Solers Una cosa rara mit Bildern von Lüpertz in Meiningen
Ein Montagslibretto
„Una cosa rara“ von Vicente Martin Y Soler in den Bühnenbildern von Markus Lüpertz am Theater Meiningen
Von Robert Jungwirth
(Meiningen, 31. Mai 2024) Gibt es eigentlich Montagslibretti? Analog zu Montagsautos, bei denen es kleine bis größere Macken gibt? Wenn man sich Lorenzo da Pontes Text zur Oper Una cosa rara ansieht, könnte man von einem Montagslibretto sprechen. Kaum zu glauben, dass der meisterliche Texter der Mozart-Opern Figaro, Don Giovanni und Cosi fan tutte auch zu einer solch umständlichen Belanglosigkeit fähig war wie in diesem Text, den er für den aus Spanien stammenden und zeitweise in Wien lebenden Mozart-Zeitgenossen Vicente Martin Y Soler geschrieben hat. Trotzdem oder gerade deshalb hatte die 1786 in Wien uraufgeführte Oper großen Erfolg, lief dem wenig davor aufgeführten Figaro von Mozart sogar den Rang, sprich die Besucher, ab.

Königin Isabella auf Eberjagd Foto: Christina Iberl
Thematisch ist diese Oper sogar relativ nah an den Mozart-Opern, wirkt wie eine simplifizierte Mischung aus Figaro und Cosi. Was zeigt, dass auch vor 250 Jahren das Simple erfolgreicher war als das Anspruchsvolle. Man könnte bei „Una cosa rara“ auch von einem „Figaro“-light sprechen: Ein lüsterner Adliger – der Sohn der Königin – stellt der Schäferin Lilla nach und bedrängt diese nicht nur körperlich, sondern auch mit jeder Menge Gold und Geschmeide. Die Angebetete bleibt zwar standhaft, aber ihr Verlobter ist dennoch maximal eifersüchtig und auch ihre Freundin und deren Verlobter geraten in das Liebe-Untreue-Karussel, das ohne weitere Ursachen immer mehr an Fahrt aufnimmt – Verwirrung, Konfusion, schwere Not, bis niemand geringeres als die Königin herself ihren Sohn zurückpfeift. Natürlich nicht ihn persönlich, sondern dessen geflügelten Adjutanten, der davon flattern muss. Der Prinzensohn rettet sich in therapeutisches Malen, was wirklich witzig wirkt in der Lüpertz-Szenerie. Auf dem Höhepunkt der amourösen Verwirrungen ist sogar im Text davon die Rede, dass sich eigentlich niemand mehr auskennt. Das beruhigt einen als Zuschauer. Während im Figaro jede noch so aberwitzige Wendung Ursache und logische Wirkung hat, scheint das in Cosa rara keine weitere Bedeutung zu haben.
Was an dem Stück ebenso erstaunt wie das dürftige Libretto ist die Qualität der Musik. Soler ist alles andere als ein Mozart-Epigone, er komponierte eine ganz eigenständige Komödie mit jeder Menge musikalischem Witz und Ideen. Das klingt mozartnah, hat aber doch eine eigene Handschrift. Es ist wohl durchaus nicht so, dass nur Soler von Mozart inspiriert war sondern auch umgekehrt Mozart von Soler. So gibt es im ersten Akt ein Duett des Paars Ghita-Tita, das ziemlich auffällig nach Papageno und Papagena klingt – einige Jahre vor der Entstehung der Zauberflöte. Soler hat dafür einmal in seiner Oper aus dem Figaro zitiert – durchaus als Zitat gemeint, was von den Zeitgenossen sicher erkannt wurde. Ein freundlicher Gruß von Komponist zu Komponist.
Intendant Jens Neundorff von Enzberg hatte das Stück am Theater Regensburg 2018 als Ausgrabung herausgebracht und die spektakuläre Produktion in den Bühnenbildern und Kostümen von keinem Geringeren als Markus Lüpertz jetzt an seinem neuen Haus in Meiningen wiederaufgenommen. Die Bilder von Lüpertz korrespondieren in ihrem Witz und ihrer Originalität ganz wunderbar mit der Musik und dem Spielwitz der Handlung, setzen ihr immer wieder ironische Spitzen auf. Eine parkähnliche Landschaft ist mal höfischer Lustgarten, mal Schäferwiese. Da ziehen prächtige Eber vorbei, wenn die Königin mit Pfeil und Bogen auf die Jagd geht und witzig-groteske Schafe von klein bis riesengroß, wenn die Szenerie zu den Schäfern hinüberwechselt. Das Haus der Wunschmaid des Infanten und ihrer Busenfreundin Ghita sieht aus wie aus Hänsel und Gretel, nur witziger, verschrobener – ein ulkiger Expressionismus.

Una cosa rara Selcuk Hakan Tiraşoğlu, Tomasz Wija, Sara-Maria Saalmann Foto: Christina Iberl
Regisseur Andreas Baesler gelingt es, die beiden weiblichen Hauptfiguren Lilla und Ghita mit jeder Menge Spielwitz auszustatten. Dabei ist Sara-Maria Saalmann als Ghita geradezu ein Bühnenwunder an Temperament und gesanglicher Prägnanz. Auch Monika Reinhard als Lilla zeigt neben ihren szenischen Qualitäten auch hohes stimmliches Niveau. Sie darf im zweiten Akt auch eine wirklich tiefgehende Arien singen, die dann auch mal Mozart’schen Tiefgang zeigt – was sonst in der Musik Solers nicht wirklich anzutreffen ist. Auch die übrigen Sängerinnen und Sänger bestechen mit ihren gesanglichen und szenischen Leistungen, denen die Meininger Hofkapelle unter Chin-Chao Lin ein wenig hinterher musiziert. Das Publikum in Meiningen war begeistert von der Spielfreude und dem Spielwitz und natürlich der bildnerischen Originalität dieser Produktion. (Lüpertz hat in Meiningen in der Zwischenzeit noch eine Oper ausgestattet und dabei sogar auch Regie geführt: La Boheme.)




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