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Die Deutsche Oper zeigt zu Beginn der Intendanz von Aviel Cahn Karlheinz Stockhauses Oper „Mittwoch aus Licht“
Von Robert Jungwirth
(Berlin, 19. September 2026) Es gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, eine Opernintendanz mit einer von Karlheinz Stockhausens ominösen Licht-Opern aus dessen siebenteiligem Opern-Zyklus zu beginnen. Die kosmisch-spirituelle Hepatologie stellt ja bekanntlich mit ihren etwa insgesamt 29 Stunden Spieldauer Wagners „Ring“ spielend in den Schatten. Dabei kommen die Opern Stockhausens im Vergleich zu Wagner mit verschwindend wenig Text aus, und auch die Handlung ist überschaubar. Es geht um kosmologisch-religiöse Konstellationen und Themen, sowohl auf der menschlichen als auch auf der göttlichen Ebene, es geht um Galaxien, Erzengel und vieles mehr.
Auch geht es um die Allmacht der Liebe, um Versöhnung, Mitmenschlichkeit und Solidarität, um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, hier personifiziert durch die Engel Michael und Lucifer.
Auch wenn es seit Entstehung des Zyklus (von 1977-2004) etliche Aufführungen von Opern daraus gab, „Mittwoch aus Licht“ wurde in Deutschland bislang noch nicht szenisch präsentiert. Ins Zusammenarbeit mit dem Musikfest Berlin und dessen Leiter Winrich Hopp, der sich seit vielen Jahren für das Werk Stockhausen einsetzt (auch in München als Leiter der Musica-Viva-Reihe des BR), kann die Deutsche Oper Berlin diesen Punkt nun für sich reklamieren.
Das Interesse beim Publikum war größer als man vielleicht denken würde bei einem Werk, das so gar nicht die gewöhnlichen Erwartungen an eine Oper erfüllt. Vielleicht passt das rätselhaft-kosmologische Klang-Spektakel aber auch gerade sehr gut in unsere aus den Fugen geratende Zeit. Wir suchen Orientierung und finden Sie nirgends, am wenigsten bei der Politik und den Politikern. Also schauen wir doch mal ins Universum.
Den ersten Teil von Stockhausen Oper bestreitet fast ausschließlich ein vielstimmiger Chor, der das Welt-Parlament darstellt. Hier wird über die Welt verhandelt, aber nicht aus dem Kleingeist des Politischen heraus. Hier wird nicht über Waffen verhandelt, produzieren sich keine Politiker-Egos mit den bekannten verheerenden Ideen und Zielen. Hier soll es um die kosmologische Einheit, um der Verbindung eines jeden mit jedem gehen (man sollte Trump und Putin vielleicht einfach mal in diese Oper setzen und festschnallen – vielleicht hilft es ja).
Regisseurin Susanne Kennedy und Bühnenbildner Markus Selg, die zusammen die Inszenierung konzipiert haben, haben mit einem ganzen Team aus Videogestaltern und Computer-Designern mit enormem Aufwand ein optisch überbordenden Pendant zu Stockhausens kunstreligiösem Klang-Happening geschaffen, indem sie auf die Rückwand der Bühne ein faszinierend vielschichtiges pausenloses K. I.-Bilder-Feuerwerk projizieren, dass einem manchmal schier die Sinne schwinden. Die Themen sind Zerstörung von Natur und Krieg, dann aber auch wieder die Vielfalt und die Schönheit von Naturerscheinungen wie Vögel, Wüstensand oder Meere. Vor der Rückwand steht ein riesiges Steingebilde, das altargleich ein Sinnbild für ein religiöses Mysterium darstellt. Ein wenig fühlt man sich an Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“ erinnert, auf manchen Videos-Sequenzen meint man auch ein Raumschiff zu erkennen.
Die fortwährenden Projektionen sind unglaublich virtuos und faszinierend gemacht. Manchmal kann es einem dennoch zu viel werden, dann kann man für ein paar Minuten die Augen schließen und sich auf Hörtheater konzentrieren. Vor allem, wenn im zweiten Teil beim berühmten Hubschrauberquartett auch noch ein Stroposkop Lichtblitze durch den Zuschauerraum jagt, ist es doch ein bisschen ein Overkill.
Doch zurück zu den Welt-Parlaments-Choristen des Beginns. Sie stecken in kuttenhaften Ganzkörperkostümen, die – beabsichtigt oder nicht – an die Spermien aus Woody Allens legendären „Sexfilm“ erinnern (Kostüme: Andra Dumitrascu).
Das Helikopter-Quartett wurde eigens für diese Produktion mit vier Hubschraubern und den darin befindlichen Quartett-Musikern aufgeführt und mit vier Kameras abgefilmt. Die vier synchronen Filme werden bei jeder Aufführung per Video und phänomenalem Sound-Design in den Zuschauerraum projiziert.
Die Saalwärter verteilen Ohrenstöpsel an die Besucher, damit einem bei dem Hubschrauber-Krach nicht die Ohren wegfliegen. Man kann sie sich aber auch einfach zu halten, wenn es zu laut wird. Faszinierend ist die Idee allemal, das Staccato von Rotorblättern mit dem Staccato von vier Streichern zu kombinieren – was für eine abgedrehte Idee. Die Steigerung wären vier Presslufthämmer. Das könnte auch noch mal jemand ausprobieren.
Dass alles wird akustisch und szenisch von einem hochmotivierten Sänger- und Musiker-Ensemble der Deutschen Oper unter der sehr kundigen Leitung von Maxim Pascal umgesetzt. Er hat bereits mehrere der Stockhausen-Opern aufgeführt.
Musikalisch ist vor allem der dritte Teil interessant mit seinen ausgefeilten elektronischen Zuspielungen und weitausschwingenden Instrumentalsoli von Oboe, Flöte, Cello, Tuba, Posaune oder Fagott. Daraus entsteht im Zusammenpiel mit den Projektionen und Prozessionen ein kosmisches Klangtheater von rätselhafter Faszinationskraft. Ein kosmologisches Mysterientheater von explosionsartiger Vielstimmigkeit. Sicher kein Stück für den traditionellen Opernbesucher, aber ein Horizonte erweiterndes Spektakel von abenteuerlicher Experimentier- und fabuliert Lust.
Wenn das Weltalltheater Stockhausens im dritten Teil dann Richtung Dadaismus tendiert, wenn „Luzikamel“ Präsident des Welt-Parlaments werden möchte, findet Susanne Kennedy auch dafür absurd-witzige szenische Entsprechungen. Das macht Spaß und setzt dem kosmologischen Spiel auch ein paar humoristische Glanzlichter auf – absolut im Einklang mit Stockhausen. Am Ende gab es großen Jubel für das riesige Ensemble und das gesamte Produktionsteam, das sich in bewundernswerter Weise für dieses Hyper-Theater Stockhausens einsetzt. Großes Kompliment an alle Beteiligten! Oder wie es Stockhausen ausdrückt:
„Lob, Dankbarkeit für die Wunder der Sterne, Planeten. Alle Geister drehen in Spiralen sich zum Licht der Welt, ewig steigend zu Gott, schöpfend im All. Lauscht dem Klang der Galaxien, Zaubermusik, Musik rotierender Töne, Rauschen, Spektren.“






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