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    Hotel Metamorphosis in Salzburg

    Opern- und Konzertkritiken

    Wenn Hotelzimmer erzählen könnten

    Barrie Kosky und Cecilia Bartoli öffnen bei den Festspielen in Bayreuth ihr Hotel Metamorphosis

    Von Joachim Lange

    (Salzburg, August 2025) Antonio Vivaldi „Vier Jahreszeiten“ kennt jeder. Von seinen fast 50 Opern aber ist – anders als bei seinem Zeitgenossen Händel – kaum eine bekannt. „Hotel Metamorphosis“ schon gar nicht. Geht auch nicht, denn diese Oper war nicht verschollen, es gab sie bis vor kurzem gar nicht. In Salzburg steht sie jetzt (nach Pfingsten) bei den Sommerfestspielen wieder auf dem Programm. Die singende, gerade bis 2031 verlängerte Intendantin der Pfingstfestspiele Cecilia Bartoli ist eh in ihrem Drittberuf immer auch auf Entdeckungsreise und dabei nicht das erste mal bei ihren Ausgrabungsarbeiten in den vom Vergessen überwachsenen barocken Fundamenten der heute gepflegten lebendigen Welt der Oper fündig geworden.

    Mit Barrie Kosky hat sie sich einen Regisseur an ihrer Seite geholt, der auch für jede Exkursion ins Unbekannte zu haben ist und obendrein auch ein Händchen fürs Opulente hat. Letztlich auf die Ambitionen dieser beiden extrovertierten Bühnenmenschen geht diese Vivaldi-Novität zurück, die (garnicht) schlicht und (sicher nicht) einfach ein Pasticcio aus 45 Musiknummern des großen Venezianers Antonio Vivaldi ist.

    Kosky und Dramaturg Olaf A. Schmitt haben dazu von Hermann Heiser übersetzte Texte von Ovid und Gedichte von Rainer Maria Rilke zur Grundlage für die in zwei Akte aufgeteilten fünf Szenen gemacht. Gesungen wird Italienisch – verbindend und erklärend gesprochen wird Deutsch. Wobei auch der deutsche Muttersprachler gelegentlich einen Blick auf die englischen Übertitel wirft, weil der sprechende Orpheus von Angela Winkler nicht nur traumwandlerisch in Erscheinung tritt, sondern auch das eine oder andere Wort verschluckt. So wie das große Doppelbett, das Michael Levine ins Zentrum der Hotelsuite der gehobenen Preisklasse platziert hat, immer wieder mal die Helden der Geschichten verschluckt, die wir nacheinander miterleben.

    Das bekannte Schicksal von Orpheus (Angela Winkler) und Eurydice (Cecilia Bartoli) bildet die Klammer. Orpheus trauert im Hotel Eurydice nach, die als erste effektvoll in dem Bett Richtung Unterwelt verschwindet. Danach erzählen Orpheus und sozusagen auch „das Hotelzimmer“ nacheinander von jenen mythischen Verwandlungen, die dem imaginären Hotel und dem Pasticcio zu ihrem Namen verhelfen.

    In der ersten Episode erschafft sich der Bildhauer Pygmalion eine weibliche Schönheit aus Marmor, in die er sich verliebt. Hier führt die Verwandlung dazu, dass die künstliche Frau zu menschlichem Leben erwacht, was alle in Verzückung geraten lässt. Diese Liebesbeziehung mit Happyend, entgegen jeder Erwartung, entspinnt sich zwischen dem Counter Philippe Jaroussky und der federleicht trällernden Lea Desandre als Statua.

    Für die nächste Zimmerbelegung kehrt Bartoli als so begabte wie hochmütige Weberin Arachne zurück. Hier im schicken Kleid als umtriebige Web-Designerin. Sie fordert Minerva auf eine Weise heraus, die dazu führt, dass Minerva Arachne vor Wut in eine Spinne verwandelt. Das wird zum puren szenischen Vergnügen, weil sich die Arachne Bartoli und die fabelhafte russisch-schweizerische Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina als Minerva dabei nicht nur vokal handgreiflich werden. Bis man am Ende eine Spinne im Video krabbeln und spinnen sieht. …

    Die dritte Episode ist ein weiteres Beispiel dafür, wie mythische Vorlagen auch heutige Psychothriller inspirieren. Myrrah (Lea Desandre jungmädchenhaft spielend) begehrt ihren eigenen Vater (gespielt von Alessio Marchini) und schafft es mit Hilfe einer Freundin tatsächlich in sein Bett, ohne dass er weiß, mit wem er es zu tun hat. Als die Sache auffliegt, ist Myrrah so verzweifelt, dass sie sich bewusst in einen Baum verwandeln lässt, der sich dann aus der Minibar durchs Zimmer schlängelt.

    Der als Pygmalyon vom Bett verschluckte Jaroussky taucht nach der Pause als Narcissus wieder auf. Er selbst sieht sein „Problem“ immer von außen – gleich zwei sich aufs Haar gleichende Tänzer verkörpern das Narzissmus Problem der Selbstverliebtheit. In die Fänge dieses sich selbst liebenden Schönlings gerät die Nymphe Echo. Lea Desandre umspielt ihn zunächst sehr leichtfüßig, nervt aber Juno so sehr, dass die sie in das Echo, verwandelt das wir kennen. Ohne Köper, nur als Stimme kann sie fortan immer nur letzte Worte wiederholen.

    Am Ende gibt es sogar noch einen Blick in die Unterwelt. Da schwebt das Hotelzimmer in die Höhe und man sieht, wie Eurydike sich ins Dunkel der Unterwelt entfernt. Orpheus aber fällt den Bacchantinnen in die Hände und verliert im wahrsten Wortsinn seinen Kopf.

    In bester Manier des bewährten Gespanns aus Barrie Kosky und seinem Choreographen Otto Pichler schießt immer wieder seine zwölfköpfige fabelhafte Tänzercrew zwischen die Zimmerbelegung. Immer zusammen mit dem von Jacopo Facchini einstudierten Chor Il Canto di Orfeo. Ausgestattet mit den prächtigen Kostümen von Klaus Bruns, dann mal als geheimnisvoll gesichtslose Seelen aus der Unterwelt oder in einer Explosion von purer (man könnte auch sagen nackter) Lebenslust wie Blumenkinder im Paradies. Dieses Motiv ziert dann auch das werbewirksamen Festspielplakat für diese Oper der besonderen Art.

    Vor alle in diesen getanzten Nummern gehen Vivaldispezialist Gianluca Capuano und seine Le Musiciens du Prince-Monaco in die Vollen und lassen Vivaldis vibrierenden Barock rocken. Langweilig ist das in den vier Stunden nie.

    8. August 2025/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
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