2008 Paris Tristan

Tristan im Wassertank

Foto: R. Walz/ Opéra national de Paris

„Tristan und Isolde“ in der Inszenierung von Peter Sellars und Bill Viola an der Pariser Bastille-Oper
(Paris, 13. November 2008) Cool, elegant, gestylt, schick… So muss man die Inszenierung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ an der Pariser Bastille-Oper nennen. Cool, weil sämtliche Interpreten in schwarze und schmucklose Gewänder gekleidet waren. Schwarz, die permanente Eleganz-Farbe der Intellektuellen. Auch die Bühne war ganz in schwarz gehalten. Nur Scheinwerfer erleuchteten jene Stellen, an denen gesungen wurde. Ansonsten herrschte Düsternis. Elegant, weil das schwarzfarbene Agieren auf der Bühne, zusammen mit dem riesigen weißen Bildschirm darüber, einen gestylten Farbeffekt ergab, der ungemein schick wirkte.
 
Schwarz und weiß und mittendrin die Videos des Videokünstlers Bill Viola, eines Meisters seines Fachs, der die einzelnen Szenen der Oper mit seinen Bilderfolgen kommentierte. Ästhetisch ungemein reizvolle Filme, die vor allem im letzten Aufzug ergreifend wirkten, als eine männliche Figur, wahrscheinlich war Tristan gemeint, von einer Art Totenbett aus zusammen mit einem Wasserstrahl langsam in die Höhe gezogen wurde. Langsam wie die Musik, wie der Gesang Isoldes, die den Tod ihres Geliebten nicht beweinte, sondern
ihn ins Metaphysische umkehrte, sublimierte. Eine wirklich gelungene Bild-, Musik und Gesangssymbiose. Allerdings nur im letzten Aufzug.
 
Ansonsten wusste der Zuschauer und Zuhörer nicht so recht, wohin er schauen sollte. Entweder ging der Blick direkt auf den unteren Teil der Bühne, dort, wo Waltraud Meier(Isolde), Alexander Marco-Burhmeister (Kurwenal) und Matti Salminen (König Marke) ein meisterhaftes Trio abgaben und dank der ergreifenden Regie von Peter Sellars wie Bühnenschauspieler agierten.
Oder aber der Blick des Zuhörers ging auf die Videoleinwand, die mit ihrer Größe nahezu die gesamte Bühnenfläche einnahm und leider viel zu oft vom schauspielerischen Geschehen der Sänger ablenkte. Oder aber der Zuhörer blickte ganz nach oben, oberhalb des riesigen Bühnenraums, wo das übersetzte Libretto nachzulesen war. Hin und her ging der Kopf, von den Sängern über die Videos zum Text und das sorgte für Verwirrung, zumindest für visuelle Verwirrung.
 
Entweder folgte man also den Sängern und ihrem Agieren oder aber lauschte der Musik, während man sich die poetischen Videos anschaute. Sicherlich keine besonders überzeugende Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Bühnenbildner, zwischen Sellars und Viola. Man muss in diesem Zusammenhang an die jüngste Mailänder-Inszenierung von „Tristan und Isolde“ erinnern, unter der glänzenden und hochpsychologischen Regie von Patrice Chereau. Dort stimmte einfach alles, während an dieser Aufführung an der Bastille so manches verwirrend wirkte. Ganz abgesehen davon, dass die Akustik in diesem Haus wirklich schlecht ist. Selbst für Wagner-Opern.
 
Waltraud Meier tat sich in Paris besonders hervor, ist sie doch nicht nur eine begnadete Wagner-Interpretin, sondern auch eine fantastische Darstellerin. Clifton Forbis als Tristan gab da schon eine schlechtere Rolle ab, nicht nur wegen seiner im Vergleich zu Meier eher schwachen Stimme, sondern auch, weil er nicht über die charismatische Bühnenpräsenz der deutschen Sängerin verfügt. Leider auch nicht die anderen Interpreten, abgesehen von  Salminen, Marco-Burhmeister und Ekaterina Gubanova als Brangäne. Dirigent Semyon Bychkov bot eine musikalisch überzeugende Interpretation. Der Russe und Wahlfranzose versteht Wagners Musik, vor allem aber die Musik des „Tristan“, als, so seine Worte, „vom Buddhismus durchtränkte Musik, ohne Anfang und Ende, immerwährend“.
Bychkov gab folglich die Musik nicht als bombastisches Spektakel, sondern sehr feinfühlig, in die Länge gezogen ohne zu lang zu werden, ohne den Bogen zu überspannen. Er reizte die romantischen Höhen der ergreifenden Momente der Komposition aus, ohne aber ins Rhetorisch-Empfindsame, ins Unglaubwürdig-Dramatische zu verfallen. Gefühle, ja, ganz intensive Gefühle, aber eben nachvollziehbar. Eine musikalisch wirklich gelungene
Interpretation.
Vielleicht lässt sich diese Aufführung besser als DVD erschließen, vorausgesetzt, die Kameras werden so positioniert, dass alle Regie- und Szenografieeffekte erfasst werden. Im Theatersaal der Bastille überzeugte das Zusammenspiel dieser Musik mit schauspielerischer Darstellung und den Bühnenraum dominierenden Videos nicht unbedingt.
 
Thomas Migge

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