kind in Argentinien hörte, und auf seinen Salzburg-Besuch, als er als Neunjähriger nach Europa kam.
Doch die Welt sorgt immer für – meist unangenehme und auch blutige – Überraschungen. Was bei der Programmplanung als Verbeugung vor Barenboims humanistischem Engagement beim West-Eastern Divan Orchestra gedacht war – die Inkorporation des Johann-Strauß-Sohn Walzers „Märchen aus dem Orient“ -, hätte angesichts des Kriegs um den Gaza-Streifen wie ein zynischer Silvesterscherz wirken können. Vielleicht war die Innigkeit, mit der dieser Walzer zelebriert wurde, kein Zufall. Politik ist eben nicht nur Politik, und Musik mehr als nur l´art pour l´art.
„Was in diesen Tagen passiert, zeigt“, sagte Barenboim auf einer Pressekonferenz, „dass man diesen Konflikt nicht militärisch lösen kann. Es ist ein Konflikt zwischen zwei Völkern, die zutiefst davon überzeugt sind, ein Recht darauf zu haben, in einem kleinen Stück Land zu leben, das die einen Palästina nennen, die anderen Israel. Man kann diesen Konflikt nur lösen durch die Anerkennung der Logik der Position der jeweils anderen Seite: Das heisst nicht, dass man mit der anderen Position einverstanden sein muß. Aber man muß sie zumindest anerkennen und verstehen.“
Dies zur Neujahrsbotschaft während des Konzerts kondensierend, sprach Barenboim in wohldurchdachter Abstufung von der Hoffnung auf „Frieden in der Welt und menschliche Gerechtigkeit im Nahen Osten“.
Es wird nichts nützen, aber es wurde zumindest in die Welt gesagt.
Das Schwere des Altbekannten
Aber was ist schon einfach? Nichts spielt sich so schwer wie das Einfache und Altbekannte. Und das Bekannte muss, wieder angefasst, die Aura des neu aus dem Augenblick Geborenen in sich tragen, wenn es – allen vorauseilenden pessimistischen Nörgeleien zum Trotz – die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich ziehen soll. Vor diesem alljährlichen Problem stehen die Neujahrs-Konzerte der Wiener Philharmoniker.
„Einen Dirigenten, ja braucht´s den denn?“, wird oft gefragt. Ja, man hört den Unterschied! So schlank wie der Blumenschmuck war diesmal auch der Klang des Orchesters, der sich jeder pseudo-sinnlichen Üppigkeit und Sentimentalität enthielt. Der Glanz, den Baremboim bei Strauß und seinen Jüngern sucht, strahlt von innen durch die transparente Oberfläche einer Musik, die den Blick auf den volkstümlichen Kern immer frei lässt und eine schillernde Farbigkeit zum Vorschein bringt, die sich erst einstellt, wenn die grellen Schweinwerfer auf die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts gedimmt werden. Nur so wird der Übermut einer Epoche erahnbar, der – trotz des Börsenkrachs von 1873 – vom Optimismus des Aufstiegs eines bürgerlichen Jahrhunderts seinen Atem bezog.

Barenboim bewies eine gute und geschmackvolle Hand für eine leichte Dramatik, die erst zum Vorschein kommt, wenn die schweren Brokatvorhänge des Spätromantischen beseitegeschoben werden, und in der rhythmische Präzision und dynamische Feinstschattierung regieren. Schon in der einleitenden Ouvertüre zur „Nacht in Venedig“ herrschte ein weiter Weg vom Pianissimo zum Forte vor und das Tänzerische war durchs Symphonische gebrochen. Die „Annenpolka“ war von geradezu nerviger, weil bewusst eingebremster rhythmischer Gleichförmigkeit, die erst durchs analytische In-Funktion-Setzen des ganzen Kopfes den Anschein von schulmeisterlicher Uniformität zu verlieren beginnt, die sich beim ersten Hinhören einstellt.
Seinem Ruf als eigenwilliger und genauer Interpret gerecht zu werden, bot sich für Barenboim umso mehr Gelegenheit, als mit Werken wie dem Walzer „Märchen aus dem Orient“, der „Alexandrinen-Polka“ oder dem „Valse espagnole“ von Josef Hellmesberger (dem Jüngeren) ungemein farbige Stücke ihre Neujahrskonzerts-Premiere feierten. Auch der mit leichter Hand vorgetragene „Zampa-Galopp“ von Vater Strauß aus dem Jahr 1832 war im Musikverein zum ersten Mal zu hören. Von den „Sphären-Klängen“ des genialen Josef Strauß ließ sich der Dirigent hörbar gerne inspirieren. Er geriet zum musikalischen Höhepunkt des Konzerts. Und der Finalsatz der „Abschiedssymphonie“ – wegen des 200. Todestags von Joseph Haydn war zum ersten Mal ein Stück von ihm zu hören – geriet zur launig in Szene gesetzten Musikereinlage.
Zum Schluß wie immer Donauwalzer und Radetzky-Marsch, diese unmartialische und heute geschichts- und bewußtlos beklatschte Hymne an den Schlächter von Mailand, der 1848 die Revolution in Italien blutig niederschlug. Nur nicht an Gaza denken, Musikfreund. Du weißt, daß jeder historische Vergleich hinkt und daß das Klatschen nicht aus dem Kopf kommt.
Derek Weber

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