Samuel Barbers Oper Vanessa in Spoleto
Erstarrung im Landhaus
Samuel Barbers selten gespielte Oper „Vanessa“ kehrte nach 65 Jahren wieder an den Ort der italienischen Erstaufführung zurück, nach Spoleto in Umbrien, anläßlich des Festivals dei Due Mondi.
Von Thomas Migge
(Spoleto, 28. Juni 2026) Genau 65 Jahre nach der italienischen Erstaufführung kehrt Samuel Barber’s Oper „Vanessa“ ins umarische Spoleto zurück. Im Rahmen der diesjährigen Ausgabe des Festival dei due Mondi. Im Teatro Nuovo und mit einem Libretto von Festivalgründer Gian Carlo Menotti, selbst Komponist und Lebenspartner von Barber. In englischer Originalsprache entfaltete sich ein musikalisches Kammerspiel, das wie eine düstere gothic novel das Publikum in seinen Bann zog.
Die Oper entfaltet das Psychogramm einer unerbittlichen Isolation. Seit 20 Jahren lebt die einst mondäne Vanessa in einem prachtvollen, aber emotional kalten Landhaus in einem namenlosen nordischen Land, wo alle Spiegel verhüllt sind, um das Altern zu leugnen. Sie wartet manisch auf Anatol, ihre große Liebe. Als ein unerwarteter Besucher zum Landhaus kommt, handelt es sich jedoch nicht um den Ersehnten, sondern um dessen gleichnamigen, charmanten, aber innerlich leeren Sohn. Während dieser in der ersten Nacht Vanessas junge, schwermütige Nichte Erika verführt und schwängert, wendet er sich danach kalt kalkulieren dem Vermögen und der Liebesillusion Vanessas zu. Nach einer Fehlgeburt bleibt Erika gebrochen zurück, während das frisch vermählte Paar Anatol und Vanessa nach Paris wegziehen. Am Ende verhüllt Erika die Spiegel und schließt die Fensterläden, und somit beginnt das lange Warten von vorn. Die Handlung der Oper geht auf die „Seven gothic Tales“ der Schriftstellerin Karen Blixen zurück.
Die Regie von Leo Muscat verweigert sich jeglicher plumpen Modernisierung und baut stattdessen ein düsteres visuelles Gefängnis auf. Das Bühnenbild von Andrea Belli gleicht einem verstaubten, unterkühlten Glashaus, in dem die Zeit buchstäblich eingefroren schien. Große spiegelnde Fläche und halbdurchsichtige Schleier trennen die Figuren voneinander wie Ausstellungsstücke. Die Kostüme von Margherita Baldoni zeichnen diese Erstarrung nach. Vanessa wechselt von tiefen, verhüllenden Trauergewändern in ein fast fieberhaft glamouröses Festkleid, während Erika in schlichten, erdigen Farben wie ein Schatten durch die sterile Pracht des Landhauses geistert. Draußen tobt das unbarmherzige nordische Klima, mit stummem, dichtem Schneegestöber, wie um die innere Vereinsamung von Vanessa und Erika zu unterstreichen.
Barber’s Komposition untermalt diese psychologische Tiefe, die romantischen Verwicklungen und die tragischen Missverständliche zwischen den Frauen in dem Landhaus. Seine Musik erinnert an die dramatische Spätromantik eines Giacomo Puccini, kombiniert mit der düsteren, spannungsgeladenen Atmosphäre klassischer Hollywood-Filme der Hitchcock-Ära. Es ist eine faszinierende, ergreifende und angesichts der Handlung überzeugende Musik.
Stimmlich bewegte sich die Inszenierung auf Spitzenniveau. Dank einer internationalen und vor allem englischsprachigen Sängerbesetzung. In der Titelrolle der Vanessa brillierte der stimmlich Kräfte Sopran Lauren Fagan. Sie gibt der zerrissenen, alternden Schönheit Vanessa nicht nur eine enorme darstellerische Intensität, sondern auch ein edel timbriertes, in den dramatischen Ausbrüchen strahlendes Sopranfundament. Ihr ebenbürtig zeigte sich Vanessas junge Nichte Erika, gesungen von Kayleigh Decker, die mit berührender, lyrischer Klarheit und einer intimen Interpretation bereits in der berühmten Einstiegsarie „Must the winter come so soon“ die tragische Kernfigur des Abends bildete.
Der südafrikanische Tenor Lulama Taifasi in der Rolle des verführerischen Anatol, der erst mit Erika anbändelte und dann mit Vanessa nach Paris fortzieht, brachte genau jene Mischung aus Jugendlicher Nonchalance, vokaler Eleganz und unterschwellig toxischer Berechnung mit, die das Beziehungsgeflecht der Oper antreibt. Bemerkenswert homogen agierte das gesamte Ensemble auch in Sachen Diktion, wodurch das englischsprachige Original klar verständlich wurde.
Der eigentliche Motor der Aufführung stand jedoch am Dirigentenpult der Filarmonica del Teatro Comunale di Bologna. Die südkoreanische Dirigentin Sora Elisabeth Lee führte das Orchester mit analytischer Präzision und einem perfekten Gespür für Berbers spätromantische und extrem farbenreiche Partitur.
Eine Inszenierung, die die zweistündige Anfahrt aus Rom lohnte. Diese Aufführung war ein Plädoyer für ein zu Unrecht vernachlässigtes Werk der amerikanischen Moderne. Eine Produktion, die in der jüngeren Festivalgeschichte von Spoleto qualitative Maßstäbe setzt und als ein Höhepunkt des italienischen Opernjahres im Gedächtnis bleiben wird.



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