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    Die Zofen von Genet am Münchner Volkstheater

    Opern- und Konzertkritiken

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    „Die Zofen“ von Jean Genet in einer grandiosen Neuproduktion am Münchner Volkstheater

    Von Robert Jungwirth

    (München, 29. September 2023) „Ihr habt Glück, dass euch jemand Kleider schenkt. Wenn ich welche brauche, muss ich sie mir kaufen“, sagt die „Gnädige Frau“ in Jean Genets Stück „Die Zofen“ zu ihren Dienerinnen, nachdem sie diesen zwei ihrer Roben geschenkt hat. Und sie meint ihre Klage durchaus ernst, ganz so als seien ihre Zofen die eigentlich vom Glück Begünstigten. Verkehrte Welt, wie im Spiegel. Oberschicht und Unterschicht bespiegeln sich fortwährend in Genets 1947 entstandenem Stück, weshalb Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh für die Neuproduktion des Münchner Volkstheaters auch passenderweise einen Spiegelsaal gestaltet hat, in dem sich ein verspiegeltes Karussell mit silbern glitzernden Pferdchen dreht. Auf ihnen schaukelt und räkelt sich die Gnädige Frau, wenn sie ihre standesgemäßen Auftritte hat – als Grande Dame mit Hang zum verrucht Verführerischen. Grandios spielt das Silas Breiding mit strahlendem Zahnpastareklamelächeln und allerhand staunenswerten akrobatischen Einlagen. Ihr gegenüber strampeln sich die beiden Zofen Claire und Solange in vermeintlich aufopfernder Dienstbereitschaft ab. Dabei proben sie eigentlich permanent den Aufstand gegen ihre Herrschaft, spielen selbst Gnädige Frau und Dienerschaft, wenn die Hausherrin außer Haus ist. Dann ergehen sie sich in allerhand Unterwerfungs- und Auflehungsfantasien und fingieren das tödliche Ende ihrer „Gnädigen Frau“.

    Der Tod ihrer Herrschaft ist auch im richtigen Leben von Claire und Solange das Fernziel. Die beiden werden sich mehr und mehr des zerstörerischen Mechanismus von Macht und Unterdrückung bewusst, des Umschlagens von Güte in Herrschaftsterror und wollen ihm entkommen. Denn Güte ist nur das freundliche Gesicht der Unterdrückung. Den Hausherrn haben sie bereits mittels einer Intrige ins Gefängnis gebracht. Die davon stark in Mitleidenschaft gezogene Hausherrin steht kurz vor ihrer Vergiftung.

    Es ist ein bitteres und trotzdem komisches Stück, das Genet kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben hat. Die Auflehnung gegen eine unmoralische Machtelite ist auch von der Naziherrschaft und der französischen Resistance beeinflusst. Ansonsten ist das Stück geprägt von der Sensibilität der Franzosen für die gesellschaftlichen Klassenunterschiede, wie sie Soziologen und Künstler immer wieder thematisiert haben. Die Strukturen von Macht und Ohnmacht, von oben und unten, von Geld und Unmoral werden bei Genet zu einem beziehungsreichen, wechselvollen Sozialdrama, Psychodrama, Komödie und Theoriedrama. Beständig wechselt das Stück zwischen Realismus und absurdem Irrealismus. Genet wollte eine Art Antitheater schaffen mit Figuren als Metaphern, weil er – ähnlich wie Brecht – vom Illusionstheater gar nichts hielt.

    Doch im Vergleich zu Brecht hat Genet deutlich mehr Charme und Witz, und die hat auch die Inszenierung von Lucia Bihler, die sich schlafwandlerisch sicher zwischen den Genres und Realitätsebenen bewegt. Getragen wird die fantastische Produktion von zwei umwerfenden Schauspielern für die Zofen, die man für ihre virtuosen stilistischen Grenzgänge nicht hoch genug loben kann: Jakob Immervoll als Claire und Lukas Darnstädt als Solange. In hinreißenden Kostümen (Leonie Falke) und ebensolcher Maske wirken sie wie entfernte Verwandte von Jack Lemmon und Walter Matthau.

    Genet selbst hat für eine Besetzung mit Männern plädiert, um den Realismus zu konterkarieren. Aber trotz der Verfremdung gelingt den beiden auch immer wieder inniges psychologisches Theater, wenn sie ihre Ausweglosigkeit in dieser vom Geld zerrütteten Welt erkennen und sich in ihrer Verlorenheit einander versichern. Das ist ebenso anrührend wie bitter. Die Beiden können machen, was sie wollen, sie werden der Herrschaftsmaschinerie mit ihrer gnadenlosen Hierarchie nicht entkommen. Das System des Geldes ist wasserdicht. Das ist die ebenso tragische wie realistische Essenz dieses Stücks. Und Immervoll und Darnstädt lassen uns an dieser selbstzerstörerischen Selbsterkenntnis erschütternd intensiv, slapstickhaft komisch und körperlich virtuos Anteil nehmen. Eine grandiose schauspielerische Leistung! Großer Jubel des Publikums nach dem tristen Ende.

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    1. Oktober 2023/0 Kommentare/von Robert Jungwirth
    Schlagworte: Münchner Volkstheater
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