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    Sie sind hier: KLASSIKINFO1 / Opern- und Konzertkritiken2 / Das Oxford International Song Festival

    Das Oxford International Song Festival

    Opern- und Konzertkritiken, Reportagen - Berichte

    Vielfalt und Offenheit

    Eindrücke vom Oxford International Song Festival beim Schubert Weekend

    Von Bernhard Malkmus

    (Oxford, 20. Oktober 2025) 2002 wurde das Oxford Lieder Festival von dem Pianisten Sholto Kynoch in der traditionsreichen Universitätsstadt gegründet. In kürzester Zeit avancierte es zum größten Festival seiner Art in Großbritannien und hat internationale Strahlkraft entfaltet. 2023 wurde es in Oxford International Song Festival umgetauft. Das musikalische Zentrum bildet das deutsche Kunstlied, und so war denn auch dieses Jahr das Schubert Weekend der Höhepunkt der zweiwöchigen Festspiele.

    Um einen guten Sitz im Holywell Music Room zu ergattern, muss man früh da sein. Die Sitze in diesem 1748 errichteten Gebäude mit seiner legendären Kammermusik-Akustik sind nicht nummeriert. (Es ist übrigens das älteste ausschließlich der Musikaufführung gewidmete Gebäude in Europa) Daher bleibt viel Zeit, mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Links neben mir eine pensionierte Geigerin des Concertgebouw-Orchesters aus Amsterdam, die eine Woche lang jedes Konzert besucht, das sind gut und gerne 25 Veranstaltungen. Rechts neben mir eine Amerikanerin, die sich gleich für die ganzen zwei Wochen in Oxford einquartiert hat.

    Wir warten auf einen der heißersehnten Höhepunkte des gesamten Festival-Kalenders: Graham Johnsons performance-lecture ‚Schubert in 1825‘. Seit 2022 und bis ins zweihundertste Todesjahr von Franz Schubert 2028 gibt es diese Veranstaltung, in der der nunmehr 75-jährige britische Doyen der Liedbegleitung seine Einsichten zu Schubert teilt: hochgelehrt, doch erzählerisch leichtfüßig und mit empathischem Humor durchwirkt. Über drei Stunden hinweg versteht er, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Hier verkörpert jemand mit jeder Faser seines Wesens die Verbindung von musikalischer Praxis und intellektueller Durchdringung. Eine Begegnung, die in Zeiten der „Entkörperlichung“ von Wissen durch KI, umso mehr beeindruckt. Er lässt es sich nicht nehmen, alle Musikbeispiele selbst zu begleiten, auch wenn sein Klavierspiel nicht mehr immer die feingliedrige rhythmische Präzision besitzt wie noch vor wenigen Jahren.

    Unterstützt wird er dabei von Martha Guths geschmeidigem Sopran und von Nachwuchssängerinnen und -sängern aus den Meisterkursen des Festivals, bei denen vor allem der lyrische Tenor Magnus Walker hervorsticht. Wie Johnson und sein Team durch dieses Wendejahr in Schuberts Leben führte, in dem dieser sich durch die Akzeptanz seiner Krankheit und seine Schaffensexplosion auf der Reise ins Salzkammergut aus der Umklammerung der Depression befreite, berührte das Publikum tief. Die Ekstase des Spätwerks bis zu seinem Tod 1828 lässt sich nur von hier aus begreifen.

    Artists in residence für dieses Wochenende ist die Wiener Folkrock-Band Erlkings, ein Ensemble aus dem US-amerikanisches Lead/Lied-Sänger Bryan Benner, dem kroatischen Cellisten Ivan Turkalj und den Österreichern Simon Teurezbacher (Tuba) und Thomas Toppler (Schlagzeug). Sie spielen keine auskomponierten neuen Arrangements von Schubertliedern, sondern legen dem Original in der Probenphase langsam ein neues Klangfarbengewand an. Die halböffentliche Intimität der Schubertiade wird belebt durch die einladende Urbanität eines amerikanischen Wandersängers, der seine Tradition erfolgreich der Kulturindustrie entrissen und damit wieder mit ihren musikantischen Ursprüngen in Verbindung gebracht hat. Benner schreibt seine eigenwilligen rhapsodischen Übersetzungen ins Englische selbst; sie hätten Schubert gefallen und Müller geärgert. Die Überzeugungskraft der Erlkings liegt vor allem darin, dass sie Schubert-Lieder aus dem Konzertsaal zurück in die Atmosphäre bringen, für die sie geschrieben wurden: für eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die durch gemeinsame ästhetische Interessen (und den Druck der Zensur) zusammengeschweißt wurden und sich dessen durch das Teilen von Geschichten versicherten. (Und so ist denn auch „Stories in Song“ das Motto des diesjährigen Festivals.)

    Bryan Benner tritt als raconteur auf und verwickelt das Publikum mit seinem warmen Timbre in Geschichten, die er auf seinen Wanderungen zusammengesammelt hat. Das hat vor zwei Jahren in Oxford besonders gut geklappt bei der Schönen Müllerin, durch die Benner auch tatsächlich als improvisierender Erzähler geführt hat, der die Zuhörer mit feinsinnigem Humor an die psychologischen Abgründe der Geschichte heranführte. Bei der Winterreise, an die sich die Erlkings nun im zehnten Jahre ihres Bestehens gewagt haben, gelingt das nicht ganz so trittsicher. Zwar reizen sie die klanglichen Möglichkeiten der unkonventionellen Zusammensetzung für die Ergründung der melancholischen Grundstimmung reizvoll aus, besonders eindrucksvoll in „Erstarrung“, „Irrlicht“ und „Nebensonnen“.

    Zwar schwingt sich Benner zu gesanglichen Hochleistungen auf, so etwa in „Die Krähe“ und „Der Leiermann“. Doch insgesamt können die Erlkings diesmal nicht den Sog entfalten wie noch vor zwei Jahren. Benners warmer Tenor bleibt dann doch zu freundlich, harmlos und homogen für die schneidende existenzielle Tiefe der Partitur. Ein Abend voller interessanter Klangexperimente, aber ohne neue Einsichten in die Winterreise. Dennoch eine Bereicherung für die Ausdrucksvielfalt des Festivals, in dessen Rahmen die Erlkings auch eine Schubertiade für U35 und eine Familien-Matinee gaben. Nichts für Puristen, aber wertvolle Übersetzungsleistungen für all jene, die die Liedtradition in heutigen Öffentlichkeiten wachhalten möchten.

    Am Samstagabend wurde vom Oxforder Ensemble Schubert & Co. zur Schubertiade geladen, in dem Lieder der Dämmerung und des Übergangs zum Besten gegeben werden. Im Programm alternieren Sololieder mit selten gespielten Stücken für Gesangsensemble (der- bis achtstimmig). Beim einstimmenden „Trinklied“ und beim „Punschlied ‚Vier Elemente‘“ singt auch das Publikum den Refrain mit. Das Ganze eine Feier der Freundschaft, denn der hereinbrechende Abend ist auch die Zeit, sich seiner Geborgenheit in der Gemeinschaft mit anderen zu versichern und gegen die überall lauernden Zensurbehörden der Metternich‘schen Restauration zu wappnen. Die solistischen Leistungen der Ensemblemitglieder sind herausragend, die chorischen Nummern sind etwas heterogen: teilweise hymnisch geeint, teilweise aber auch etwas übersteuert. Am Klavier mit gewohnter Gelassenheit der Festivalleiter Sholto Kynoch. Die Freude aller ist ansteckend und überträgt sich aufs Publikum. Wir dürfen davon ausgehen, dass eine solche Freude oft auch an vielen Abenden bei Mayrhofer, Schober und anderen herrschte.

    Ein vielerwarteter Höhepunkt des Festivals war das Programm der jungen deutschen Sängerin Nikola Hillebrand mit Julius Drake – wie Graham Johnson ein englischer Liedbegleiter, der unter dem Einfluss Gerald Moores die Kunst der „Einswerdung“ von Sänger und Klavierspieler im Lied perfektionierte, von der Schubert 1825 aus Badgastein über sein Spiel mit dem Bariton Johann Michael Vogl schrieb. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht und am Ende einer ergreifenden Aufführung lag das Publikum Hillebrand buchstäblich zu Füßen. Ihr natürliches, unprätentiöses Auftreten brachte die stupende Souveränität umso stärker zur Geltung, mit der sie das Publikum durch ein Programm aus Geschichten des Abschieds und des Verlustes führte. Die athletische Biegsamkeit und schlafwandlerisch sichere Modulationsfähigkeit ihrer Stimme erlaubten es ihr, Schuberts Miniaturdramen in ihrer ganzen emotionalen Tiefe und Ambivalenz auszuschreiten.

    Mit „Im Abendrot“ und „Wehmut“ öffneten Hillebrand und Drake eine psychologische Innenarchitektur, deren Erkundung das Publikum zunehmend hingerissen lauschte. Mühelos wechselten sie von extravertierten Kammeropern zu intimen Selbstreflexionen. Wie Hillebrands Stimme in „Nachtstück“ zwischen Glut und Asche changierte und wie sie ihre Zuhörer in „Nähe des Geliebten“ und in „Du bist die Ruh“ mitnahm auf eine Reise an die Grenze des Sagbaren, war berückend. Noch gibt es Momente, in denen die Opernsängerin etwas zu dominant und die Liedsängerin noch nicht ganz bei sich ist. Aber es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass hier ein Doppeltalent nach den Sternen greift, das bereits jetzt an Gundula Janowitz erinnert.

    Unter den Erwartungen blieb dagegen der niederländische Bariton Thomas Oliemans, dessen Schwanengesang zwar einmal mehr die Schönheit seiner Stimme unter Beweis stellte, aber diesmal nicht die Abgründe der Partitur auszuleuchten verstand. Seinen Abschluss fand das lange Schubert-Wochenende dann mit Roderick Williams‘ Arrangement der Schönen Müllerin für Bariton und Streichquartett. Die Übertragung ist versiert und sensibel, die Texturschichtung ist spürbar an der Kammermusik Schuberts orientiert. Williams gelingt es durchaus, bestimmte Aspekte der Müllerin zu vertiefen: gezielt variiert er den Satz in bestimmten Strophen und unterstreicht dadurch die psychologischen Veränderungen; die erste Geige fügt sparsam aber prägnant Lautmalereien ein, etwa im „Morgengruß“, oder erzeugt durch ihr Verstummen eine tiefere Grundierung, etwa zu Beginn von „Danksagung an den Bach“.

    Besonders für die mäßigen Tempi und für die erschütternden letzten drei Lieder funktioniert das sehr gut, aber insgesamt führt das Arrangement zu einer seltsamen Blutleere, der eigentlich sehr histrionische Bariton Williams nahm sich ganz zurück. Die dramatischen Bögen ersetzte er durch deklamatorische Skansion und rhetorische Phrasierung. Das entlockte einem Lied wie „Ungeduld“ durchaus neue Facetten, wirkte aber an emotionalen Höhepunkten wie „Eifersucht und Stolz“ fast unfreiwillig komisch. Insgesamt ging das perkussive Element, das Julian Prégardien und Kristian Bezuidenhout jüngst so überzeugend herausgearbeitet haben, hier weitgehend verloren – und damit fehlte auch die existenzielle Schärfe, die die Müllerin heute so spannend macht. Bei den letzten drei Liedern jedoch, bei dem das Carducci Quartet das Tempo noch einmal herausnahm, blieb einem der Atem weg. Das Wiegenlied des Baches schwang aus in die Zeitlosigkeit.

    Die Vitalität des Oxforder Lieder-Festivals liegt in dieser Vielfalt und Offenheit für Experimente – und darin, Nachwuchsförderung mit der Erschließung neuer Zuhörerschaften zu verbinden. Nächstes Jahr feiert es sein 25-jähriges Bestehen.

    22. Oktober 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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