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    Händel-Festspiele Halle beginnen mit der Oper Agrippina

    Opern- und Konzertkritiken

    Intrigantenstadl im Cesar’s Palace

    Die Händelfestspiele in Halle haben mit einer Neuinszenierung der „Agrippina“ begonnen

    Von Robert Jungwirth

    (Halle, 6.-7. Juni 2025) Es gibt einen Moment in Händels Oper „Agrippina“, da erinnert Kaiser Claudius an Wagners Wotan, wenn der, gefrustet von den Schwierigkeiten des Mächtigen, einfach nur noch sein Ende herbeisehnt. Auch Claudius will schließlich einfach nur noch seine Ruhe in dem Intrigantenstadl, den seine Frau Agrippina und seine Geliebte Poppea angezettelt haben und in dem sich alle so sehr verstrickt haben, dass eigentlich keiner mehr so recht weiß, wer gegen wen intrigiert. Agrippina sieht nur mehr einen Ausweg: Alle Feinde umbringen. Was sie dann aber glücklicherweise doch nicht umsetzen kann. Letztlich reichen flehentliche Bitten aus, damit Claudius den Thron für ihren Sohn Nero frei macht. Während Ottone und Poppea sich miteinander be- und vergnügen – auch ohne Kaiserthron zufrieden sind – Happy End. Eigentlich ist doch alles ganz easy.

    Ein furioses Intrigenstück hat der Diplomat, Kardinal und Opernhausbesitzer Vincenzo Grimaldi da für Händels erste Oper für Venedig geschrieben. Mit viel eigenen Erfahrungen aus der internationalen Kuriendiplomatie. Ja, man geht sogar davon aus, dass es für die Figuren der Oper ein paar reale Vorbilder gegeben haben könnte.

    Am Anfang dauert es zwar ein wenig bis das Intrigenräderwerk in Schwung gerät, doch dann läuft es wie geschmiert. Und Händel liefert dafür wirkungsvolle Arienglanzlichter am laufenden Meter mit einer stilistischen Sicherheit und dramatischen Versiertheit, die die Venezianer damals auf Anhieb begeisterte. Il sassone war eben ein überragendes musikdramatisches Talent. Das zeigte sich schon in dieser frühen Phase seines Schaffens, in der er – noch keine 25 –  eigentlich noch Studien betrieb, um sich zu als Opernkomponist zu vervollkommnen.

    Für die Händel-Festspiele hat der Intendant der Oper Halle Walter Sutcliffe die Oper in die 80er Jahre nach Las Vegas versetzt. Das legendäre Casino Cesar’s Palace dient in einem spektakulären, an Oscar Niemeyer erinnernden Entwurf von Aleksandar Denic, als Einheitsbühnenbild, das auf der Rundbühne von allen Seiten wirkungsvoll in Szene gesetzt wird. Kaiser Claudius also als Spielhöllenbesitzer, belagert von einer gierigen und verlogenen Entourage.

    Die Idee ist hübsch, wird aber von der Regie zu wenig mit Ideen und Leben gefüllt. Da wirken die Figuren oft nur als Statisten in einem hübschen Setting. Immerhin ist Romelia Lichtenstein als Agrippina eine stimmlich und szenisch wirkungsvolle Bühnenerscheinung, die wahlweise Zornesblitze durch den Raum schießen lassen oder aber anschmiegsam gurren kann. Stimmlich ist Leandro Marziotte als Nero der Star des Abends. Mit seinem virtuosen, klanglich phantastischen Counter bringt er einen zwischen Lächerlichkeit und Karrieregeilheit changierenden Charakter auf die Bühne – und führt, wenn es dem Lustgewinn dient, auch einen Striptease auf.

    Vor allem diese beiden Sänger helfen der sonst einfallslosen Regie über etliche Durststrecken hinweg. Auch die stilechten, schrill-schönen 80er-Jahre-Kostüme von Frank Schönwald sind ein echter Gewinn dieser Produktion. Gesungen wird durchweg auf hohem, festspielwürdigem Niveau, wenngleich Ki-Hyun Park als Claudius ein wenig gaumig klingt. Punkten können zudem vor allem Vanessa Waldhart als stimmlich und darstellerisch verführerische Haus- und Hofkonkubine Poppea und Christopher Ainslie als ehrliche Haut (ungefähr die einzige) Ottone. Dazu begleitet sie das ebenso leichtfüßige wie klangschön spielende Festspielorchester unter Laurence Cummings.

    „Der junge Händel in Italien“ ist das Thema der diesjährigen Händel-Festspiele, die der vor ein paar Monaten so unerwartet verstorbene Intendant Bernd Feuchtner kuratiert hat. Und er hat ein dementsprechend stimmiges und spannendes Konzept für diese Ausgabe entworfen. So etwa mit dem Konzert des italienischen Ensembles Modo Antiquo unter seinem Gründer-Leiter Federico Maria Sardelli, in dem frühe Werke Händels, die er in und für Italien komponiert hat, mit Konzerten des für Händel wie für die gesamte Barockmusik so wichtigen Arcangelo Corelli kombiniert wurden.

    Da waren so unbekannte Preziosen wie die Motette „O qualis de coelo sonus“ zu hören, die der fantastische italienische Sopranist Federico Fiorio mit sensationeller Leichtigkeit und klanglicher Delikatesse sang. Was für ein großartiges Talent! Die Koloraturen von Orchester und Stimme verschmolzen in seelenvoller Perfektion. Das gleiche gilt für das frühe Salve Regina von Händel mit ausführlicher Lamentowirkung. Die Concerti grossi D-Dur (op.6, 1 und 4) von Corelli boten dazu einen spannenden Kontext, vor allem in der sprechenden und farbigen Wiedergabe durch Modo Antiquo, die jede Phrase mit klangvoller Leichtigkeit und atmender Phrasierung zu gestalten wissen. Das ist so derzeit wohl nicht besser zu hören. Entsprechend aus dem Häuschen war das Publikum im wunderschönen, farbig ausgemalten klassizistischen Saal der Universität Halle.

    Die Händel-Festspiele gehen noch bis zum 15. Juni. Einzelne Aufführungen wurden/werden vom MDR und vom Deutschlandradio aufgezeichnet und gesendet.

    Halle ist eine Reise wert

    Die größte Stadt Sachsen-Anhalts (rund 240.000 Einwohner) und Geburtsstadt Georg Friedrich Händels bietet neben den traditionsreichen Händelfestspielen einige lohnende Sehenswürdigkeiten. Das ist zum Beispiel das große Kunstmuseum in der Moritzburg, das zahlreiche bedeutende Werke aus Expressionismus, Bauhaus und Neue Sachlichkeit sowie Moderne Malerei der DDR zeigt. Daneben auch die berühmten Bilder, die Lyonel Feininger in seiner Zeit in Halle gemalt hat und die geradezu ikonographisch wurden wie die Bilder vom Dom und der Marienkirche.

    Sehenswert ist auch die erstaunlich gut erhaltene und hervorragend renovierte Innenstadt, die noch so wirkt als befinde man sich in den 10er oder 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Hier könnte man einen historischen Film aus dieser Zeit drehen. Ein paar hundert Meter weiter erstreckt sich eine sehenswerte Villengegend – die meisten Bauten sind ebenfalls eindrucksvoll renoviert – im Stil von Historismus, Jugendstil und Bauhaus, durchbrochen immer wieder von Fachwerkhäusern.

    Und dann bietet die Stadt schöne Parks und Grünflächen entlang der Saale, die zum Spazierengehen und Wandern einladen.
    Weitere Infos unter: www.halle-tourismus.de

    8. Juni 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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