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    Das Festival Festival della Valle d’Itria in Süditalien bietet Opernentdeckungen

    Opern- und Konzertkritiken

    Macht, Unterwerfung und die Paradoxien menschlicher Leidenschaften

    Opern-Wieder- und Neuentdeckungen im tiefen Süden Apuliens beim Festival della Valle d’Itria – zu sehen gab es neben „Carmen“, Casellas „La favola di Orfeo“ sowie ein Juwel der neapolitanischen Opernschule „Il schiavo di sua moglie“ von Francesco Provenzale

    Von Thomas Migge

    (Martina Franca, 24.-27. Juli) Das im barocken Ambiente von Martina Franca in Apulien beheimatete Festival della Valle d’Itria legte unter der künstlerischen Leitung der römischen Komponistin Silvia Colasanti ein Programm vor, das seinem Ruf als Ort musikphilologischer Aufführungen vollauf gerecht wird. Unter dem programmatischen Übertitel „Mediterraneo“ spannten drei Produktionen den Bogen vom neapolitanischen Seicento über die Geburtsstunde des Verismus bis zur italienischen Moderne des 20. Jahrhunderts.

    Im großen Hof des Palazzo Ducale kam es zu einer veritablen Sensation für die Musikwelt. Das Festival präsentierte die weltweit erste szenische Aufführung der Urfassung von Georges Bizets „Carmen“ aus dem Jahr 1874, basierend auf der kritischen Bärenreiter-Edition von Paul Prévost.

    Zur Überarbeitung der Urversion kam es, weil das Pariser Premierenpublikum von der damals unüblichen, drastischen Realität und Unmoral der Handlung schockiert war. Zudem empfand man die gesprochenen Dialoge der ersten Version der Oper als störend. Nach Bizets frühem Tod ersetzte der Komponist Ernest Guiraud diese Dialoge durch gesungene Rezitative. Diese Anpassung verwandelte die Oper in eine klassische Grand Operà im Stil der französischen Tradition, und ebnete so den Weg für den triumphalen Welterfolg auf den internationalen Bühnen.

    Die Unterschiede zur traditionell gespielten Fassung erweisen sich als dramaturgisch tiefgreifend und schärfen den sozialkritischen Ton von Prosper Mérimées literarischer Vorlage. Anstelle der nachträglich von Ernest Guiraud komponierten Rezitative oder der geglätteten Dialoge treten schroffe, teils unbegleitete Prosa-Passagen auf. Das Duell zwischen Don José und Escamillo im dritten Akt liegt in seiner ursprünglichen, weitaus raueren und längeren Kompositionsstruktur vor, was die Brutalität der Rivalität ungeschönt offenlegt. Markante Änderungen betreffen auch rhythmische Details in den Chören des ersten Aktes sowie das Fehlen der berühmten Auftrittsarie für Carmen, der Habanera. In der Urversion bietet Bizet ein Lied im 6/8-Takt, im Stil einer feurigen Tarantella.

    Denis Krief bot eine Regie, die den weiten Hof des Palazzo Ducale klug nutzte. Die Bühne spiegelte die Hitze Andalusiens durch karge, geometrische Strukturen wider. Im vierten Akt drängte Krief die Massen an den vorderen Bühnenrand, um den Prachtaufzug der Quadrillen rein imaginär im Zuschauerraum stattfinden zu lassen, was sich als gelungener Kniff erwies.

    Am Pult entlockte Fabio Luisi, der zum ersten Mal die „Carmen“dirigierte, dem Orchester des Opernhauses Petruzzelli in Bari einen sehnigen Klang, der jedweden spätromantischen Ballast abstreifte und stattdessen die rhythmische und ungemein elegante Konturenschärfe Bizets freilegte. Die Titelpartie war mit der hochflexiblen, dunkel timbrierten Mezzosopranistin Denis Uzun besetzt, die die Ecken und Kanten dieser Ur-Carmen stimmlich wie darstellerisch brillant auslotete. Ihr Don José war Matteo Lippi. Er überzeugte mit heldischer Durchschlagskraft in den dramatischen Szenen des vierten Aktes, wenngleich die ungewohnten Sprechtexte den Sängern darstellerisch Höchstleistungen abverlangten.

    Mit der ersten Wiederaufführung seit der Premiere 1672 in Neapel präsentierte das Festival im intimen Chiostro del Carmine ein historisches Juwel von Francesco Provenzale, dem Gründervater der neapolitanischen Opernschule. Seine Oper „Il schiavo di sua moglie“ entfaltet ein hochkomplexes, ironisches Verwechslungsspiel im antiken Milieu. Der Prinz von Tarent, Menalippo, liebt die kriegerische Amazonen-Königin Ippolita. Um ihr nahe zu sein und ihren Stolz zu brechen, tarnt er sich als Sklave und erträgt klaglos jede Demütigung. Es entspinnt sich ein amouröses Verwirrspiel um Macht, Unterwerfung und die Paradoxien der menschlichen Leidenschaft, flankiert von deftigen, komischen Dienerfiguren.

    Die Inszenierung von Rita Cosentino betonte die komischen wie auch dramatischen Momente des barocken neapolitanischen Theaters. Mit historisch inspirierten, aber modern abstrahierten Kostümen und einem feinen Spiel aus Licht und Schatten fing sie den bittersüßen Charakter des Werks perfekt ein. Musikalisch war der Abend ein Triumph der historischen Aufführungspraxis. Antonio Florio leitete sein auf süditalienische Barockmusik spezialisiertes Ensemble Cappella Neapolitana mit stupendem Gespür für die musikalisch reiche Partitur. Sängerinnen und Sänger waren die herausragenden Talente der Accademia del Belcanto „Rodolfo Celletti“ in Martina Franca. Sie meisterten die anspruchsvollen, hochexpressiven Rezitative und die fließenden Übergänge in die frühen Arienformen stilsicher und mit beachtlicher Verzierungsfertigkeit.

    Den Auftakt des Festivals bildete ein hochspannendes, kurzes Meisterwerk des italienischen Novecento, Alfredo Casellas einaktige Kammeroper „La favola di Orfeo“ aus dem Jahr 1932. Casella und sein Librettist Corrado Pavolini reduzieren den antiken Mythos radikal auf seine existenzielle Essenz, basierend auf einem Text des italienischen Humanisten Angelo Poliziano aus dem 15. Jahrhundert.

    Orfeo verliert seine Euridice an den Tod. Seine darauffolgende Reise in die Unterwelt sowie die Flucht aus dem Reich Plutos gelingen zwar, doch das Fatum des Zurückblickens besiegelt das endgültige Scheitern. Anders als bei Gluck oder Monteverdi endet Casellas Oper in einer tiefen Trostlosigkeit und Trauer. Nach dem schmerzhaften Verlust Euridices verweigert Orfeo sich den dionysischen Riten der Mänaden, und wird von diesen im kollektiven Rausch grausam zerrissen.

    Regisseurin und Choreografin Jean Renshaw gelang das Kunststück, die neoklassizistische Strenge Casellas in eine physische Körpersprache zu übersetzen. Sie verzahnte das Sängerensemble organisch mit den Tänzern des Eko Dance Project und schuf so Bilder von beklemmender, ritueller Dichte auf der Bühne. Das Orchester des Teatro Petruzzelli agierte unter der hochpräzisen Leitung des jungen Dirigenten Nicolò Umberto Foron. Er arbeitete die schroffen Dissonanzen, die polyphonen Schichtungen und die lyrische Herbheit von Casellas Partitur trennscharf heraus. Matteo Falcier als Orfeo bewältigte die ziemlich anspruchsvolle, deklamatorische Partie mit stupender Intonationssicherheit und einer expressiven Farbpalette, die das existenzielle Grauen der Moderne, eines der zentrale Themen von Casellas Musik, hörbar machte.

    Die 52. Ausgabe des Festival della Valle d’stria unterstreicht erneut die Relevanz dieser Veranstaltungsreihe. Zwischen der bahnbrechenden Entstaubung von Bizets „Carmen“, dem glanzvollen Frühbarock Provenzales und der unter die Haut gehenden Moderne Casellas bewies das Festival eindrucksvoll, dass das Epizentrum der italienischen Opernphilologie im Sommer in Apulien liegt.

    30. Juli 2026/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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