Scarlattis Oper Mitridate Eupatore in Palermo
Was für ein Scarlatti!
Cecilia Ligorio inszeniert am Teatro Massimo in Palermo „Mitridate Eupatore“ von Alessandro Scarlatti
Von Thomas Migge
(Palermo 5. Oktober 2025) Eupatore? Was bedeutet das? Selbst viele Musikkritiker, die zur ersten modernen Aufführung der Oper „Mitridate Eupatore“ von Alessandro Scarlatti ins Teatro Massimo nach Palermo gekommen waren, konnten mit diesem Begriff nichts anfangen. Ein „eupatore“, so informiert das Web, ist ein anderes Wort für „aristokratisch“ oder „abstammend von einem aristokratischen Vater“ und wird seit Jahrhunderten gebraucht als Nachname für verschiedene historische Persönlichkeiten, vor allem für Mitridate VI., König von Ponto. Dieses Königreich lag einst an der Südküste des Schwarzen Meeres und existierte nur vom dritten bis ins erste vorchristliche Jahrhundert.
Soweit der historische Hintergrund zu einer der unbestritten interessantesten Opern des italienischen Barock. Das Teatro Massimo entschied sich für diese Neuinszenierung angesichts des 300. Todesjahres des in Palermo geborenen Komponisten. Er starb am 24. Oktober 1725 in Neapel, wo er ganz groß Karriere machte und den Italienreisenden Georg Friedrich Händel mit seiner Musik so sehr faszinierende, dass der Sachse massenweise bei dem Italiener kopierte und zahlreiche der schönsten Melodien des „Mitridate Eupatore“ zu ausgewachsenen Arien und Duetten erweiterte.
Wie in fast allen Opern von Alessandro Scarlatti bietet der Komponist auch in diesem Werk von 1707, uraufgeführt im venezianischen Teatro San Giovanni Grisostomo, deutlich ausgeprägte Gattungsmerkmale. Geboten wird eine Folge von abwechselnden Rezitativen, enorm wichtig für die Entwicklung der Handlung vor allem dieser Oper, und Arien. Auch wenn Scarlatti das Genre der Da-capo-Arien maßgeblich mitentwickelte finden sich in „Mitridate Eupatore“ nur zwei solcher Arien.
Eine opera seria im wahrsten Sinne des Wortes
Im antiken Königreich Pontus tötet Farnace den regierenden König und reisst den Thron an sich. Alles mit dem Einverständnis von Königin Stratonica, die die Geliebte des Farnace ist. Laodice, die Tochter des ermordeten Königs, hat den ruinierten Adligen Nicomede geheiratet, der nun als Viehhirte arbeiten muss, während ihr Bruder Mitridate Eupatore nach Ägypten geflohen ist. Mitridate und seine Frau Issicratea treffen als ägyptische Botschafter verkleidet am Hof von Pontus ein. Sie versprechen dem unrechtmäßigen König und der Königin den Kopf von Mitridate im Austausch für einen Frieden zwischen Ägypten und Pontus. Mitridates Mutter willigt in den Tod ihres Sohnes ein. Mitridate trifft sich mit seiner Schwester Laodice und enthüllt seine wahre Identität. Er und und Issikratea ermorden Farnace und Stratonica und Nicomede verkündet dem Volk die Rückkehr des rechtmäßigen Königs.
Eine wirklich dramatische Handlung, die von der außerhalb Italiens leider viel zu wenig bekannten Regisseurin Cecilia Ligorio inszeniert wird. In einer Ruinenlandschaft, die auf den Palast des ermordeten Königs anspielt. Die Protagonisten tragen moderne Kleidung. Die böse Königin präsentierte sich in einer Szene unübersehbar als Typus Melanie Trump: mit breitkrempigen flachen Hut und Sonnenbrille. Ähnlich dem Dress, den die Präsidentengattin bei der Amtseinführung ihres Mannes Anfang des Jahres trug.
Der Regisseurin gelang es, das ungemein Spannende und Dramatische der Handlung auf ergreifende Weise hervorzukitzeln. Langeweile kommt so während der dreistündigen Aufführung nicht auf.
Doch leider enttäuschte der berühmte britische Countertenor Tim Meads. Seine Stimme ist längst nicht mehr so klar und stabil wie in vergangenen Jahren. Jedenfalls nicht in dieser Inszenierung. Der Sopran Carmela Remigio als böse Königin bot eine sicherlich kraftvolle Stimme, aber den teilweise höchst komplizierten tonalen Variationen Scarlattis ist sie in einigen Arien nicht gewachsen. Die übrigen singenden Protagonisten boten gute Stimmen. Vor allem Issicratea, die Schwester von Mitridate Eupatore. Francesca Ascioti ist ein kraftvoller und gleichzeitig umgemein gefühlvoller Contralto. Mühelos wechselte sie von dramatisch zu feinfühlig und ergreifend. Wie vor allem in der Arie „Cara tomba“, in der Issicratea den Tod ihres Vaters beklagte. Im Teatro Massimo war es während es während dieser Arie muckmäuschenstill – was in Italiens Opernhäusern etwas heißen will. Der Applaus war lang und herzlich.
Wie auch der Applaus für Giulio Prandi. Dem Dirigenten gelang es, das Orchester des Teatro Massimo zu einer barocken Höchstleistung zu bringen.
Eine gelungene Inszenierung und eine wirklich spannende Barockoper. So spannend, das es niemanden, auch nicht die konservativen Freunde der Barockmusik, störte, dass die Handlung ins Heute verlegt wurde. Das funktionierte perfekt und beweist, dass die Geschichte noch heute als aktuell empfunden wird. Bleibt zu hoffen, dass das Massimo eine DVD produzieren wird.



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