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    Musikbiennale Venedig goes Techno

    Reportagen - Berichte

    La stella dentro – Der Stern im Inneren

    Von Susanne Lettenbauer

    In diesem Jahr hat die junge Italienerin Caterina Barbieri die Leitung der Musikbiennale von Venedig übernommen. Die 35-jährige Musikerin lebt und arbeitet in Berlin, vor allem in der experimentellen, elektronischen Musik-Szene. Meredith Moni erhält Goldenen Löwen. 

    (Venedig, im Oktober 2025) Vergessen Sie Nono, Ligeti oder Berio. Komponisten, die jahrzehntelang fester Bestandteil des Musikbiennale-Programms waren. In diesem Jahr erinnert nichts mehr an die teils feinziselierten, theorielastigen Werke der Nachkriegs-Altmeister, denen Generationen von jungen Komponistinnen und Komponisten mit klassischen Partituren für klassische Instrumente auf der Biennale folgten. Ausreißer wie das innovative Programm des US-amerikanische Jazzmusiker Uri Caine und Team störten diese Regelmäßigkeit der inneren Nabelschau immer nur kurz. Ob das bei der neuen Festivalchefin Caterina Barbieri ebenso kurzlebig sein wird, man wird sehen. Aber eine Zäsur ist die diesjährige Musikbiennale in der Geschichte des 95 Jahre alten Festivals jetzt schon. 

    „Musik ist ähnlich wie ein Schwingungsmuster, wenn Haare auf Dein Ohr treffen und zu elektrischen Impulsen werden“, erklärte die zierliche Caterina Barbieri ihr Verständnis von Musik auf der Pressekonferenz im März. Musik sei eine kosmische Kraft so die 35-Jährige. Strenge Raum-Zeit-Geometrien, kosmische Klänge von allen Kontinenten, von Portugal, Guatemala und Japan bis Norwegen, vom Kongo bis Schweden. Soweit die Ankündigung.  

    Was tatsächlich 15 Tage lang auf den Bühnen des Arsenale passiert, lässt den Hörer zeitgenössischer klassischer Musik dann doch erstaunen. „Als ich gefragt wurde, ob ich die Musikbiennale übernehme, war das schon eine dieser völlig unerwarteten Ereignisse im Leben. Das passiert nicht alle Tage, aber ich habe die Möglichkeit sehr gern angenommen, hier in dieses hochrangige Festival meine Sicht auf Musik zu bringen.“ Natürlich sei die Musikbiennale bisher Aushängeschild für klassische zeitgenössische Musik gewesen, meint Barbieri, die Mission der Biennale sei aber, die zeitgenössischen Entwicklungen in Kunst, Tanz, Theater und Musik zu zeigen, also die gesamte Bandbreite und nicht nur einen Aspekt.
    In der Tat ist das Programm vielfältiger als Skeptiker angesichts der Ankündigung von elektronischer „kosmischer Musik“ anfangs vermuteten. So brachte das belgische Renaissance-Vocal-Ensemble Graindelavoix mit polyphonen a-capella-Gesängen von Gesualdo eine Ahnung vom musikalischen Alltag im Venedig des 16. Jahrhundert in das Kirchenschiff von San Lorenzo – ein überwältigender Eindruck.

    „Unter dem Motto La stella dentro (Der Stern im Inneren) wollen wir die kosmische Struktur von Musik erforschen“, so die Festivalchefin. Der Eröffnungsabend mit einer Musikparade auf der Lagune  – open air unter Sternenhimmel – entsprach dann auch optisch dem kosmischen Konzept. Eine musikalische Prozession für neun Boote mit Lautsprechern, eingehüllt in künstliche Nebenschwaden. Eine moderne Wassermusik, komponiert von der diesjährigen Preisträgerin des Silbernen Löwen, die Bolivienstämmige Elysia Crampton. Auch bekannt als Chuquimamani-Condori läuft sie in Venedig in Cowboyhut und -stiefeln auf. Pittoreske Momente. Die Musikbiennale goes Instagram-Reels. Dezidiert queer auftretende Künstler und Zuhörer in Minirock und hochhackigen Stiefeln mischen das Publikum erfrischend auf.

    Caterina Barbieri, Musikerin aus dem Berliner Maschinenraum des Kosmofuturismus, bringt Klänge an die Lagune, die den ganzen Körper fordern, inklusive lärmmindernder Ohrstöpsel und Sonnenbrille gegen  Stroboskoplichter. Statt zeitgenössischer Klassik dröhnt elektronische Psychoakustik von der Bühne. Tief über schwarze Mischpulte gelehnt, agieren die Musikerinnen und Musiker fast regungslos inmitten des Publikums. Herkömmmliche Stuhlreihen – Fehlanzeige. 

    Durch einen dröhnenden Klangteppich aus Nebelschwaden heraus klingt bei der Uraufführung von Up in the bell tower des deutschen Elektronikkünstlers Luka Aaron ein Mix aus venezianischen Glockenklängen. Bei Silencio von Moritz von Oswald, seit den 70er Jahren fester Bestandteil der deutschen Elektronikszene, schweben die Stimmen der Madrigalsängerinnen und -sängern der  Capella Marciana des Markusdoms mystisch über wabernden Elektroklängen. Ein meditatives Erlebnis, würde die Lautstärke nicht bis an die Schmerzgrenze gehen.

    Anders die Cellistin Mabe Fratti aus Guatemala: klassisch ausgebildet, Vorbilder György Ligeti und Jaqueline du Pré, schafft sie mit ihrem klassischen Instrument plugged in eine faszinierende Mischung aus Elektronik- und Streicherklängen, begleitet mit traditionell indigenem, südamerikanischen Gesang und damit tatsächlich irgendwie kosmisch.

    Gefolgt von einer weiteren Entdeckung auf dem Festival: Das seltsam faszinierende japanische Trio Asa-Chang & Junray. Der exzentrische Ausnahmekünstler aus Tokio hockt vor einem blinkenden Retrokasten, winkt und präsentiert einen wilden Mix aus Jazz, Dub, Rock und Manga-Gesang.Völlig unernst gemeint. Ein merkwürdiges Amalgam. Eine berührend wunderliche Musik. Neben ihm eine Geigerin und ein Querflötist. Seine Message: Musik kann Spaß machen. 

    Das Programm der jungen Festivalleiterin Caterina Barbieri sorgt mit seinem Berlin-Spirit in diesem Jahr für ein ganz anderes, ein junges Publikum. Das musikalische Erbe Venedigs eines Antonio Vivaldi, Claudio Monteverdi oder Francesco Cavalli empfindet die neue Festivalleiterin Barbieri laut eigener Aussage eher als „Hemmschuh“. Barbieri, selbst Elektronik-Komponistin, hat Italien schon als Studentin den Rücken gekehrt, lebte in Stockholm und jetzt Berlin. 

    Mit der Musikerin Nkisi, wie Barbieri in Berlin zu Hause, hat jetzt auch Afrika die Musikbiennale erreicht. Die kongolesische Künstlerin Nkisi mixt afrikanische Rhythmen mit experimenteller Improvisation. Ähnlich experimentell arbeitet der norwegische Jazzmusiker Bendik Giske, auch ein Berlin-Import, den Barbieri ebenso eingeladen hat wie den französischen Elektronikkünstler Maxime Denuc und DeForrest Brown, einen Vertreter der Make Techno Black Again-Bewegung aus Alabama. 

    Meredith Monk erhält Goldenen Löwen

    Durchaus mit einem akademischen Anspruch: Laurie Spiegel, Suzanne Ciani, Meredith Monk – Pionierinnen der elektronischen Musik der 1960er und 70er Jahre alle um die 80 Jahre alt, treten hier dieses Jahr noch einmal auf. Meredith Monk, diesjährige Preisträgerin des Goldenen Löwen, verkörpert das „kosmische“ Biennale-Motto, die Unendlichkeit, seit über sechs Jahrzehnten durch das Ausloten der Resonanz ihres Körpers. Die Vorreiterin der vokalen Performancekunst, vielfach ausgezeichnet, darunter bereits 1975 mit dem ersten Preis der Biennale Venedig, steht als 82-jährige nochmal auf der Bühne. Ein Zeitensprung in die Anfänge der Entdeckung elektronischer Geräte als “Instrumente“. Eine Remineszenz an die Kunst, Stimme nahezu unendlich als „emotionale Klangsprache“ einzusetzen. Eine Komponistin, die lange nicht ernst genommen wurde. 

    Meredith Monk Foto: S. Lettenbauer

    Ähnlich wie die heute 79-jährige Suzanne Ciani. Im Teatro alla Tese in ihr Mischpult versunken, vermittelt die Sounddesignerin einen ergreifenden Eindruck, wie Frauen Ende der 60er Jahre Syntheziser für sich entdeckten und bis heute Maßstäbe setzen. Dass diese vielfach unbekannten Altmeisterinnen nun gemeinsam auf einem Festival in Venedig zu erleben sind – spektakulär.

    Das Motto der diesjährigen als „kosmisch“ bezeichneten Musikbiennale ist mit La stella dentro so abstrakt gefasst, dass sich diese unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler darin problemlos wiederfinden können. EIn Mix quer durch alle Kontinente, ein Panoptikum der internationalen Elektronikszene.  

    Eine Frage bleibt: Die Musikbiennale war 1930 als Festival für zeitgenössische, klassische Musik gegründet worden. Bedeutet die Einbindung von elektronische Musik, von Techno, Dub und Jazz ein Ende der zeitgenössischen klassischen Musik à la Ligeti, Nono, Rihm oder Kurtag? Ist die neue Programmatik der Suche nach neuem, jungem Publikum geschuldet? Whats next: Rave, Afropunk oder Taylor Swift?

    19. Oktober 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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