Händels Deidamia bei den Händelfestspielen in Göttingen
Der Mythos lebt
George Petrou inszeniert Händels letzte Oper „Deidamia“ bei den Händelfestspielen Göttingen.
Von Elisabeth Richter
(Göttingen, im Mai 2026) Seit 2006 haben die Händelfestspiele Göttingen ihr eigenes Orchester: das FestspielOrchester Göttingen, das nicht nur intern, sondern auch überregional kurz „FOG“ genannt. Die Mitglieder: Spitzenmusiker des historisch informierten Spiels aus allen Kontinenten. So gehörte der Eröffnungsabend des diesjährigen Festivals zum 20-jährigen Jubiläum in der Stadthallte Göttingen natürlich dem hauseigenen Ensemble. Eine Formation, die ihre Qualitäten durch Einladungen zu Gastspielen – u. a. bei den Händelfestspielen Halle – und auch auf vielen CDs unter Beweis gestellt hat. Bei dem vom derzeitigen künstlerischen Leiter George Petrou geleiteten Jubliläumskonzert standen Suiten von Rameau, Bach und Händel auf dem Programm sowie ein Auftragswerk, „Parea“, vielfarbig, pfiffig, in einem tonal-atonalen Mix komponiert von der langjährigen Cembalistin und Blockflötistin des Ensembles Hanneke von Proosdij.
Dass Händels „Feuerwerksmusik“ für das festliche Jubiläum gewählt wurde, ist gut nachvollziehbar. Aber warum mussten gleich zwei häufig gespielte Bach-Klassiker wie die 3. und 4. Orchestersuite auf dem Programm stehen? Es gibt so viel exzellente, wenig bekannte Barock-Suiten, die es lohnen würde zu entdecken. Ein bisschen vermisste man bei Händel und Bach in diesem Konzert eine vertiefte, akribische Auseinandersetzung, die Suche nach neuen Facetten bei diesen so bekannten Klassikern. George Petrou dirigierte vor allem die schnellen Sätze oft mit viel Kraft, in gehetztem Tempo, das viele Details nicht hörbar werden ließ. Dennoch: Kompliment an die Musiker des Ensembles für eine präzise Virtuosität. Mehr Atmosphäre hatten die langsamen Sätze. Hier stellte sich passagenweise ein ruhiger Puls ein, der der Musik Möglichkeit zu Entfaltung gab. Besonders lebten davon die zarten Sätze in Jean-Philippe Rameaus Suite zu seiner Oper „Les Indes galantes“.
Bewusst oder unbewusst schlug Rameaus Suite auch eine Brücke zur Thematik der diesjährigen Festspiel-Oper „Deidamia“, Händels letzte Oper von 1741. Im Prolog zu Rameaus „Les Indes galantes“ liegen die Liebesgöttin Hebe und die Kriegsgöttin Bellona im Streit. Hebe soll der Liebe entsagen, um in den Krieg zu ziehen. In Händels „Deidamia“ liebt die Titelheldin, Tochter des Königs Lykomedes auf der Insel Skyros, den jungen Griechen Achill. Der wurde in Kindertagen von seinen Eltern auf die Insel gebracht und als Mädchen verkleidet, weil das Orakel seinen Eltern prophezeite, Achill werde im trojanischen Krieg sterben. Das geht lange Jahre gut, bis der Seher Kalchas verkündet, dass Troja nicht ohne Achill eingenommen werden könne. Drei Männer, darunter der listige Odysseus, spüren Achill in Skyros auf. Und der wird sich am Ende für den Krieg in Troja entscheiden und seiner Liebe zu Deidamia entsagen.
Doch es dauert eine Weile, bis das Mädchen Pyrrha als Achill enttarnt wird. König Lykomedes verrät Achill den inkognito ankommenden Odysseus, Phönix und Nestor nicht, erlaubt ihnen aber die Suche nach ihm. Zwischendrin macht Odysseus Deidamia Avancen, sie weist ihn zurück, ein anderes Mal findet Odysseus Gefallen an Pyrrha alias Achill. Phönix interessiert sich für Deidamias Vertraute Nerea. Und diese wiederum hat ein inniges Verhältnis zu Deidamia. Ein herrlich schwebend-schillerndes Gefühlswirrwarr aus Liebe, Wut, Eifersucht, Trauer, tiefster Verzweiflung und mehr. Händels Musik bildet es anrührend, in verborgenste Seelenschichten gehend ab. George Petrou legte hier besonders in die Wut-Arien viel Energie, ging wieder in extrem flotte Tempi, vermittelte aber im Kontrast die Trauer-Arien mit wunderbarer Intensität. Besonders Sophie Junker als Deidamia hatte mit ihrem so warmen, runden, dunkel, kraftvollen, aber nicht überzogenen Sopran die berührendsten und ausdrucksstärksten Szenen.
Ihren Geliebter Achill sang der Sopranist Bruno de Sa beeindruckend virtuos. Faszinierend wie mühelos er sich in die höchsten Sopran-Regionen schwang. Klang Bruno de Sas Sopran in vergangenen Jahren – er ist nicht nur in Göttingen ein vielfach eingeladener Künstler – gelegentlich ein wenig dünn, mit wenig Körper, so scheint seine Stimme gereift und voluminöser geworden. Staunenswert waren seine Koloraturen in den höchsten Lagen, während die unteren Register sicher noch Entwicklungspotenzial haben. Schauspielerisch wirkte der sehr feminin agierende Bruno de Sa in der geschlechtsambivalenten Rolle Achill-Pyrrha sehr überzeugend.
Ein wenig dunkler und auch sinnlicher, ebenso sehr virtuos und technisch brillant war der Sopran des Countertenors Nicolò Balducci. Den findigen Odysseus, der Pyrrha-Achill am Ende mit einer List als Mann entlarvt, spielte er sehr authentisch. Sarah Gilford kreierte als Deidamia-Vertraute Nerea mit ihrem facettenreich-sinnlichen Sopran berührende Momente, ebenso Petros Magoulas als König Lykomedes mit seinem warm-profunden Bass.
Dirigent George Petrou führte in dieser Produktion auch Regie. Mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Giorgina Germanou erzählte er die Handlung auf zwei Zeitebenen: In der Antike agieren die Helden der Geschichte in antiken Kostümen. Gleichzeitig bevölkern im Hier und Heute Touristen die Insel Skyros, sie belagern den Strand, posieren vor den Resten antiker Säulen, malen an Staffeleien, veranstalten in einer Taverne antike Spiele. Meist sind sie nur stumme Statisten, gelegentlich werden sie zu Chorsängern. Eine Szene spielt unter Wasser. König Lykomedes besingt – „ruhig und zufrieden“ – die „leichte Last“ des Alters. Man sieht ein versunkenes antikes Schiff. Lykomedes legt Schmuck in einen Kasten. Während er singt, kommen heutige Touristen-Taucher und entdecken den Schatz. Oder, eine andere Szene, die schmunzeln lässt: Nerea entdeckt während einer Arie einen Koffer der Touristen, sie findt unter anderem Utensilien, die es in der Antike nicht gab, einen BH oder Tampons.
Der Schluss stimmt nachdenklich. Achill-Pyrrha ist als Mann entlarvt, als er in einer Geschenke-Kiste instinktiv zu Helm und Schwert greift, er will für Griechenland und die Ehre in den Krieg ziehen, wider besseres Wissen, dass er sterben wird. Die verzweifelte Deidamia kann kaum getröstet werden, auch als Odysseus davon erzählt, dass er vor langen Jahren seine Frau Penelope für die Ehre Griechenland verlassen habe. Odysseus‘ Rat, dass das Paar Deidamia-Achill die wenigen verbleibenden Momente des Glücks bis zu Achills Abreise genießen solle, hinterlässt Trauer. Zu den Klängen des Schlusschors werden Bilder heutiger Kriege eingeblendet, Bombenhagel und zerstörte Häuser. Achill bleibt allein zurück und zerbricht daran, schon bevor er in den Krieg zieht.
Immer wieder hat George Petrou auf Gazevorhängen auch Postkarten-Texte – etwa: „Aus Skyros in Liebe“ – gezeigt oder Werbeslogans griechischer Tourismus-Veranstalter eingeblendet: „Erlebe deinen Mythos in Griechenland“, oder: „Plane deine perfekte Hochzeit in Griechenland“. George Petrous dritte Regie-Arbeit für die Händelfestspiele Göttingen ist mit ihren wunderbar poetischen Bildern die bislang überzeugendste, und: Ein anregendes Spiel mit Vergangenheit und Gegenwart, humorvoll, intelligent, berührend.






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