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    Georg Baselitz über seine Ausstattung der „Geschichte vom Soldaten“ in Salzburg

    Porträts - Interviews

    Immer reduzierter

    Interview mit Georg Baselitz über die Ausstattung von Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ für das Salzburger Marionettentheater im Rahmen der Salzburger Festspiele (Kritik siehe KlassikInfo)

    Von Robert Jungwirth

    KlassikInfo: Herr Baselitz, woran hat sich Ihre künstlerische Kreativität für die Ausstattung der „Geschichte vom Soldaten“ entzündet, mehr am Text oder mehr an der Musik oder an beidem gleichermaßen?

    Georg Baselitz Foto: Martin Müller

    Georg Baselitz: Ich muss etwas früher anfangen. Ich lebe ja teilweise in Salzburg und mein Sohn Daniel lebt auch in Salzburg. Und der ist sehr engagiert, was das Theater betrifft. Und er hat dieses Marionettentheater, von dem ich eigentlich nichts wußte, entdeckt. Er hat dort angefragt, ob sie an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert wären. Und sie waren von Anfang an interessiert, obwohl sie so etwas ja noch nie gemacht haben. Ich bin ja jemand, der sich schon immer für klassische und zeitgenössische Musik interessiert. Und ich habe dann überlegt, ob ich noch einmal so etwas machen kann. Aber die kleine Form hat mich eigentlich dazu hingezogen. Und dann habe ich damit begonnen. Ich habe zwei Jahre an dieser Sache gearbeitet. Ich habe wie üblich zunächst Zeichnungen gemacht für diesen Stoff. Dabei hatte ich nicht die Idee, die Figuren selbst zu machen, sondern ich wollte sie umsetzen lassen vom Marionettentheater, denn es gibt ja eine Werkstatt dort, wo sie ihre Puppen herstellen. Wir haben das dann versucht, aber es ging nicht und ich war nicht zufrieden. Dann habe ich immer mehr reduziert, weg von dem, was ich ursprünglich gedacht habe, was sein sollte. So wurde es immer einfacher, immer schlichter, immer geradliniger, sogar so sehr, dass ich dachte, es funktioniert nicht mehr. Aber siehe da…

    Wie inspirierend war die Musik für Sie?

    Ich kannte diese Musik, ich habe auch eine Aufnahme mit Cocteau gehört. Und das ist vor allem wegen Cocteau, der ja eine entsprechende Stimme hatte, unglaublich gut. Und mir gefällt diese Ursprünglichkeit, die die Musik in dieser Zeit hatte, was es heute in dieser Form ja nicht mehr gibt. Und das hat mich sehr beschäftigt.
    Was bei diesem Stück speziell ist, das ist das Repertoire der Musik, das voll ausgeschöpft wird. Es gibt das Traurige, das Pathetische, das Lustige, das Schalkhafte, das Poetische, das Lyrische und das ist in diesem Wechsel unglaublich gut. Meine Idee war von Anfang an, das Tempo nie abreissen zu lassen in der Dramaturgie des Stücks.

    Michael Bundschuh, der Regisseur, und ich mussten uns erst zusammenfinden, denn er ist ja auch eher in der klassischen Musik zu Hause und diese dramaturgischen Einschlüsse sind ja doch sehr besonders. Ich finde es jedenfalls unglaublich interessant und auch überraschend. Wir haben völlig im Einklang gearbeitet. Das ist ja nicht immer so. Das Ganze besteht ja aus Musik, Text und Bühne, und diese Musik ist hervorragend, also ganz großartig. Und die Musiker sind geübt, haben das Stück schon mehrfach aufgeführt, allerdings nicht als Marionettentheater. Auch Horwitz war schon mehrfach dabei.
    Salzburg ist ja eigentlich nicht der Ort dafür, Salzburg macht Mozart und ein bisschen davor und ein bisschen danach. Und ich dachte, naja da in dieser hinteren Ecke, das bemerkt eh niemand. Und dann ist es doch ein großer Erfolg geworden.

    Man hat diesen Geist des Miteinanders auch im Zuschauerraum deutlich gespürt. Das war so stimmig und so rund. Und das hat sich auch auf die Zuschauer übertragen. Es ist bislang das Highlight der Festspiele und nicht eine der großen Produktionen auf den großen Bühnen…

    Ich glaube, es wird auch das Highlight bleiben (lacht).

    War es gleich die „Geschichte vom Soldaten“, die Sie machen wollten oder gab es noch andere Stücke, die in Frage kamen?

    Ich gehe nicht viel ins Theater, aber ich höre viel Musik und da gibt es natürlich Stücke ähnlicher Art. Der Faktor Zeit spielte eine wichtige Rolle, eine Stunde ist schon ausreichend, finde ich. Der zweite Faktor ist die Zeitgenossenschaft. Meine erste Oper, die ich ausgestattet habe, war „Punch and Judy“ von Harrison Birtwistle, der schon gestorben ist, ein zeitgenössischer Komponist. Und wir waren gleich alt und das fand ich einfach wunderbar. Das war ja eine Art Kasperltheater. Und das zweite war Ligeti, auch einigermaßen zeitgenössisch, „Le grand Macabre“, und das dritte war dann der „Parsifal“, was einfach an München lag, denn meine Beziehungen zu München sind ja doch sehr stark geworden und dann habe ich gedacht na gut. Und Bachler hat mir auch völlig freie Hand gelassen. Das ging ja dann auch gut, obwohl die Kritik anders aussah.

    Wie sehen Sie die Hauptfigur, den Soldaten in Strawinskys Stück, ist er mehr Opfer oder auch selbst Verursacher seines Unglücks?

    Ich würde sagen, er ist völlig unschuldig zwischen diesen beiden Welten. Der Soldat ist ja nun jemand, der außer laufen in der Geschichte gar nichts tut. Er wird von außen von dem Teufel belästigt und einmal durch Reichtum und einmal durch Narrheit von seinem Weg abgebracht. Und diesen beiden Sachen verfällt er, wie eigentlich jeder ihnen verfällt, und es gibt kein Happy End.

    Haben Sie ursprünglich gar nicht daran gedacht, Kostüme zu verwenden? War es Ihnen gleich klar, dass Sie darauf verzichten wollen?

    Durchaus nicht. Ich habe ja 1965 ein Stipendium in der Villa Romana in Florenz gehabt als Künstler und der Direktor zu dieser Zeit war Harro Siegel und er war Marionettenspieler. Aber das fand damals schon kaum mehr statt. Also ich wollte die Physiognomie nicht nach dem Stück einrichten, sondern ich wollte gar keine Physiognomie. Ich wollte es dem Sprecher überlassen, indem er die Figuren erklärt auch charakterlich. Ich wollte schlichtweg eine einfache Figur als Untergrund dafür kreieren. Ich habe es mit Kostümen versucht, mit Stofffetzen, wir haben alle diese Dinge durchgespielt und uns aber immer mehr für diese ganz einfache Form entschieden.

    Mussten Sie viel Rücksicht nehmen auf die Gegebenheiten der Bühne?

    Eigentlich gar nicht. Ich sollte mich nur bei der Größe der Puppen auf 70 Zentimeter beschränken, daran habe ich mich gehalten. Und im übrigen hatte ich was die Bühne betraf gar nichts anderes vor, als eine Zeichnung für den Hintergrund zu machen, die dann entsprechend auf ein Tuch reproduziert wird. Das Tuch sollte auch nicht straff sein, sondern einfach hängen. Es sollte den Raum begrenzen und die Szenerie, wo das stattfindet, beschreiben.

    Der Krieg, der den Hintergrund für das Stück bildet, kommt ja auch vor bei Ihnen. Man sieht da eine Art Trümmerlandschaft durch die der Soldat wandert. Das war also auch wichtig, das zu zeigen, den Schrecken des Krieges?

    Der Beginn ist ein zerstörtes Dorf und das Ziel ist wiederum ein zerstörtes Dorf und dazwischen eine Welt, die durchaus nicht in Ordnung ist.

    Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet, waren Sie überrascht von dem Erfolg, den das Stück in Salzburg bei der Premiere hatte?

    Ich war sehr überrascht. Erstmal dachte ich, das Puppentheater da hinten ist wie üblich halb leer, so war das zumindest meistens. Es kennen ja nicht viele, ich kannte es auch nicht. Aber nichts dergleichen, die Leute waren gerührt. Ich war völlig hingerissen von der Reaktion. Es ist alles ausverkauft. Und ich war auch begeistert von den Pressereaktionen. Ich bin ja schon lange Zeit mit der Presse in einem Profiverhältnis und habe nicht immer glückliche Stunden damit gehabt. Und ich hatte so ein bisschen im Hinterkopf, vielleicht macht es das Theater, dass man mich anders sieht und das ist so passiert.

    4. August 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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