11. Jazztival Elmau

Kanonenrock

Tré Foto: Palma Fiacco

Das 11. European Jazztival auf Schloss Elmau beleuchtete die Schweizer Jazzszene

(Elmau, 19.-21. November 2010) In der Gebirgslandschaft rund um Schloss Elmau können selbst Schweizer vergessen, dass sie nicht in der Schweiz sind. Der Blick auf das Wettersteinmassiv, auf Alp- und Zugspitze lässt sich durchaus mit Bergpanoramen in der Schweiz vergleichen.
Das Trio Tré um den Schlagzeuger Christian Niederer verbindet in seiner Musik Volksmusikalisches und Alphornassoziationen mit hintersinnig-witzigen Jazz-Elementen. So lieferte Elmau für das Trio wie für die Zuhörer die ideale optische Kulisse für diese Musik.
Niederer, Bernhard Bamert an der Posaune und Thomas Lüthi am Tenorsaxophon, schrecken auch nicht vor Schlager oder Softpop-Zitaten zurück, offenbaren ein eigentümliches Faible für unterschiedliche Formen musikalischer Spießigkeit. Und jede Menge Spaß an der Destruktion und Dekonstruktion derselben, die sich auch in Titeln wie "Kanonenrock", "Tammtarap" oder "Immergrün" ankündigt; allesamt vereint auf der CD "Aufwind".

Die Schweizer Jazzszene präsentiert sich enorm vielfältig. Schon lange gibt es in der Schweiz international renommierte Jazzfestivals, und diese wirkten und wirken natürlich auch auf einheimische Musiker inspirierend. Dazu kommt für das Bedürfnis, mit etwas Abseitigem gegen die bürgerliche Miefigkeit zumindest musikalisch aufzubegehren, wie Bernhard Bamert in einem Interview bekannte. Offensichtlich setzt dieser Widerstand auch jede Menge Kreativität frei.

Der phänomenale Bassist Heiri Känzig, mit familiären Wurzeln in Südamerika, sucht in seiner Musik die Annäherung an die musikalischen Traditionen Argentiniens, ohne dabei aber vordergründiger Tangoseligkeit zu verfallen. In seinem Quintett finden sich Flügelhorn (Matthieu Michel), Bandoneon (Michael Zisman), Klavier (Urs Bollhalder), Baß (Heiri Hänzig) und Schlagzeug (Lionel Friedli) zu einer eigenwilligen und faszinierend stimmigen Klangmischung zusammen.
Melodiöse Themen und spannungsvolle, virtuose Soli sind eingebettet in ein groovenden Sound. Zu bewundern auch auf der neuen CD mit dem Titel "Buenos Aires".
Die stilistische Bandbreite bei diesem 11. European Jazztivals auf Schloss Elmau hätte größer kaum sein können, und soviel wurde klar: In drei Tagen mit sieben Konzerten hat man nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Schweizer Jazz-Kosmos hören können. Für das Programm war auch in diesem Jahr der Gründer der Reihe Ralf Dombrowski verantwortlich.

Die schweizerisch-österreichische Quartett-Formation ClassXXX mit dem Saxophonisten Daniel Schnyder, dem Bassisten Georg Breinschmid, dem Vibraphonisten Thomas Dobler und dem Cellisten Daniel Pezzotti weitet das Jazzidiom in die Musikgeschichte früherer Jahrhunderte bis zu Vivaldi aus. Schnyder beherrscht die Formensprache der klassischen Musik ebenso wie die des Jazz und hat er auch bereits zahlreiche Werke für Orchester oder klassisch besetzte Kammermusikensembles geschrieben. Im seinem Quartett ClassXXX verfließen denn auch die Grenzen zwischen auskomponierter "klassischer" Musik und Jazz. Aber auch für außereuropäische Einflüsse ist die Formation offen, ein faszinierendes Amalgam auf spieltechnisch sehr hohem Niveau.

Ein wenig aus der Zeit gefallen, aber dennoch frisch wie am ersten Tag, der Starkstromgitarrist Harald Haerter mit seiner Formation The intergalactic Maiden Ballet mit dem Saxophonisten Wanja Slavin, dem Bassisten Thomas Jordi und dem Schlagzeuger Martell Beigang. Die vier Musiker retten ohne jede Schwierigkeit den Rock- und Funkjazz der 80er hinüber ins neue Jahrtausend mit einer Energiegeladenheit, die man als alternative Energiequelle nutzen könnte. Dabei ist jede Phrase, jeder Ton absolut auf den Punkt musiziert, erfüllt von Ausdruck und praller Klanglichkeit – sensationell!

Robert Jungwirth

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