Marco Goeckes Sacre am Münchner Gärtnerplatztheater uraufgeführt
Das Opfer sind wir
Das Münchner Gärtnerplatztheater zeigt zwei neue Ballette von Jeroen Verbruggen und Marco Goecke unter dem Titel „Strawinsky in Paris“ – und veranstaltet tags darauf ein wunderbares Open–Air-Konzert bei freiem Eintritt am Gärtnerplatz
Von Robert Jungwirth
(München, 19. Juli 2025) An sich eine hübsche Idee, Gershwins und Strawinskys künstlerisch so überaus ergiebige Parisaufenthalte zu einem Ballettabend zu gestalten. Gershwins Suite „Ein Amerikaner in Paris“, womit der Komponist natürlich sich selbst meinte, machte den Anfang in einer tänzerischen Adaption von Jeroen Verbruggen.

»An American in Paris«
Choreographie Jeroen Verbruggen. Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Marie-Laure Briane
Verbruggen und seine Bühnenbildnerin Natalia Kitamikado nahmen dazu Anleihen beim gleichnamigen Film und lassen den Brunnen aus dem Filmschluss zum Mittelpunkt des quirligen Geschehens werden. Doch welches Geschehen genau, das wird in den rund 30 Minuten nicht klar. Eher geht es um eine heitere Stadtrevue, die harmlos wirkt und Richtung Fernsehballett tendiert. Da helfen auch die quer-queeren Kostüme von Emmanuel Maria nichts – im Gegenteil, sie sehen arg gewollt und zum Teil auch etwas verunglückt aus. Tänzerisch ist auch nicht viel zu vermelden – es tändelt und plätschert dahin wie aus dem Paris-Brunnen. Gershwins phantastische Musik, die hier mit Aron Coplands „Billy the Kid“- Suite vermischt wird, hätte zu mehr animieren können, müssen.
In der zweiten Hälfte des Abends offerierte kein Geringerer als Marco Goecke seine Sichtweise auf eine der bedeutendsten Ballettmusiken überhaupt, Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ von 1913. An diesem Werk kommt kein Choreograf, der etwas auf sich hält, vorbei.
Wer von Goecke etwas Urtümliches, Vorzeitliches erwartet hat, wird enttäuscht. Goecke interessiert der Inhalt des ursprünglichen Balletts nicht. Statt Riten aus dem heidnischen Russland gibt es bei ihm Psychopathologisches aus dem Tollhaus unserer Gegenwart oder näheren Zukunft. Die Menschen agieren maschinenhaft oder sind bereits ihre eigenen maschinellen Substitute. Statt „Anbetung der Erde“ sieht man Menschen mit allerhand gruseligen nervösen Störungen oder sie sind von einem schrecklichen Tremor befallen. Das irritiert vor allem in den Passagen, in denen die Musik zur Ruhe kommt und ihre archaische Größe offenbart. Da ist das hektische Gezitter der Tänzerinnen und Tänzer ein arger Kontrast – wenngleich hervorragend umgesetzt und in den Ensembles auch von interessant-verstörender Wirkung.
Der Opfer-Mythos kommt auch bei Goecke vor – in Form beschädigter Individuen. Wodurch sie geschädigt bzw. Opfer wurden, bleibt dem Zuschauer zur Beantwortung überlassen. Für den sogenannten Fortschritt vielleicht, für ein „modernes“ Leben, in dem der Mensch noch mehr zur Maschine degradiert wird als das schon bei Chaplin der Fall war… Mehr und mehr inszeniert Goecke einzelne Protagonisten zu beeindruckenden Körperskulpturen, reagiert im zweiten Teil auch mehr auf die Musik und ihre enorme Kraft (das Orchester unter Michael Brandstätter schlägt sich respektabel in einer etwas verkleinerten Besetzung).
Manchmal fühlt man sich an die Kreaturen in Francis Bacons Bildern erinnert, an ihre rätselhaften Deformationen. Das Ensemble des Gärtnerplatztheaters jedenfalls leistet Außerordentliches, bietet virtuosen und spannungsreichen Körperfuror in einer höchst fordernden Choreographie. Goecke liefert einen sehr eigenwilligen Kommentar zu Strawinskys Ballettinhalt, aber einen, über den sich diskutierten lässt. Und einen, der das Publikum bannt. Großer Applaus nach einem sicher nicht ganz leichten, aber sehr intensiven Stück. Umso bedauerlicher, dass der erste Teil des Abends so belanglos blieb.
Open-Air am Gärtnerplatz
Tags darauf saß das Orchester dann vor dem Theater auf der Open-Air-Bühne und offerierte unterm sommerlichen Himmel ein Opernpotpourri aus vor allem italienischen Opern. Die Kulisse könnte nicht schöner sein an diesem wunderbaren Platz und die Besucher kamen denn auch in Scharen und genossen die Musik und den lauen Sommerabend. Bemerkenswert wie viele hervorragende Tenöre das Gärtnerplatztheater aufzubieten hat…!
Man kann dieses for-free-Angebot für die Münchner Kulturinteressierten und die, die es vielleicht noch werden wollen, nicht hoch genug schätzen. Das Gärtnerplatztheater ist die einzige Musikinstitution von Rang in München, die so etwas anbietet. Die teure Staatsoper schafft es gerade mal eine Video-Übertragung einer Aufführung nach draußen zu projizieren und lässt sich dafür noch loben. Und die ebenfalls hoch-subventionierten Münchner Philharmoniker und das BR-SO lassen sich ihre Dienste für die breite Masse am Odeonsplatz teuer bezahlen. Warum bieten die Orchester die Konzerte nicht auch gratis an? Es wäre guter Stil, das zu tun in dieser vor Geld und Luxus strotzenden Stadt.





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