Klang von Almen und Berghütten
Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige 2026
Von Susanne Lettenbauer
(Bozen, Anfang Juli 2026) 1982 war die Definition von Jazzmusik noch relativ klar. Saxophon, Schlagzeug, Bläser und schon war der Jazzabend organisiert. Heute verschwimmen die Grenzen: zeitgenössischer Jazz, Free Jazz, traditional Jazz, Techno-Jazz – das alles gibt es heute nebeneinander und lässt sich von einem Laienpublikum oftmals nicht mehr unterscheiden.
Das merkt man an Jazzfestivals wie in Frankfurt/Main, Burghausen, Saalfelden, oder auch in Bozen, Südtirol. Dort lädt das Jazzfestival Alto Adige seit 1982 ein. Früher nur nach Bozen, heute an ungewöhnliche Orten in ganz Südtirol. In diesem Jahr zur 44. Ausgabe und das mit einer Überraschung.
Heiße Temperaturen, schnelle Rhythmen – das Jazzfestival Südtirol gehört seit 44 Jahren zum Bozener Sommer wie die vielen Stadtgäste in motivierter Wander- oder legerer Sommerkleidung. Nur zweimal musste das Festival bisher abgesagt werden in all den Jahrzehnten, zuletzt Corona-bedingt. Was der langjährige Leiter Klaus Widmann – im Brotberuf Arzt – da seit 2004 entwickelt hat ist beeindruckend: seit seiner Kuratierung wurden die Konzerte auf die gesamte Region ausgeweitet. Nach Brixen und Meran, auf die Franzensfeste und bis nach Gröden oder hinauf zum Vigiljoch. Teils über eine Stunde Autofahrt entfernt, bis auf die Dolomitenalmen und entfernte Berghütten. Mitten im Wald oder auf einer Pferderennbahn. Teils unterstützt durch kostenlose Festivalshuttle.
Daran änderte auch der jüngste Stabwechsel 2022 wenig. Das neue Dreier-Team um Jung-Präsident Stefan Festini Cucco führt das Konzept nahezu unverändert fort. Die Mittdreißiger gehörten bereits zuvor zum festen Mitarbeiterstamm von Widmann. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Unerwarteten, Improvisationen, die sie auch kurzfristig bei den Künstlerinnen und Künstlern anfragen. Einfach losjammen. Spass am Zusammenspiel, was nicht immer funktionieren muss, aber doch sehr häufig.
Dieses Konzept sorgt auch bei den Kolleginnen europaweit für Aufmerksamkeit. So sehr, dass die Jury des European Jazz Network EJN in diesem Jahr die wichtigste Auszeichnung des Verbandes, den EJN Award for Adventurous Programming 2026 an das Jazzfestival Südtirol verlieh.
So war die finnische EJN-Vertreterin Annamaija Saarela, lange beim Tampere Music Festival, ganz beeindruckt vom Eröffnungskonzert des Schlagzeugtrios Supersonic Drummers mit den Norwegern Håkon Mjåset Johansen, Hans Hulbækmo und Gard Nilssen. Im industrielle Charme des historischen Brunnenbeckens im NOI Techpark Bozen präsentierten sie mikroskopisches Timing und eruptive Ausbrüche – ein Brunnenbecken als Resonanzfläche für skandinavische improvisatorische Freiheit. Die Verleihung des EJN Award for Adventurous Programming 2026 a
umrahmte in sommerwarmen Temperaturen das Gard Nilssen’s Supersonic Orchestra – klassischer, feiner Jazz, Bigband-Sound unter Sternenhimmel, was EJN-Jurymitglied Frank van Berkel, Programmleiter vom Amsterdamer Bimhuis überzeugte.
„Wenn Sie sich das Festivalprogramm anschauen, klingt das alles sehr interessant“, begründet EJN-Vertreterin Annamaija Saarela diese hohe Auszeichnung. „Man wählt hier sehr unterschiedliche Locations als Konzertorte aus – in Parks, mitten in den Bergen, zudem sind die Konzerte größtenteils kostenlos für das Publikum, also ein sehr niedrigschwelliges Angebot. Und trotzdem geht es nicht um easy listening Fahrstuhl Jazzmusik, der Anspruch an die Künstlerinnen und Künstler ist hoch. Einige treffen sich hier das erste Mal und improvisieren gleich miteinander.“
Festivalpräsident Stefan Festini Cucco zeigt sich erfreut und überrascht über den Preis. Das sei eine Bestätigung des Konzepts, sich doch mal von den etablierten Jazz-Konzerten zu verabschieden und neue Wege zu wagen.
So gibt es ungewohnte Klänge im Dolomiten-Wandergebiet Langenthal bei Gröden. Auf einer Lichtung das frisch zusammengewürfelte Trio Supersonic Horns mit Musikern aus Schweden und Norwegen. Wanderer schauen verdutzt, setzen sich dazu. Saxophon, Trompete und Gesang zwischen Tannen und Zirben.
Er sei häufig in den deutschsprachigen Länder unterwegs, sagt der norwegische Musiker Gard Nilssens. Dessen Künstlerinnen und Künstler tauchen interessanterweise mehrmals im Programm in unterschiedlichen Formationen auf.
Es sei kein Skandinavien-Schwerpunkt, sagt Festivalleiter Cucco. Von den früheren Länderschwerpunkten habe sich das neue Dreier-Team verabschiedet. Skandinavien gehöre zu den spannendsten Jazz-Regionen weltweit. Vor allem weil US-amerikanische Künstlerinnen und Künstler derzeit seltener in Europa auftreten. Durch das norwegische Havard Wiik Trio kam heuer brillianter Jazz alter Schule auch ins Sarntal, Gelegenheit um ganz nebenbei eines der ältesten Gasthäuser Südtirols, Zum goldenen Hirschen in Sarnthein, kennenzulernen.
Mittlerweile werde sein Team von Südtrioler Gastwirten oder Locations angefragt, ob sie nicht berücksicht werden könnten von der Planung, freut sich der Festivalleiter.
Eine Chance für junge Bands wie die Beatdenker aus Berlin: Die klassisch an der Münchner Musikhochschule ausgebildete russische Pianistin Svetlana Marinchenko präsentierte am Pferderennplatz von Meran erstaunlich innovativen Jazz im Grenzgebiet zu zeitgenössischer klassischer Komposition. Da Meran nicht an den Festivalshuttle angeschlossen ist war es gut, dass dieses fulminante Konzert nochmal in Bozen wiederholt wurde, wie man einige Musikerinnen und Musiker gleich mehrfach erleben kann.
Besondere Herausforderung und zentraler Programmpunkt: Ein fünf Stunden dauernder Impro-Abend, Kabarila genannt. Ein transzendentales Ritual, ein Quartett um den Bassisten Lukas Kranzlbinder und drei Tänzerinnen. Spannend auch der Auftritt der iranischen Musikerin Shabnam Parvaresh, oberhalb von Bozen auf der Seebühne von Klobenstein. Und das Wiener Ensemble Schmack mit seiner wilden Mischung aus Jazz und Pop.
Zum Abschluss am Sonntag 5. Juli verspricht Festivalchef Stefan Festini Cucco noch eine ungewöhnliche Jazzwanderung, auch die bei freiem Eintritt:
„Also wir sind immer wieder auf Almen, auch auf Schutzhütten dieses Jahr, so Cucco.
„Am letzten Festivaltag sind wir in einem ehemaligen Knappendorf in St. Martin am Schneeberg auf 2350 Metern. Das ist dann eine Jazzwanderung. Man wandert mit den Musikern gemeinsam hoch nach St. Martin von zwei verschiedenen Seiten, also vom Rittnauntal und vom Passajertal. Das sind immer geführte Wanderungen. Und oben gibt es dann ein Abschlusskonzert mit allen Musikern und dem gesamten Publikum.“
Südtirol im – jetzt auch preisgekrönten – Jazzrausch.



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