Über Musik

„Keine muffige Poesie“

Alfred Brendel: „Über Musik“
Piper Verlag, 527 Seiten, 12 Euro
Gibt es eigentlich lustige Musik, fragte der Pianist Alfred Brendel in einem Aufsatz von 1984 und gab selbst auch gleich die Antwort. Ja, es gibt lustige Musik, etwa bei Joseph Haydn, der zwar oft als brav und harmlos angesehen werde, aber häufig mit unerwarteten Wendungen humoristische Wirkungen hervorruft. Freilich versteckt, dezent, unaufdringlich. Selbst beim ach so ernsthaften Ludwig van Beethoven gebe es humoristisch-scherzhafte Anflüge.
Zu Beginn der „Eroica-Variationen“ etwa, wenn abwechselnd „pianissimo geflüstert“ und „fortissimo gebrüllt“ werde.
Oder am Ende der G-Dur Klavier-Sonate op. 31 Nr.1, wenn langsame Passagen die Hauptmelodie des Satzes ins Uferlose zerdehnen und am Ende ein Schlußpresto die „vertrödelte Zeit wieder einzuholen versuche“. Natürlich hängt es vom Interpreten ab, ob so etwas humoristisch wirke oder nicht: „Der Pianist, dem es am Ende der Sonate nicht gelungen ist, jemandem einen Lacher zu entlocken, sollte Organist werden.“
Brendels Sinn für Humor, den er in seinen drei Bänden mit grotesk-komischen Gedichten nachdrücklich unter Beweis stellt, blitzt auch in seinen Aufsätzen über Musik immer wieder auf.
Dabei ist der Grundton dieser Texte-Sammlung durchaus ernst, wenngleich nie bierernst. Nicht Besserwisserei drückt sich hier aus, sondern das Vergnügen des Autors an der Reflexion über Musik, über Werke und Komponisten.
Etwa über die grundverschiedenen kompositorische Herangehensweise eines Beethovens im Vergleich zu Schubert: „Im Vergleich zu Beethoven, dem Architekten komponierte Schubert wie ein Schlafwandler. In Beethovens Sonaten verlieren wir nie die Orientierung; sie rechtfertigen sich in jedem Augenblick. Schuberts Sonaten ereignen sich auf eine rätselhaftere Weise; um es österreichischer zu sagen: sie passieren.“
Als Pianist ist Alfred Brendel ein Purist, seine Interpretationen orientieren sich nicht an äußerlichen Inszenierungsideen, sondern am Inhalt und Gehalt der Werke. Er sei nicht die Botschaft, sondern der Vermittler, bekannte er einmal.
Aus dieser Haltung heraus resultiert auch Brendels Neigung, sich immer wieder aufs Neue mit den Werken Mozarts oder Beethovens auseinanderzusetzen, sie sowie den eigenen künstlerischen Status immer wieder kritisch zu hinterfragen – dabei den Notentext als obersten Ratgeber stets fest im Blick.
Doch hat dies nichts zu tun mit blindem Gehorsam gegenüber dem Notentext. Das wird deutlich in Brendels Aufsatz über die sogenannte 2Werktreue“, in dem er klar stellt, das er sich nie als „passiven Befehlsempfänger des Komponisten verstanden“ habe. „Musik genau lesen bedeutet nicht nur: wahrnehmen, was niedergeschrieben ist; es bedeutet darüber hinaus: die Zeichen verstehen.“
Das Suchen nach dem Verständnis der Zeichen dokumentiert Brendel in seinen Texten. Wozu ihm sein beeindruckendes Wissen um musikhistorische Hintergründe und Zusammenhänge wertvolle Hilfe leistet. Das macht die Lektüre nicht nur für Praktiker zu einem Gewinn, wenngleich Klavierkenntnisse nicht von Nachteil sind, um mit den zahlreichen Notenbeispielen etwas anfangen zu können.
Der Aufsatz „Ermahnungen eines Mozartspielers an sich selbst“ ist sicher auch für Nichtpraktiker ein Gewinn: „Mozart ist weder aus Porzellan, noch aus Marmor, noch aus Zucker. Der putzige Mozart, der parfümierte Mozart, der verzückte Mozart, der Rühr-mich-nicht-an-Mozart, der empfindsam verquollene Mozart seien vorsichtig gemieden. Auch dem pausenlos poetischen Mozart gebührt leiser Zweifel. Wer „poetisch“ spielt, sitzt allzuleicht in einem Glashaus, in das keine frische Luft dringt; man möchte kommen und die Fenster öffnen.“
Brendels Einspielungen der Werke Haydns, Mozarts, Schuberts und Beethovens zählen zweifellos zu den wichtigsten Interpretationen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Dabei war der gebürtige Österreicher Brendel nie ein Glanz- und Glamour-Pianist, vielmehr ein Charismatiker aus dem Geist des Understatements und der Skepsis. Und diese Skepsis, das Genauhinsehen und Reflektieren vermittelt er auch in seinen Texten.
Schon früh setzte Brendel mit seinem Engagement für die damals eher wenig gespielten Werke Schuberts und vor allem Liszts Maßstäbe.
Ein Aufsatz von 1961 mit dem Titel „Der mißverstandene Liszt“ dokumentiert seinen Einsatz für den damals als Salonvirtuosen verkannten Komponisten: „Seine Klaviermusik – in so hohem Maße auf eine Wiedergabe angewiesen, die das Materielle des Klavierspiels vergessen macht – ist zu einem Vehikel für die bloß manuell Begabten geworden. (Dort, wo Liszt gerade in Ungnade steht, widmen sich die Schüler der Konservatorien mit demselben blinden Eifer der Zertrümmerung von Prokoffjew-Sonaten.) In Wirklichkeit stand er in zorniger Opposition zum Salonvirtuosentum seiner Zeit. Er war in erster Linie ein Ausdrucksphänomen – ‚Genie des Vortrags‘ nannte ihn Schumann – und er war es so sehr, daß er sogar Czerny- und Cramer-Etüden mit hinreißendem Leben erfüllte.“
Musikgeschichtliches, Musikphilosophisches und Interpretationsgeschichtliches mischen sich in diesem Buch zu einer anregenden und kenntnisreichen Diskussion über die „offene Frage“ Musik. Brendels Credo als Pianist ist der sangliche, der sprechende Charakter von Musik. Wie beredt Brendel auch mit Sprache umzugehen versteht, das beweist diese Textsammlung einmal mehr.
R. Jungwirth



Münchner Philharmoniker


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